Mirjam Meinhardt im Interview "Man kann mehr verändern, wenn man der Kirche nicht den Rücken kehrt"

Seit März steht Mirjam Meinhardt als neue Hauptmoderatorin für das ZDF-"Mittagsmagazin" vor der Kamera. Welche Auswirkungen ihr Wechsel vom "Morgenmagazin" auf ihr Privatleben hat und welche Rolle Religion in ihrem Leben spielt, verrät die Journalistin im Interview.
12.05.2022, 09:14
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Von teleschau - Franziska Wenzlick

Zwei Jahre lang begleitete Mirjam Meinhardt Frühaufsteher in den Tag. Wer weiterhin von der beliebten ZDF-Moderatorin über das Weltgeschehen informiert werden will, muss den Fernseher künftig jedoch in der Mittagspause einschalten - denn Meinhardt trat im März 2022 in die Fußstapfen ihrer Vorgängerin Jana Pareigis und präsentiert seither als neue Hauptmoderatorin das "Mittagsmagazin". Im Interview spricht die sympathische 41-Jährige über ihren neuen Tagesablauf, die Liebe zum Journalismus und ihren Glauben, der ihr auch in Zeiten von Missbrauchsskandalen nicht abhandengekommen ist.

WESER-KURIER: Frau Meinhardt, seit einigen Wochen sind Sie Hauptmoderatorin im ZDF-"Mittagsmagazin" und stehen seltener für das "Morgenmagazin" vor der Kamera. Können Sie nun ab und zu ausschlafen?

Mirjam Meinhardt: Gewissermaßen: Im Grunde hat sich mein Tagesrhythmus komplett vom Kopf auf die Füße gestellt. Für das "Morgenmagazin" bin ich üblicherweise um zwei Uhr, manchmal auch schon um halb zwei aufgestanden, also mitten in der Nacht. Der Tag gestaltet sich dann ganz anders. Ich bin jetzt zum ersten Mal seit langem wieder in der Lage, abends nach meinen Kindern ins Bett zu gehen. Vorher musste ich oft überlegen, welcher Tag denn eigentlich ist: Montag, oder noch Sonntag? Oder vielleicht schon Dienstag? (lacht) Das ist nicht immer einfach. Das "Mittagsmagazin" bringt eine viel bessere Work-Life-Balance mit sich.

"Irgendwann holt einen die Müdigkeit ein"

WESER-KURIER: Wie sah Ihr Alltag in den letzten zwei Jahren aus?

Meinhardt: Man muss sehr diszipliniert sein. Wenn ich für das "Morgenmagazin" moderiere, gehe ich sehr früh ins Bett und schlafe tagsüber auch noch mal anderthalb, zwei Stunden. Wenn ich morgens aus der Sendung komme, bin ich häufig noch total fit und will alles Mögliche unternehmen - besonders, wenn die Sonne scheint ... Diesem Tatendrang dann auch nachzugehen, ist aber keine gute Idee. Irgendwann holt einen die Müdigkeit ein. Oft ist es dann allerdings zu spät, um sich hinzulegen. Deshalb lege ich viel Wert darauf, vormittags zu schlafen, ob mir der Sinn danach steht oder nicht. Danach geht der Arbeitstag im Prinzip weiter. So eine aktuelle Sendung zu produzieren, bedeutet, nie komplett abzuschalten. Während ich mein Schläfchen einlege, passieren immerhin eine ganze Menge Dinge auf der Welt. Es geschieht ja ständig etwas.

WESER-KURIER: Sie verfolgen also den ganzen Tag über die Nachrichtenlage?

Meinhardt: Ja. Auch mein Abendritual richtet sich danach: Ich schaue täglich "heute" und die "Tagesschau", und danach geht es ab ins Bett. Somit dreht sich eigentlich der ganze Tag um die Arbeit.

WESER-KURIER: Waren Sie schon immer so diszipliniert?

Meinhardt: Wahrscheinlich. Andernfalls ist so ein Nachtdienst gar nicht machbar. Ich habe auch früher beim Radio schon die Frühschichten übernommen, die haben allerdings erst um vier Uhr angefangen. Das muss man einfach in Kauf nehmen.

"Karla Kolumna war mein großes Vorbild"

WESER-KURIER: Wie motivieren Sie sich?

Meinhardt: Für mich ist Journalismus mehr als nur ein Job. Ich habe mich schon immer für Politik interessiert, eigentlich für alle gesellschaftlichen Themen. Auch im Urlaub verfolge ich die Nachrichten, wenn auch nicht so intensiv. Es vergeht aber kein Tag, an dem ich nicht grob weiß, was gerade so los ist auf der Welt.

WESER-KURIER: Woher kommt diese Leidenschaft?

Meinhardt: Mich hat Journalismus schon von klein auf interessiert. Ich wollte immer schon Reporterin werden. Karla Kolumna aus "Bibi Blocksberg" war mein großes Vorbild! (lacht) Zudem waren viele Bekannte meiner Eltern beim Radio tätig. Eine Freundin von ihnen recherchierte als Zeitungsjournalistin häufig im Ausland, das hat mich immer beeindruckt. Ich denke, diese Faszination ist essenziell, sonst wird es in dem Job zu anstrengend. Ich habe quasi mein Hobby zum Beruf gemacht: Ich bin total neugierig und will immer wissen, was so passiert - und jetzt darf ich allen möglichen Leuten Fragen zu den verschiedensten Themen stellen.

