Kommentar zum Leipziger Buchpreis

Das Ende der Selbstverständlichkeit

Und schon wieder ein neuer Hashtag? #allzuweiß prangert die „problematische“ Auswahl für den Preis der Leipziger Buchmesse an. Durchaus zu Recht, meint Iris Hetscher.
02.05.2021, 05:00
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Das Ende der Selbstverständlichkeit
Von Iris Hetscher
Das Ende der Selbstverständlichkeit

Als "so weiblich wie nie" wurde die Auswahl der Jury gelobt. Doch nun kommt Kritik von Autoren und Germanisten, die Shortlist des Leipziger Buchpreises sei nicht vielfältig genug.

Jan Woitas

Kaum war die Auswahl veröffentlicht, standen die Überschriften fest: "Shortlist zum Leipziger Buchpreis so weiblich wie noch nie"„Shortlist zum Leipziger Buchpreis so weiblich wie noch nie“. So oder so ähnlich wurde getitelt, und die Jury, die sich auf die belletristischen Werke von vier Autorinnen und einem Autor geeinigt hatte, konnte mit sich zufrieden sein. Der Vorwurf, es bekämen mal wieder zu wenige Frauen eine Chance, war vom Tisch.

Grundsätzliche Kritik, es seien die falschen Bücher nominiert, gibt es immer nach der Veröffentlichung solcher Listen. Da hebt der Juror nur müde die Braue. Doch dieses Mal taucht ein paar Tage später ein offener Brief von Autorinnen und Germanisten auf, der die Shortlist für „problematisch“ hält. Der Hashtag: #allzuweiß. Tatsächlich gibt es unter den Nominierten, auch denen der Sachbuch- und Übersetzerpreise, keinen und keine, der nicht weiß ist.

Wie immer nach solchen Statements spaltete sich die veröffentlichte Meinung auf allen Kanälen sofort reflexhaft in zwei Lager. Da gibt es die Genervten, die finden, jetzt müsse endlich mal Schluss sein mit der ständigen Debatte um mehr Vielfalt allüberall - es gehe um Qualität und nicht um Quote. Und außerdem hat doch gerade eine Chinesin die wichtigsten Oscars gewonnen. Das reicht doch wohl für eine Weile, oder?

Die anderen machen aus ihrem Herzensanliegen, Minderheiten mehr Sichtbarkeit zu verschaffen, einen Passionsweg, der mit möglichst großem Gepäck bewältigt werden muss. Alles soll sofort radikal anders sein, bis zu sprachlichen Verästelungen und Verhaltensweisen – unverständlich für Uneingeweihte. Doch wer nicht „People of Color“ (oder: POC) sagt oder ein anderes Code-Wort „woker“, also für Ungerechtigkeiten aller Art sensibilisierte Menschen, ist schnell ein Rassist. Das ist nicht nur borniert, sondern umgekehrt diskriminierend. Der Sache selbst dient es wenig.

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Doch Schreihälse letzterer Kategorie sind bei #allzuweiß nicht zu finden. Der offene Brief ist in freundlichem Ton verfasst und richtet sich ausdrücklich nicht gegen die nominierten Autorinnen und deren Werke. Man wolle vor allem eine Diskussion anstoßen, heißt es. Der Brief enthält konstruktive Vorschläge. Was spricht dagegen, den Literatur-Kanon für Schule und Universität zu überprüfen und auch nicht-weiße Autoren und Autorinnen aufzunehmen? Oder zu analysieren, warum deren Namen eher selten auf Listen für Preise oder übrigens auch in Jurys auftauchen? Kleiner Exkurs: Auch die Herren und Damen des Literatur-Nobelpreises tun sich seit Jahren schwer. Da wird lieber die mittelmäßige (weiße) US-amerikanische Lyrikerin Louise Glück ausgezeichnet als der für den afrikanischen Roman wegweisende kenianische Autor Ngugi wa Thiong‘o.

Das führt zurück zu #allzuweiß und einem Argument, das auch diejenigen ins Grübeln bringen dürfte, die dafür plädieren, dass eine Jury immer das letzte Wort in Sachen Ästhetik haben und für dieses dann bitte keine Prügel beziehen sollte. Weil: Es bleibt letztlich Geschmackssache. Und doch ist es schwer nachvollziehbar, dass eins der besten deutschsprachigen Bücher 2020, Deniz Ohdes „Streulicht“, oder Mithu Sanyals schelmisches „Identitti“ nicht berücksichtigt wurde. Diskutiert habe man über die Romane, heißt es von den Juroren, aber es handele sich sowieso eigentlich um einen Preis für osteuropäische Literatur. Das klingt ein bisschen lahm, wenn man sich die Nominiertenliste anschaut.

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Doch den Initiatoren von #allzuweiß geht es nicht ums Abwatschen, sondern um ein Ende jener Selbstverständlichkeit, mit der in immer dieselbe Richtung geschaut wird. Da der Ton moderat gehalten ist, bleibt zu hoffen, dass die Debatte auch weiterhin argumentativ geführt wird und nicht emotional. Was keinem nutzt, sind Vorstöße der Art, dass Weiße Gedichte schwarzer Menschen nicht adäquat übersetzen können. Oder es Weißen abzusprechen, Bücher andersfarbiger Menschen überhaupt interpretieren zu dürfen. So etwas lässt erschaudern, weil es allen Errungenschaften einer aufgeklärten Wissensgesellschaft Hohn spricht. So etwas erinnert eher an vor-zivilisatorisches Stammesdenken. Heute nennt man das Filterblase.

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