Buchkritik: "Die Eisenbahn" Die letzten Tage gesunden Menschenverstands

Der Roman "Die wilden Detektive" machte Roberto Bolaño kurz vor seinem Tod 2003 berühmt. Mit "Die Eisenbahn" ist nun eines seiner frühen Werke erstmals auf Deutsch erschienen.
27.10.2021, 11:23
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Von Anja Kümmel

Den „Infrarealisten“, jener avantgardistischen Literatur-Bewegung, die er in den 1970er-Jahren in Mexiko-Stadt anführte, huldigt der chilenische Schriftsteller Roberto Bolaño in fast all seinen Werken. In seinem Monumental-Roman „Die wilden Detektive“, der ihn kurz vor seinem Tod im Jahr 2003 schlagartig berühmt machte, nennen sich die schreibenden Rebellen „Realviszeralisten“, in seinem frühen Werk „Die Eisbahn“, das nun erstmals auf Deutsch vorliegt, die „Eisernen Dichter“.

Remo und Gaspar

Das klingt zwar ziemlich martialisch, tatsächlich jedoch sind Remo und Gaspar eher introvertierte, verträumte Typen. Als sich der Exil-Chilene und der Exil-Mexikaner an der Costa Brava wieder treffen, hat Remo sich von der Poesie ab- und dem echten Leben zugewandt: er hat geheiratet, ein Kind bekommen und sich wieder getrennt; er besitzt mehrere Schmuckläden, eine Bar, ein Hotel und einen Campingplatz, auf letzterem verdingt sich der abgebrannte Gaspar einen Sommer lang als Nachtwächter. Seinen Passagen verdanken wir die wohl originellsten Metaphern, die verschrobensten Überlegungen dieses Romans: So imaginiert Gaspar ein Gesicht mit der Eigenschaft eines Radiergummis, er träumt von titanischen Tränen oder bemerkt leichthin: „Der Glanz der Autos metallisierte sich bis an die Schmerzgrenze.“ Mehr als ein ausgereifter Plot ist es diese radikale Hingabe an die Poesie, die Bolaños zweiten Roman auszeichnet.

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Querbezüge und Vorgriffe finden sich in „Die Eisbahn“ zuhauf: Remo kennen wir bereits aus „Der Geist der Science-Fiction“, das Hotel Del Mar ist auch in „Das Dritte Reich“ Hauptschauplatz, und in der polyphonen Struktur kündigt sich jene virtuose Stimmenvielfalt an, die Bolaño in „Die wilden Detektive“ und „2666“ vervollkommnen wird.

Ein Eifersuchtsdrama

Um den Spannungsbogen perfekt zu machen, gesellt sich zu den beiden Lateinamerikanern noch eine dritte Stimme – die des selbstgefälligen katalanischen Lokalpolitikers Enric. Zwei der drei Männer verlieben sich in eine junge Eiskunstläuferin, das Eifersuchtsdrama nimmt seinen Lauf, und irgendwann geschieht ein Mord. Dieser allerdings dient vor allem als Katalysator, um von den Tagen zu erzählen, die ihm vorausgehen – Tage, die Remo beschreibt als „massive Blöcke, von einem einzigen obsessiven Licht beherrscht“. Bolaños unvergleichlich flirrende Sprache, die durchsetzt ist von sarkastischen Seitenhieben, herrlich absurden Einfällen und Sätzen von transzendentaler Schönheit, überrascht und beglückt immer wieder aufs Neue.

Info

Roberto Bolaño: Die Eisbahn. Aus dem Spanischen von Christian Hansen. Verlag S. Fischer, Frankfurt am Main. 224 Seiten, 24 €.

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