Documenta Nur ein Besuch in Kassel ermöglicht die Auseinandersetzung

Nur ein Besuch der Ausstellung erlaube es, sich eine eigene Meinung zu bilden. Man sollte die Documenta in Kassel also selbst besuchen, meint Gastautor Christoph Grunenberg, Direktor der Kunsthalle Bremen.
06.08.2022, 19:25
Lesedauer: 2 Min
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Von Christoph Grunenberg

Viel ist über die gegenwärtige Ausgabe der Documenta geschrieben worden – vielleicht zu viel. Die eigentliche Ausstellung mit ihren Hunderten von Künstlerinnen und Künstlern und Werken an Dutzenden von Standorten in Kassel ist dabei in den Hintergrund getreten.

Die Skandale um antisemitische Darstellungen, Personaldiskussionen und die Kritik an Organisationsstrukturen und Kontrollmechanismen haben radikale Formen der Kunstproduktion überschattet. Und der mediale Dauerbeschuss hat manchem Kunstinteressierten den Appetit auf die Großausstellung gründlich verdorben.

Mein Appell dagegen lautet: Auf zur Documenta! Denn eine Form der praktizierten Demokratie ist die aktive Auseinandersetzung mit kulturellen Produkten und das direkte Eintauchen in den politischen Diskurs. Mit der Documenta haben wir eben diese seltene Möglichkeit: uns durch intensive ästhetische Erlebnisse eine eigene Meinung zu bilden und unmittelbar und gut informiert an der aktuellen Diskussion teilzunehmen.

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Das kann anstrengend sein und fordert viel Aufmerksamkeit und Geduld. Die Ausstellung in Kassel bietet in der Tat oft keine einfache Kost und fordert unsere Seh- und Denkgewohnheiten heraus. Die authentische Erfahrung der Kunstwerke muss aber vor Ort und im Kontext der Ausstellungsräume und des urbanen Umfelds stattfinden. Sie propagiert ein radikales Vertrauen in die Macht der Kunst, Missstände durch kollektive Aktionen aufzuzeigen und die Welt zum Besseren zu verändern.

Das ist ästhetisch nicht immer überzeugend, manchmal naiv, oft aber auch bewegend oder einfach inspirierend. Es signalisiert eine paradigmatische Verlagerung: weg vom individuellen Künstlergenie, vom vollendeten Einzelwerk und von der Hegemonie der westlichen Welt. Hin zu kollektiven, partizipativen Aktionen und dem sogenannten globalen Süden.

Einer der großen Erfolge der Ausstellung ist die Durchdringung der urbanen Struktur abseits der üblichen Ausstellungsorte. Dies gibt uns die Möglichkeit, den rauen Charme der Vororte und Industrieruinen wie die bukolische Idylle der fürstlichen Karlsaue hautnah zu erleben. Wenn die Biennale in Venedig durch die Geschichte und den Glanz der Stadt geprägt wird, so wird die Stadt Kassel essenziell durch die Documenta geformt und aufgewertet. Der hohe Anspruch der Documenta, durch Kunst eklatante Ungerechtigkeiten anzuklagen, Bewusstsein zu schaffen und zu gesellschaftlichem Wandel beizutragen, wird so zu einem gewissen Grad vor Ort eingelöst.

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Zur Person

Unser Gastautor ist seit 2011 Direktor der Kunsthalle Bremen. Zuvor war der Kunsthistoriker Direktor der Tate Gallery im englischen Liverpool.

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