London Klavier für alle – am Londoner Bahnhof St. Pancras kann jeder Pianist sein

London. Manchmal dringt die Magie durch die Geschäftigkeit hindurch. Dann bleibt der Franzose Jérôme gerne ein paar Minuten stehen und lauscht den Klavierklängen, die sich im Londoner Bahnhof St.
31.01.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von KATRIN PRIBYl

Manchmal dringt die Magie durch die Geschäftigkeit hindurch. Dann bleibt der Franzose Jérôme gerne ein paar Minuten stehen und lauscht den Klavierklängen, die sich im Londoner Bahnhof St. Pancras ausbreiten und die Hektik tausender Passagiere übertönen. Hier wird ein bisschen herumgeklimpert, da bringen Eltern ihren Kindern den Flohwalzer bei, doch immer wieder geben wahre Talente eine Kurzvorstellung. Oft sind es Wartende, die die Möglichkeit nutzen, ihre Lieblingsstücke, ob Jazz, Klassik oder Pop, auszuprobieren. Und nicht selten versammeln sich spontan Menschen um den Spielenden herum. Der Bahnhof wird zur Bühne, die zum Publikum kommt. „Mir zaubert das jedes Mal ein Lächeln aufs Gesicht“, sagt Jérôme.

Dass zwei öffentliche Klaviere im Bahnhof fest installiert wurden, ist dem britischen Künstler Luke Jerram zu verdanken. Sie sind so etwas wie Überbleibsel des Projekts „Play Me, I‘m Yours“ (Spiel mich, ich bin deins), das 2012 in London realisiert wurde, und mit dem er seit sieben Jahren durch die Welt tourt. Dafür lässt er für einen Zeitraum von meist zwei bis vier Wochen Klaviere an Haltestellen, in Parks, nahe Sehenswürdigkeiten, auf Märkten, Plätzen und Brücken aufstellen. In allen erdenklichen Farben bemalt, mit Ornamenten, Streifen und Punkten verziert oder mit Blumen und Basteleien dekoriert sollen sie den Menschen die Chance geben, „ihre Kreativität mit anderen zu teilen“, so Jerram. Er ermutigt Partnerstädte sowie lokale Künstler, die alten ausrangierten Klaviere zu gestalten und möchte damit zeigen: „Jeder darf auf ihnen spielen.“ Er wolle mit den Projekten auf Zeit „soziale Schranken aufbrechen“. Die Idee kam ihm, als er mal wieder seinen Stamm-Waschsalon besuchte und wie jedes Wochenende dieselben Menschen traf. Doch keiner sprach miteinander. „Ein Piano aufzustellen, schien mir die Lösung des Problems“, erinnert sich der Künstler. Es würde die Leute aufrütteln und als Katalysator für Gespräche wirken. Und so sollte es schlussendlich kommen. An einem Bahnhof in São Paulo traf Jerram auf ein kleines Mädchen, das am Spielen war, während die Mutter vor Rührung weinen musste. Es war das erste Mal, dass sie, die als Putzfrau zu wenig Geld verdiente, um ein Klavier zu kaufen, ihre Tochter am Piano hörte. „Es war ein wunderschöner Moment“, sagt Jerram. Mittlerweile erreichte er mit seiner Straßenkunst, die meistens unter freiem Himmel stattfindet, bereits Millionen von Menschen. Mehr als 1300 Pianos standen über die Jahre in etwa 45 Städten, von New York über Santiago und Melbourne bis London. Im Jahr 2013 wirkte München als erste deutsche Stadt an der Klavier-Aktion mit. Manchmal wollen die Menschen die Klaviere überhaupt nicht mehr hergeben. Wie in London nach einem Festival 2012, als 21 Instrumente, unter anderem nahe der Tower Bridge und an der Kathedrale St. Paul‘s für musikalische Stimmung sorgten. Als das Festival zu Ende ging, entschieden sich die privaten Betreiber des Bahnhofs St. Pancras, die beiden Exemplare zu behalten und sich fortan selbst um die Reparaturen und das Stimmen der Instrumente zu kümmern. Mittlerweile handelt es sich nicht mehr um die bunt bemalten Originale, diese waren durchgespielt. Doch das Konzept ist dasselbe geblieben. „Es ist großartig zu sehen, wie sich das Projekt entwickelt hat“, sagt Sally Reay. Derweil nimmt am Londoner Bahnhof ein Mann am dunkelbraunen Klavier Platz, er stellt zwei Einkaufstüten neben dem Piano ab, dann greift er in die Tasten und hüllt die Halle ein mit der dritten Klaviersonate Op. 58 in h-Moll von Frédéric Chopin. Da ist er wieder, der magische Moment inmitten Geschäftigkeit und Lautsprecherdurchsagen.

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