Yvonne Zitzmanns "Tage des Vergessens"

Ein Leben ohne Vergangenheit

In Yvonne Zitzmanns Roman "Tage des Vergessens" will ein Professor eine Pille auf den Markt bringen, die Erinnerungen löscht. Erzählt ist er aus der Sicht derjenigen, die die Pille testen.
06.05.2021, 05:00
Lesedauer: 1 Min
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Von Iris Hetscher

Zunächst ist Marian Wechsler skeptisch. „Besser schlechte Erinnerungen als gar keine“, hält er seinem Chef entgegen, dem undurchsichtigen Professor Marx, der davon besessen ist, eine Pille für gezieltes Vergessen auf den Markt zu bringen. Dann jedoch erklärt sich der Ich-Erzähler in Yvonne Zitzmanns Debütroman „Tage des Vergessens“, bereit, das neue Medikament eine Woche lang an sieben Probanden zu testen.

Zitzmann bedient sich des Kunstgriffs, deren Geschichten per Tonbandaufzeichnung wiederzugeben und so jede Figur in ihrem je eigenen Sprachduktus lebendig werden zu lassen: Von der Sängerin, die ihren frühen Ruhm vergessen will, über ein Ehepaar, das eine außereheliche Affäre nicht verkraftet, bis hin zu einem Holocaust-Überlebenden erschafft sie ein Kaleidoskop unterschiedlichster Biografien, in denen sich privates und kollektives Leid, banale Vergehen und unerträgliche Schuldgefühle abbilden. Durch die starke Verdichtung der Erzählungen wirken manche Figuren etwas schablonenhaft – dennoch wachsen sie sowohl dem Studienleiter als auch uns Lesenden schnell ans Herz.

Im Lauf des Experiments verstärken sich Wechslers Zweifel, denn die Effekte der Vergessenspille werfen unweigerlich existenzielle Fragen auf: Was ist der Mensch ohne seine Vergangenheit? Woraus lernt man, ohne Erinnerung? Kann man sich durch gezieltes Vergessen der eigenen Verantwortung entziehen? Wie auch immer die Urteile ausfallen mögen – der zynischen (oder reichlich naiven) Replik des Professors: „Besser ein leerer Kopf, als einer, der immer nur schmerzt“ wird man nach der Lektüre dieses feinsinnigen Buches jedenfalls nicht mehr zustimmen.

Info

Yvonne Zitzmann: Tage des Vergessens. Müry Salzmann, Salzburg/Wien. 288 Seiten, 24 €.

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