Gut versteckt und bei seinen Bewohnern beliebt: Im Zietenviertel herrscht eine besondere Atmosphäre Kleinteiligkeit bedeutet Lebensqualität

Ungefähr so muss es ausgesehen haben, das „alte Walle“: Die kleinen Häuser im Zietenviertel wurden um 1900 herum gebaut. Heute fühlen sich in dem Quartier junge Familien, alteingesessene Waller, Studenten und Künstler zu Hause.
21.11.2013, 00:00
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Von Anne Gerling

Ungefähr so muss es ausgesehen haben, das „alte Walle“: Die kleinen Häuser im Zietenviertel wurden um 1900 herum gebaut. Heute fühlen sich in dem Quartier junge Familien, alteingesessene Waller, Studenten und Künstler zu Hause.

Ein bisschen wie aus Zeit und Raum gefallen wirken die kleinen Häuser im Zietenviertel, das gut versteckt und fast ein bisschen verträumt zwischen Elisabethstraße, Helgolander Straße, Vegesacker Straße und Waller Heerstraße liegt. „Generalsviertel“ wird das Quartier manchmal noch genannt, denn die schmalen Querstraßen zwischen Zieten- und Seydlitzstraße sind allesamt nach früheren Generälen benannt, und größtenteils weisen sie noch Kopfsteinpflasterung auf.

Die kleinen Einfamilienhäuser in diesen Straßen hat ab 1898 der „Gemeinnützige Bremer Bauverein“ errichtet. Ähnlich wie im „Heimatviertel“ wurden sie durch Mietkauf zu Eigentum. Mehrere Generationen wohnten dort um 1900 jeweils unter einem Dach. Seinerzeit war die Zietenstraße eine belebte Straße mit etlichen Geschäften.

Lebendig geht es dort auch heute noch zu. Davon kann zum Beispiel Christina Müller berichten. Die „überzeugte Wallerin seit 1989“ zog 2005 in die Zietenstraße Nummer 37 – exakt 100 Jahre nachdem das schmucke Haus erbaut wurde. Zu ihrer Entscheidung für den Umzug hätten damals mehrere Freunde beigetragen, erzählt Christina Müller – etwa die Malerin Maggie Luitjens. 2003 hat diese die ehemalige Warncke-Eisfabrik ein paar Häuser weiter gekauft und im Laufe der folgenden Jahre zu Künstlerateliers umgebaut. Den benötigten Kredit habe ihr damals eine Bank in Ostfriesland gewährt, wo sie aufgewachsen war und noch ein Konfirmandenkonto hatte, bekennt Luitjens.

Wer sie in der Eisfabrik zum ersten Mal besucht, erlebt eine Überraschung: Hinter Haus Nummer 45 eröffnet sich ein großzügiger Innenhof mit Birnbaum und Garten, der zu den Ateliers und einer neuen kleinen Galerie führt. Diese ist dienstags und mittwochs von 14 bis 18 Uhr sowie donnerstags und sonntags von 16 bis 19 Uhr geöffnet. Dort zeigt Maggie Luitjens Arbeiten ihrer Kollegen – seit 25 Jahren sammelt sie Kunst.

„Bis in die Siebzigerjahre wurde hier Eis produziert. Dann stand das Ganze neun Jahre leer, bis ich es gekauft habe. Immer, wenn ein Bild verkauft war, habe ich neue Fenster und Türen gekauft und dann nacheinander die Ateliers fertig gemacht“, blickt Maggie Luitjens zurück. Heute arbeiten dort außer ihr noch sieben andere bildende Künstler, darunter zum Beispiel Jub Mönster.

Eine andere Künstlerin sorgt seit 2006 für internationales Publikum im Quartier: Petra Heitkötter betreibt mehrere Gästehäuser im Zietenviertel, in denen sie Apartments an Gäste aus aller Welt vermietet. Weltoffen präsentiert sich ferner die Hoffnungskirche. Sie hat 1930 das Grundstück an der Zietenstraße 59 erworben und betreibt dort ein Gemeindezentrum und einen Kindergarten: Seit vielen Jahren stellt sie ihre Räumlichkeiten einer Gemeinde tamilischer Christen aus Sri Lanka zur Verfügung.

