Obstbilder von Picasso bis Warhol Kunsthalle Emden zeigt "Vitaminbomben"

Die Emder Kunsthalle zeigt unter dem Titel „Vitaminbombe“ appetitliche Obstbilder von Picasso bis Warhol. Von Samstag an ist die Ausstellung bis zum 29. Mai für Besucher geöffnet.
13.02.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Groth

Die Emder Kunsthalle zeigt unter dem Titel „Vitaminbombe“ appetitliche Obstbilder von Picasso bis Warhol. Von Samstag an ist die Ausstellung bis zum 29. Mai für Besucher geöffnet.

Sie sind prall und saftig, expressiv überzeichnet, sehr realistisch und manchmal auch nur noch als kleiner Rest vorhanden – die Früchte des Rainer Wild. Der Heidelberger Unternehmer sammelt seit 40 Jahren Obstbilder, unter anderem deshalb, weil er mit Früchten sein Geld verdient hat. Nun zeigt die Kunsthalle Emden unter dem Titel „Vitaminbombe“ fast 120 Bilder, Skulpturen und Videoarbeiten aus dieser Privatsammlung. Eine Premiere, denn die Sammlung war in dieser Vielfalt und Opulenz noch nie öffentlich ausgestellt.

Feine Früchtchen hat Rainer Wild in vier Jahrzehnten zusammengetragen. Dabei beschränkt sich der Sammler auf Früchtebilder von Künstlern des 20. und 21. Jahrhunderts. Das Spektrum der mittlerweile mehr als 300 Arbeiten in der weltweit einzigartigen Sammlung reicht von der klassischen deutschen Moderne (Klee, Schmidt-Rottluff, Rohlfs) über die großen Franzosen (Picasso, Chagall, Braque) und die Amerikaner (Warhol, Wesselmann) bis in die Gegenwartskunst, die beispielsweise Ai Weiwei, Karin Kneffel, Jörg Immendorff und Georg Baselitz repräsentieren.

Opulentes Bouquet

Hauptsache Frucht – das jeweilige künstlerische Genre interessiert den Sammler wenig. Der mittlerweile über 70-jährige Rainer Wild, dessen Eltern ebenfalls schon Obst in der Kunst und auf Porzellan sammelten, leitete mit anderen Familienmitgliedern ein weltweit tätiges Unternehmen mit Stammsitz in Eppelheim bei Heidelberg, das natürliche Inhaltsstoffe für die Lebensmittelindustrie produziert. Beruf und Leidenschaft kamen in seiner Person bereits früh zusammen, die Kunstsammlung war teilweise im Unternehmen, teils aber auch in den Privaträumen ausgestellt. Einzelne Leihgaben stellte Wild immer wieder für Museen in aller Welt bereit, monothematische Ausstellungen bestückte er mit seiner Sammlung bisher äußerst selten und dann auch nur im kleinen Rahmen im Südwesten Deutschlands.

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Nun also Emden, Schauplatz der bisher größten Präsentation dieser Früchtebilder. Der Sammler hat ein Drittel seiner Werke für einige Monate an die Kunsthalle entliehen, und die kommissarische künstlerische Leiterin des Hauses, Katharina Henkel, konzipierte daraus ein opulentes Obstbouquet. Arrangiert ist die Präsentation nach Fruchtsorten. Das entspricht wohl auch dem Charakter der Sammlung, in der das klassische Stillleben unterpräsentiert ist und auch die Menschen nur selten ein Gastspiel geben. Ausnahmen sind nur die Skulpturen von Stephan Balkenhol („Bacchus“, 2011), eine Terracotta von Robert Metzkes („Pomona mit Obsthut“, 2008) und bei den Malern Elvira Bachs Bildnis einer Eva mit Schlange und Apfel. Selbst der doppelt vertretene Fernando Botero zeigt keine dicken Frauen, sondern pralle Bananen und einen drallen Obstkorb. 15 Obstsorten von der Ananas über die nur einmal von Lucian Freud 1947 aquarellierte Quitte bis zur Zitrone trifft der Besucher auf dem Gang durch die Ausstellung. Die Kuratorin weist mal einer, mal auch zwei, drei Früchten einen Raum zu – und zeigt dort die Darstellung einer Frucht in allen in der Sammlung Wild vorhandenen Stilen und Formen. Dadurch entstehen bisweilen seltsame Künstler-Kombinationen, die eben nur das Interesse an der Kirsche, am Apfel oder an der Weintraube verband, die aber sonst künstlerische Welten trennen.

So sieht man August Mackes bezauberndes kleines Ölbild zweier roter Äpfel von 1909 neben Bruno Peinados riesigem roten Polyester-Apfel von 2010 und einem winzigen Apfelkerngehäuse von Gavin Turk aus Bronze. Die Zusammenführungen sind kuratorisch nicht ohne Risiko, weil ein Gefühl der Beliebigkeit aufkommen kann. Katharina Henkel hat das in der Emder Kunsthalle allerdings gut gelöst, weil sie die Dominanz mancher Werke – etwa das Riesenformat „Some Peaches“ von Julian Schnabel – an einer Wand isoliert, so dass Karin Kneffels wie Fotografien anmutende Aquarelle von Pfirsichen und Birnen oder auch Paul Klees zartes Aquarell einer Ananasbirne von 1933 nicht erdrückt werden. Ansonsten findet sich in diesem prallen Früchtecocktail alles, was Kunst- und Obstfreunde begehren: ausführliche Erläuterungen zur botanischen Herkunft und zur Bedeutung der jeweiligen Frucht in der Kunstgeschichte mitsamt Ernährungshinweisen, Ikonen der Malerei und Skulptur von Dali über Arman und Beuys bis Picasso, Entdeckenswertes von jungen und noch nicht so bekannten Künstlern wie Laura Buch, Olaf Breuning und Nathalie Djurberg. Zu dieser unter anderem von der Bremer Hollweg-Stiftung geförderten Ausstellung ist ein Katalog mit Rezepten von Eske Nannen und anderen erschienen (160 Seiten, 19,90 Euro).

Nach der publikumsträchtigen „Vitaminbombe“ zeigt die Kunsthalle ab Juni eine Ausstellung zum menschlichen Akt bei Otto Mueller und zur FKK-Bewegung, ab Oktober den norwegischen Maler Nikolai Astrup (1880–1928).

Bis 29. Mai. Dienstags bis freitags 10–17 Uhr, sonnabends und sonntags 11-17 Uhr.

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