Literatur Novelle „Tanners Erde“ - Die schwarze Tiefe im Land

Wegen zwei jäher Löcher auf dem Acker gerät der Betrieb auf einem Schweizer Bauernhof aus den Fugen. Lukas Maisel schafft mit „Tanners Erde“ eine wunderbare Parabel auf die Halbwertzeit der Gegenwart.
22.07.2022, 12:35
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Von dpa

In die Idylle eines kleinen Dorfes in den Voralpen bricht etwas Unerhörtes herein: Eines Tages klaffen auf dem Feld des stillen Bauern-Ehepaars Tanner zwei riesige Löcher. „Als hätte ein Riese mit einem Bohrer hantiert“, schreibt Lukas Maisel. Die Novelle „Tanners Erde“ ist das zweite Buch des Schweizers.

Der 34-jährige Autor erzählt die Geschichte des in seinem Tagesablauf gefestigten Tanner-Hofes, auf dem das Schweigen häufiger Gast ist als das Reden. Wenn er das Lächeln seiner Frau sieht, werde es dem Bauern warm ums Herz, heißt es einmal. Doch „er kann ihr nicht einfach die Stirn küssen, sie würd erschrecken und fragen, was denn los ist“.

Die Milchkühe dürfen nach dem Winter erstmals wieder auf die Weide. Bei einer, der Vreni, ertastet Tanner eine verhärtete Zitze. „Ich werds ausmelken und mit Tonerde bestreichen“, sagt er zu seiner Frau. Für alles gibt es scheinbar eine Lösung, ganz ohne fremde Hilfe. „Die Beine Tanners stehen stramm auf der Erde. Er wankt nie“, heißt es. Außer diesmal: Die schwarzen Abgründe, aus denen faul riechender Dampf aufsteigt, heben das bäuerliche Gefüge aus seinen Angeln.

Maisel schreibt in gediegenem, leicht schweizerischen Sprach-Rhythmus alpiner Literatur. Da werden „Mocken“ (Brocken) einer Brotscheibe in den Kaffee gegeben und bei „Zvieri“ (Nachmittagsvesper) oder „Stange“ (kleines Bier) zusammengesessen. Bestechend einfache und poetische Sätze und Bilder zeigen ein anstrengendes und bescheidenes Leben auf dem Hof. „Die Stallkleidung riecht sauer“, ist so eines.

Die Suche nach dem Ursprung der Gruben steht in „Tanners Erde“ nicht im Mittelpunkt. Schnell zeigt sich: Nicht nur das Land hat Löcher, sondern auch das Leben. Unerwartet stellen sich ganz andere Fragen.

Lukas Maisel: „Tanners Erde“, Rowohlt, 144 S., 22,00 Euro, ISBN: 978-3-498-00308-1

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