Das Viertel habe sich „richtig schön entwickelt“, schwärmt Christina Müller. Unterdessen spielt ihr Sohn Anton mit seinem Freund Henri auf der Straße Fußball. Was gefällt ihr besonders gut? „Die interessante Mischung aus jungen Familien, Studenten, Älteren, Künstlern, Gewerbetreibenden und ‚Multikulti‘“. Jeder helfe jedem, so ziemlich jedes Haus habe eine Geschichte. Auf den Klingelschildern von Haus Nummer 9 zum Beispiel finden sich ausschließlich chinesische Namen. Der Hauseigentümer sei Chinese, weiß der frisch gebackene Verfahrenstechniker Yulai Feng, und vermiete schon seit etwa zehn Jahren an chinesische Studenten. Feng ist im Dezember 2007 eingezogen und schätzt vor allem die gute Verkehrsanbindung und die Einkaufsmöglichkeiten vor der Haustür, zumal er gerne und häufig mit seinen Mitbewohnern koche.

In dem kleinen Ladenlokal an der Ecke Zietenstraße/Elisabethstraße sind bunte Garnrollen und Reißverschlüsse in unterschiedlichen Längen und Ausführungen hinter der Glasscheibe zu erkennen. Gülistan Gencer betreibt dort seit vier Jahren eine Änderungsschneiderei. Sie muss nicht lange nachdenken, weshalb sie sich im Zietenviertel wohlfühlt: „Wegen der vielen netten Kunden!“

Der Kolonialwaren- und Delikatessenladen von Joh. Fr. Meyer an der Ecke Zietenstraße/Schwerinstraße war früher weit über das Viertel hinaus bekannt. „60 Jahre lang wurden Delikatessen verkauft“, erzählt Horst Ehlert. Vor drei Jahren ist der Künstler, der sich am liebsten kreativ mit dem Thema „Zeit“ auseinandersetzt, in das Haus eingezogen und hat nach dem Motto „Kunst statt Kaviar“ im Erdgeschoss die Produzentengalerie „2nach4“ eröffnet. Jeden Donnerstag ab 16 Uhr ist sie für jeden zum Klönen geöffnet. Den Namen der Galerie erklärt Ehlert wie folgt: „Wenn man von der Straßenbahn aus durch die Zietenstraße hierher kommt, dann hat das Gebäude dort die Nummer 4. Der andere Gebäudeteil liegt in der Schwerinstraße Nummer 2. Macht ‚2nach4‘“. Über Berlin ist Ehlert von Köln nach Bremen gekommen, und für ihn steht eindeutig fest: „Das hier ist die beste aller Straßen!“

Am Rand des Zietenviertels, in der Vegesacker Straße 53, betreibt Erwin Jäckel den Naturkostladen „Blockhaus“. Als er 1988 mit seinem Bioladen anfing – damals noch in den ehemaligen „Brodelpott“-Räumlichkeiten neben der alten Schule an der Elisabethstraße – waren zwei Versuche mit Geschäften gescheitert, berichtet er gut gelaunt. Heute kauft das gesamte Viertel bei ihm ein. Viele treffen sich auch gern mal mit Erwin Jäckel im Blockhaus, um hinten im Geschäft mit dem Betreiber bei einem Glas Wein über die Welt und das Leben zu plaudern.

Diese Möglichkeit gibt es übrigens auch bei Erwin nebenan – in „Marions Zeitungsladen“ – und ebenso an der anderen Seite des Zietenviertels, im „Freiraum“ an der Ecke Helgolander Straße/Zietenstraße. Vor eineinhalb Jahren haben die Argentinierin Luz Aragni und Lars Wolters die ehemalige kleine Eckkneipe zu neuem Leben erweckt. Sie laden in der Mischung aus Kneipe und Café nun zu unterschiedlichen Veranstaltungen ein. „Früher war das ganze Haus ein ,Puff’“, weiß Aragni aus Erzählungen. Heute gilt das „Freiraum“ als weiterer Treffpunkt im Quartier.

Gerade ist eine Nachbarin da und erzählt von ihrer jüngsten Verschönerungsaktion: Sie hat kürzlich das Straßenschild und den Baum direkt vor der Tür des Cafés „bestrickt“: Bunte Ringel zieren nun beide Objekte. „Zwischendurch hatte ich keine Lust mehr und habe einfach einen Korb mit Wolle hier hingestellt. Die Leute haben dann immer mal mitgemacht“, erzählt sie freudestrahlend. Die Bewohnerinnen und Bewohner im Quartier machen es sich eben mit vereinten Kräften schön.

Hinter den Mauern von Hausnummer 9 leben Chinesen, vornehmlich Studenten, wie der frisch gebackene Verfahrenstechniker Yulai Feng berichtet.

Naturkostladenbesitzer Erwin Jäckel und Anwohnerin Christina Müller mögen ihr lebendiges Viertel und schätzen die Plauderei zwischendurch.

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