Diskussion beim Lumix-Festival Kriegsfotos: Wieviel Leid kann man sich anschauen?

Fotos von toten Kindern in Syrien oder von Opfern nach einem Terroranschlag - wieviel Leid dürfen Bilder in den Medien zeigen? Darum ging es bei einer Diskussion beim Fotofestival Lumix in Hannover.
20.06.2016, 00:41
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Joachim Göres

Fotos von toten Kindern in Syrien oder von Opfern nach einem Terroranschlag - wie viel Leid dürfen Bilder in den Medien zeigen? Darum ging es bei einer Diskussion beim Fotofestival Lumix in Hannover.

Das Gesicht der ermordeten britischen Labour-Abgeordneten Jo Cox kennen seit einigen Tagen Internetnutzer, Fernsehzuschauer und Zeitungsleser in aller Welt – durch die Medien, die zu der Nachricht von ihrem Tod Bilder liefern. Doch welche sind angesichts ihres Schicksals angemessen? Archivbilder der strahlenden Frau, Fotos vom abgesperrten Tatort mit einem am Boden liegenden Opfer, Aufnahmen von trauernden Menschen am Ort des Geschehens? Viele Redaktionen haben sich für ein Blumenmeer am Tatort entschieden, an dem ein Foto von Cox aufgestellt wurde. Michael Pfister, Leiter der Bildredaktion von Zeit Online, hat ein anderes Motiv ausgewählt. „Wir wollten eine eigene Perspektive zeigen. Ein Fotograf hat uns Bilder vom Nachbarn des Täters geliefert, der sich weg bewegt. Man kann nicht sehen, wo das Foto aufgenommen wurde, es soll bewusst vieles offen lassen“, sagt Pfister.

Er diskutierte am Wochenende mit Medienfachleuten auf dem Fotofestival Lumix in Hannover über „Bilder als Dokument der Realität – Was muten wir dem Betrachter zu?“. Dabei ging es vor allem um Aufnahmen aus Kriegsgebieten wie Syrien und Afghanistan. Dem Publikum wurden anfangs drei von Bild.de verbreitete Kinderfotos gezeigt, darunter ein in Syrien durch Nervengas getötetes Kind in Großaufnahme, mit geschlossenen Augen und aufgerissenem Mund. Dieses Foto hat die Kommission für Jugendmedienschutz beanstandet, es wird möglicherweise zu einem Prozess wegen der Verbreitung kommen.

"Was im Krieg passiert, muss man dokumentieren"

Beim „Stern“ würden solche Fotos nicht gedruckt, versichert der Leiter der Bildredaktion Andreas Trampe. „Ich finde es ekelerregend, wenn man den Schaum im Mund sehen kann. Es ist keine gute Strategie, Leser damit zu verschrecken. Man muss nicht so nah rangehen, um den bildlichen Beweis für den Giftgaseinsatz zu führen“, sagt Trampe und fügt hinzu: „Es gibt das Vorurteil, dass besonders grausame Fotos die Auflage steigern. Wenn man Pech hat, ist es genau umgekehrt. Kein Leser kauft den ‚Stern‘, weil er hofft, dass brutale Bilder drin sind.“ 18.000 Fotos bekommt seine Redaktion täglich angeboten − davon werden 40 in die engere Auswahl genommen.

Der Fotograf Christoph Bangert weiß, dass er mit seinen Aufnahmen aus Kriegsgebieten in den Redaktionen umso weniger Chancen hat, je genauer sie die den Opfern zugefügte Gewalt zeigen. Er macht sie trotzdem. „Was im Krieg passiert, muss man dokumentieren. Bilder können keine Kriege beenden. Das können nur Menschen, die emotional berührt sind. Das zu erreichen ist unsere Aufgabe“, ist Bangert überzeugt. Die Ablehnung von drastischen Fotos durch Redaktionen wie „Stern“, „Zeit“ oder „Neue Züricher Zeitung“ sei frustrierend – Bangert hat als Konsequenz das Buch „War Porn“ mit etlichen dieser Fotos veröffentlicht. „Das sind nur Abbilder, nicht die Realität. Die ist viel, viel schlimmer. Ich will nicht schockieren, sondern eine Reflexion beim Betrachter in Gang setzen“, sagt Bangert.

Sigrun Müller-Gerbes ist Mitglied im Deutschen Presserat und Redakteurin der „Neuen Westfälischen“ in Bielefeld. Als die Zeitung im September das weltweit bekannt gewordene Foto von dem tot am Strand liegenden syrischen Flüchtlingsjungen Aylan abdruckte, gab es Proteste. „Kinder sehen am Frühstückstisch das Bild, wie können Sie ihnen das zumuten?“ – so lautete die häufig geäußerte Kritik. Müller-Gerbes: „Wir haben uns zum Abdruck entschlossen, weil es sich um ein wichtiges Zeitdokument handelt und das Gesicht des Jungen nicht zu erkennen war. Insgesamt überwog das Verständnis bei den Lesern. Bestätigt fühlen wir uns durch den Vater des Jungen, der ausdrücklich die Veröffentlichung begrüßte.“ Sie betont: „Es gibt kein Recht der Gesellschaft, von Kriegsbildern verschont zu bleiben.“

Kritik an Amateurbildern

Unterschiedliche Meinungen gibt es zur Verwendung von Fotos, die von Amateuren stammen. So hat der „Stern“ vom Anschlag auf einen Bus in London ein Foto gezeigt, auf dem die verschreckten Gesichter der überlebenden Fahrgäste zu sehen sind – es war von einem Gast in einem gegenüberliegenden Café mit seinem Handy gemacht worden. „Für uns geht es nicht um die Frage Laie oder Profi, sondern gut oder schlecht. Dabei muss man überprüfen, ob man dem Bild trauen kann“, sagt Trampe. „Immer häufiger landen Bilder in der Zeitung, die von Amateuren unter unklaren Verhältnissen aufgenommen wurden. Sie werden über soziale Netzwerke verbreitet und dienen nicht selten Propagandazwecken“, kritisiert Müller-Gerbes.

Wie verhalten sich Medien, wenn es nicht um Opfer von Gewalt geht, sondern Menschen zu sehen sind, die sich schlagen, andere verletzen, gar töten? „Bei den prügelnden Hooligans jetzt während der Fußball-EM müssen wir keine Gesichter zeigen, es reichen Übersichtsfotos. Das ist die generelle Haltung bei ‚Zeit Online‘ zu diesem Thema“, sagt Pfister. Er weiß zugleich um die Bedeutung von Bildmaterial für Online-Medien. „Es gibt von der ‚New York Times‘ Prognosen, dass künftig der visuelle Content 60 Prozent des Inhalts ausmachen wird. Auch bei uns wird der Anteil von Fotos und Datenvisualisierungen zunehmen.“

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+