Der Fall Schlesinger Unbehagen herrscht auch bei den Befürwortern

Die Affäre um Patricia Schlesinger muss für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk Anlass sein, sich seinen Kritikern ehrlich zu stellen. Sonst könnte die Akzeptanz weiter schwinden, meint Iris Hetscher.
11.08.2022, 18:16
Lesedauer: 3 Min
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Unbehagen herrscht auch bei den Befürwortern
Von Iris Hetscher

An Stoff mangelt es nicht für "Patricia Sch. – Aufstieg und Fall". Kreative Köpfe, die grandiose, bitterböse Serien wie "Bad Banks" oder "King of Stonks" ersonnen haben, würden diesen Arbeitstitel sicher noch zuspitzen. Beim Inhalt wäre das nicht notwendig. Denn das, was seit Sonntag, als Schlesinger auch als Intendantin des RBB zurückgetreten ist, öffentlich wird, ist ungeheuerlich genug. Von den schon legendären Massagesesseln über Abendessen, bei denen Beamte wie die Berliner Polizeipräsidentin beinahe verzweifelt darauf bestehen, dass sie rein privater Natur gewesen sein sollen. Bis hin zu (angeblichen) Abfindungsforderungen und Ermittlungen der Staatsanwaltschaft.

Das Schlimmste daran ist die ins Maßlose reichende Selbstherrlichkeit, mit der Schlesinger offenbar das System öffentlich-rechtlicher Rundfunk ausgenutzt hat. Am Donnerstag legte der "Spiegel" mit einer Geschichte über eine dreitägige Dienstreise zu einem Benefiz-Essen nach London nach. Beim RBB sei niemandem klar, "welchen dienstlichen Anlass" es dafür gegeben habe, heißt es. Das alles wäre schon skandalös genug, handelte es sich um eine durch Gebühren finanzierte Einrichtung, die bislang unauffällig vor sich hin gearbeitet hätte.

Aber es trifft den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in einer Zeit, in der dieser sich längst nicht mehr nur für sein Programm und die Vielzahl an Spartensendern rechtfertigen muss. Sondern für seine Existenz. Mit der AfD sitzt eine Partei im Bundestag, die immer wieder das Aus für den "Staatsfunk" fordert. Unter Hashtags wie "GEZabschaffen" kübeln Kritiker ihren Hass auf ARD und ZDF in die sozialen Medien. Das ist in seiner Radikalität leicht abzutun als bösartig. Doch längst hat sich eine Art Unbehagen, vielleicht sogar ein Schmerz, auch bei denen breit gemacht, die das System für das halten, was es definitiv ist: Im Prinzip eine sehr gute Idee.

Etwas scheint aus den Fugen geraten zu sein. Die Erhöhung der Haushaltsabgabe wird stets mit dem Mantra gerechtfertigt, das Geld benötige man – mindestens –, um das vielfältige und demokratische Miteinander abzubilden. Ein hehres Ziel. Selbstverständlich muss mit diesen 8,4 Milliarden Euro pro Jahr aber genauso sorgsam umgegangen werden wie mit Steuergeld, weil es kein freiwillig entrichteter Beitrag ist. Wie kann es dann sein, dass bei Patricia Schlesinger alle Aufsichtsgremien versagt haben? Auch ihr Vize Hagen Brandstäter, Interims-Intendant, will von nichts gewusst haben. Warum schießen die Kosten für Neubauten des RBB oder des WDR in Köln derart ins Kraut? Dass es sich beim Fall Schlesinger um eine Art Ausrutscher handeln könnte, man mag es kaum glauben.

Die Frage stellt sich, ob ARD und ZDF nicht zu sehr um sich selbst kreisen, was einen Hang zum Filz immer einschließt. Intendant oder Intendantin werden ausschließlich Eigengewächse, Parteibücher spielen dabei übrigens eine durchaus ungute Rolle. Managerqualitäten, wie man an Schlesinger sieht, allerdings weniger  – und warum sollte sich ein Medienprofi von außerhalb eigentlich nicht in die Besonderheiten und Strukturen einarbeiten können, so wie es in anderen Unternehmen der Fall ist?

Auch das Programm der Sender wirkt mitunter so, als würde hier eine Parallelwelt beschworen. In dieser gelten eigene, total gut gemeinte Regeln, die man missionarisch ins Land hinauspustet, auf das dieses ein besseres werde. Da wird gegendert, obwohl das alles andere als gesellschaftlicher Konsens ist. Und übrigens eine sprachliche Hürde für Menschen, die nicht so gut Deutsch können. Konservative Positionen werden nicht einmal mehr von den Kommentatoren des Bayerischen Rundfunks vertreten. Dabei gehören auch solche Beiträge zu der Vielfalt, für die die Sender stehen sollen.

Die Affäre um Patricia Schlesinger darf nicht als Einzelfall behandelt werden, der schnell in der Versenkung verschwindet. ARD und ZDF täten gut daran, dass Feld nicht denen zu überlassen, die "abschalten" krakelen. Das geht aber nur, wenn über wirklich alle Kritikpunkte offen und ehrlich diskutiert wird. Das ist mühsam, wäre aber eine sinnvolle Investition in die Zukunft.

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