William-Kentridge in den Deichtorhallen Totentanz mit Blaskapelle

Eine der bisher umfangreichsten Ausstellungen mit Werken des südafrikanischen Künstlers William Kentridge zeigen die Hamburger Deichtorhallen. Zu sehen sein wird sie bis April 2021.
23.10.2020, 09:44
Lesedauer: 3 Min
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Von Nadine Wenzlick

„Sehr gerne hätte ich William ­Kentridge hier heute an meiner Seite begrüßt“, sagt Dirk Luckow, Intendant der Deichtorhallen Hamburg am Donnerstag bei der Präsentation der neuen Ausstellung. „Aber durch die Corona-Situation ist das leider nicht möglich“. Zweimal musste die Ausstellung „Why Should I Hesitate: Putting Drawings To Work“ verschoben werden. Doch das Warten hat sich gelohnt. In der Halle für aktuelle Kunst erwartet Besucher ab sofort eine der bisher größten Werkpräsentationen des südafrikanischen Künstlers.

William Kentridge, der sich auch als Theater- und Opernregisseur einen Namen gemacht hat, gehört zu den weltweit bedeutendsten zeitgenössischen bildenden Künstlern. Er wurde 1955 in Johannesburg geboren, wo er bis heute lebt und arbeitet. Während der Apartheid vertraten seine Eltern bei Gerichtsprozessen vor allem Schwarze, und so begann Kentridge früh damit, die Geschichte und die sozialen Umstände Südafrikas in seiner Kunst zu reflektieren: Kolonialismus, Apartheid und Totalitarismus, aber auch soziale Ungerechtigkeit, Flucht und Vertreibung sind zentrale Aspekte seiner Arbeiten.

Sie wurden weltweit gezeigt – vom Museum of Modern Art in New York über das Louvre in Paris bis zur Documenta in Kassel und der Biennale in Venedig. Auch in der Kunsthalle Bremen und im Museum Weserburg sind oder waren Werke des Künstlers zu sehen.

Die Schau lebt von ihrer Inszenierung

„Ich hatte schon lange Interesse, William ­Kentridge nach Hamburg zu holen“, sagt Dirk Luckow. „Auch in Deutschland ist die Kolonialgeschichte noch nicht komplett aufgearbeitet. Mit ‚Streamlines’ hatten wir schon mal eine Ausstellung zu der Thematik, für die wir Künstler aus Ländern eingeladen haben, die in der Vergangenheit koloniale Verbindungen nach Hamburg hatten. Daran anknüpfend wollte ich gerne einen Künstler, dessen Werk eine Tiefe und Dimension hat, die in der Größe dieser Halle funktioniert.“

Die Ausstellung „Why Should I Hesitate: Putting Drawings To Work“, die bis zum 18. April 2021 zu sehen sein wird, wurde vom Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (Zeitz MOCAA) in Kapstadt zusammen mit William Kentridge konzipiert und organisiert. Bühnenbildnerin Sabine Theunissen hat sie den Räumlichkeiten in Hamburg angepasst. Die Schau lebt nicht nur von den Kunstwerken selbst, sondern auch von ihrer gelungenen Inszenierung. Gezeigt werden 180 Werke aus mehr als vier Jahrzehnten, darunter Zeichnungen, Animationsfilme, Videos, Drucke, Skulpturen, Tapisserien und groß angelegte Installationen.

Nach einer kurzen Einführung in die Biografie von Kentridge sowie die Chronologie Südafrikas beginnt die Ausstellung mit frühen Drucken und Zeichnungen. Drei Sieb-­drucke aus dem Jahr 1988 setzen sich mit der Rolle der Kunst auseinander, die Folge „Little Morals“ derweil zeigt Südafrikas Übergang zur Demokratie auf. Es folgen die Videoinstallation „Ubu Tells The Truth“ – eine Arbeit über Gewalt, Verrat, Heuchelei und Vertuschung der Verbrechen des Apartheidstaats – und drei ganz unterschiedliche Videoboxen.

Die wohl spektakulärste Arbeit trägt den Titel „More Sweetly Play Dance“: Die 45 Meter lange Videoprojektion entstand zu Zeiten der Ebola-Krise und wirkt wie eine Totentanz-Prozession, begleitet von einer afrikanischen Brass-Band. Aber auch biografische Seiten finden in der Ausstellung Platz: Neben einem Leseraum – Kentridge arbeitet sich in jedes von ihm bearbeitete Thema akribisch ein – gibt es auch einen Nachbau seines Ateliers in Johannesburg, voll mit Radierungen, Lithografien, Siebdrucken, Bronzeskulpturen und dreidimensionalen Zeichnungen.

Zu den weiteren gezeigten Arbeiten gehören großformatige Bildteppiche und das Werk „O Sentimental Machine“, das von dem Revolutionsführer Leo Trotzki handelt, Vorlagen für den 500 Meter langen Fries „Triumphs and Laments“, der 2016 entlang des Tiber-Ufers in Rom präsentiert wurde und sich mit der Geschichte der Stadt beschäftigt, sowie die Videoinstallation „Kaboom!“, die der rund eine Million AfrikanerW gedenkt, die im ersten Weltkrieg ums Leben kamen. Und natürlich dürfen auch Kentridges auf Kohlezeichnungen basierende Filme nicht fehlen – eine ­Serie, die er 1989 begann und die am Ende der Ausstellung in einem Kinosaal präsentiert wird. Dafür, dass die Ausstellungseröffnung ohne ihn über die Bühne gehen musste, entschuldigte Willam Kentridge sich per Videobotschaft. Er freue sich jedoch ungemein, dass die Deichtorhallen die Werkschau möglich gemacht haben. Sein Wunsch: „Ich hoffe, dass ich in den nächsten Monaten nach Hamburg kommen kann“.

Weitere Informationen

William Kentridge: „Why Should I Hesitate: Putting Drawings To Work“. Deichtorhallen Hamburg, bis 18. April 2021. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag, 11 bis 18 Uhr, montags ­geschlossen. Jeden ersten Donnerstag im ­Monat 11 bis 21 Uhr.

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