Auch Migration ist ein Thema

Kunstpreis der Böttcherstraße: Ausstellung startet

Was beschäftigt junge Künstler heute? Kaum ein Preis gibt darauf so aufschlussreiche Antworten wie der Kunstpreis der Böttcherstraße. Die zehn Nominierungen gibt es ab heute in der Kunsthalle zu sehen.
22.04.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Peter Groth
Kunstpreis der Böttcherstraße: Ausstellung startet

Bon Appetit: "Good Soup" heißt dieses Werk von Emeka Ogboh, das in der aktuellen Ausstellung in der Kunsthalle zu sehen ist.

Kunsthalle Bremen

Was beschäftigt junge Künstler heute? Kaum ein Preis gibt darauf so aufschlussreiche Antworten wie der Kunstpreis der Böttcherstraße. Die zehn Nominierungen gibt es ab heute in der Kunsthalle zu sehen.

Alle zwei Jahre geben die Nominierungen für den Kunstpreis der Böttcherstraße einen umfassenden Einblick in das aktuelle Kunstgeschehen. Die Ausstellung in der Bremer Kunsthalle zu einem der ältesten und mit 30.000 Euro höchstdotierten deutschen Förderpreis zeigt ab diesem Freitag zehn Positionen, die von renommierten international tätigen Kuratoren empfohlen worden sind.

Der Kunstpreis der Böttcherstraße wird in diesem Jahr zum 45. Mal vergeben. Er geht auf eine Initiative der HAG AG zurück, die mit der Auslobung im Jahr 1954 an die zehnjährige Wiederkehr der Zerstörung der Böttcherstraße erinnern wollte. Seit 1985 finden die Ausstellungen zum Preis in der Kunsthalle statt, Träger ist seitdem ein Stifterkreis. Ausgewählt wird der Preisträger von einer international besetzten fünfköpfigen Jury, der unter anderem der künstlerische Leiter der Documenta 14, Adam Szymczyk, angehört.

Weder Maler noch Zeichner unter den Nominierten

Schon die Aufnahme in den Kreis der Nominierten ist für die zehn Künstlerinnen und Künstler eine Auszeichnung. Und da fällt auf, dass darunter weder Maler noch Zeichner sind, dass sich fast alle Künstler mit Zeitphänomenen beschäftigen, also mit gesellschaftlichen Entwicklungen wie etwa Migration, Überwachung, Macht und Ohnmacht.

Die künstlerischen Ausdrucksformen scheinen dabei schier unübersehbar. Idee und Konzept nehmen einen weit größeren Raum als die individuelle Kunstfertigkeit ein. Das geht wie im Fall von Oliver Laric so weit, dass er sich die in seinem Comic-Film auftretenden und ständig in abstrakte Massen verwandelnden Figuren von Kollegen aus Russland, Japan und den USA zeichnen lässt.

Ethnologische Fragen und Antworten

Das Künstlerduo FORT, Alberta Niemann und Jenny Kropp, entwickelt einen Raum aus einer extra abgehängten Decke, acht Türen mit Spionen und ausgeliehenen Fußmatten, um Privatheit, Beobachtung und Überwachung zu thematisieren. Machtlosigkeit und Unzulänglichkeit beschäftigen Peter Wächtler in einem nicht ganz ironiefreien Film, in dem eine Kabelfigur auf Krücken über matschigen Untergrund läuft und doch nicht vorankommt. Töne gibt es nicht, dafür läuft aber permanent eine Textzeile am oberen Bildrand.

Ethnologischen Fragen widmen sich gleich drei Künstler in dieser von der wissenschaftlichen Volontärin Tessa Alex kuratierten Schau. Emeka Ogboh, der sich bisher als Soundkünstler einen Namen machte, thematisiert Migration, Essen und kulturelle Differenzen: Um eine Leuchtschrift „Food is ready“ und zu Geräuschen vom Essen in Gesellschaft drapiert der in Berlin lebende Nigerianer zehn Tafeln mit Bestecken in nationalen Farben und Sternen, die die Beliebtheit eines Landes bei Flüchtlingen und nicht etwa die Essensqualität bewerten.

Die Schweizer Taiyo Onorato und Nico Krebs haben Fotografien von einer Reise in die Mongolei mit Exponaten aus einem Berliner Völkerkundemuseum „ergänzt“ und eine Beton-Skulptur mit goldenen Schrauben dazu gestellt. Julius von Bismarck zeigt auf zwei großen, unmerklich aus vielen Einzelbildern zusammengesetzten Fotografien mexikanische Landschaften, die von Einheimischen erst geweißt und danach in die vermeintlichen ursprünglichen Farben zurückversetzt wurden.

Von Flucht und Identitätssuche

Zwei in einem anderen Raum laufende Videos zeigen diesen Prozess der ganz eigenen Landschaftsmalerei, die etwas über die Wahrnehmung der eigenen Heimat verrät. Flucht und Identitätssuche im wiedervereinten Deutschland beschäftigen die Leipzigerin Franka Kaßner seit Langem – in der Kunsthalle zeigt sie eine große, aus einem undefinierbaren Zugtier und einer Laube auf Rollen bestehende Installation. In der Laube versammelt sie Relikte ihrer Kindheit, einer verlorenen Identität.

Überaus komplex wirkt die Rauminstallation von Katja Novitskova, die eine Ansicht des Mars, ein riesiges Enzym und zwei umgebaute Babywiegen nutzt, um biologische und technologische Grenzen irdischen Lebens zu hinterfragen. Wissenschaftlichen Fragestellungen widmet sich auch Nora Schultz in ihrer aus einem Video und drei Skulpturen bestehenden Arbeit zum Verhältnis von Mond und Erde.

Geradezu poetisch wirkt bei so viel gesellschaftspolitisch determinierter Kunst die Arbeit der Kölnerin Pauline M’barek. Ihr Video und ihre zehn Gipsfiguren thematisieren ein Wahrnehmungsphänomen, das der Umkehrung. Mit Gips hat sie Löcher in Ton ausgegossen.

Die braunen wurzelartigen Plastiken als Abgüsse der Leerstellen entwickeln eine große poetische Kraft – genauso wie das Video. Es zeigt zwei Hände in weißen Stoffhandschuhen, die vor einem schwarzen Hintergrund schwarze Gegenstände betasten. Erst sieht der Betrachter nur die Hände, dann glaubt er an kostbare Artefakte, und am Ende entpuppen sich die Gegenstände als einfache Ketten und Tücher – ein Vergnügen für die Augen.

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