WESER-KURIER: Wie ist das mit der Last der Verantwortung als TV-Journalistin?

Meinhardt: Die ist auf jeden Fall vorhanden, keine Frage. Aber es ist auch ein großes Privileg, stellvertretend für die Zuschauerinnen und Zuschauer nachzuhaken, warum in der Politik gewisse Entscheidungen getroffen werden. Um wählen zu gehen und zu entscheiden, wer unser Land regiert, muss man informiert sein. Deshalb ist es wahnsinnig wichtig, dass es Journalistinnen und Journalisten gibt, die diese Informationen auch liefern.

"Zum Fernsehen kam ich wie die Jungfrau zum Kind"

WESER-KURIER: Stand für Sie auch schon immer fest, eines Tages vor der Kamera stehen zu wollen?

Meinhardt: Nein. Zum Fernsehen kam ich wie die Jungfrau zum Kind. Ich hatte immer schon eine Vorliebe für das Schreiben und das Radio. In meiner Kindheit habe ich sogar "Radio gespielt", ich habe also auf einem Kassettenrekorder eigene Sendungen aufgenommen (lacht). Fernsehjournalismus hatte ich hingegen gar nicht so wirklich auf dem Schirm.

WESER-KURIER: Wie kam es dazu, dass Sie letztendlich doch eine TV-Karriere eingeschlagen haben?

Meinhardt: Ich habe mich eigentlich nicht vor der Kamera gesehen. Dass es dann doch so gekommen ist, war eher ein Zufall. Ich habe bereits viele Jahre als Journalistin gearbeitet, auch für den SWR und die ARD, als ich irgendwann einen Anruf bekam, ob ich nicht zu einem Casting kommen möchte. Jemand hatte mich im Radio gehört und fand, das könnte passen. Ich dachte erst, die hätten sich verwählt (lacht). Beim Casting selbst waren dann nur Leute, die bereits Fernseherfahrung hatten. Deshalb war ich mir sicher, keine Chance zu haben. Zum Glück hat es doch geklappt!

WESER-KURIER: Derzeit berichten Sie vorrangig über den Krieg in der Ukraine. Gelingt es Ihnen außerhalb der Sendung, auch mal abzuschalten?

Meinhardt: Abschalten ist schwierig. Auch mich lassen schlimme Nachrichten nicht kalt, auch mich belastet es, über Krieg und Not zu berichten. Ich denke aber, wir müssen gewissermaßen wie Ärztinnen und Ärzte sein.

WESER-KURIER: Inwiefern?

Meinhardt: In der Medizin sieht man das Leid der Patientinnen und Patienten und versucht, es zu lindern. Trotzdem muss man immer eine gewisse Distanz wahren und professionell bleiben. Das ist auch im Journalismus wichtig, um einen objektiven Blick zu behalten und Themen nicht zu emotional zu bewerten. Zudem braucht man einen gewissen Abstand, um nicht in Trübsal zu verfallen - es gibt ja nicht nur Corona und den Krieg in der Ukraine. Solche großen Themen führen dazu, dass andere Krisenherde aus dem Blickfeld geraten, aber auch dort geschieht oft Grauenvolles.

"Mein Glaube stützt mich"

WESER-KURIER: Haben Sie das ständig im Hinterkopf?

Meinhardt: Das Grauen der Welt ist immer da. Wenn man mit offenen Augen durch das Leben geht, sieht man: Die Lage ist an sehr vielen Orten dramatisch.

WESER-KURIER: Macht die permanente Auseinandersetzung damit auf Dauer nicht unglücklich?

Meinhardt: Es ist anstrengend, trägt aber auch dazu bei, dass man viel dankbarer und demütiger ist. Nicht zuletzt durch meine Arbeit weiß ich sehr zu schätzen, dass ich in Deutschland lebe - trotz aller Probleme, die es natürlich auch hierzulande gibt. Auch meine Kinder haben das schon verinnerlicht. Wenn sie die "logo"-Kindernachrichten sehen, sagen sie schon mal zu mir, wie viel Glück wir haben, ein Dach über dem Kopf zu haben und gesund zu sein. Das stimmt ja auch, uns geht es sehr gut.

WESER-KURIER: In der Vergangenheit haben Sie auch Texte für christliche Zeitschriften geschrieben. Hilft Ihnen die Religion, mit den Belastungen Ihres beruflichen Alltags umzugehen?

Meinhardt: Ich denke schon. Ich würde mich zwar vielleicht nicht als religiösen, zumindest aber als gläubigen Menschen beschreiben. Mein Glaube stützt mich dahingehend, dass ich ein sehr hoffnungsvoller Mensch bin. Trotzdem ist es so, dass auch mir der Umgang mit der Kirche oft schwerfällt.

WESER-KURIER: Weshalb?

Meinhardt: Zum Beispiel im Hinblick auf die Missbrauchsfälle. Auch hier gilt für mich die Devise, genau hinzuschauen. Es muss mehr Aufklärung stattfinden. Und ich denke, dass die Kirche da noch sehr viel aufzuarbeiten hat.

WESER-KURIER: Viele Menschen sind deshalb bereits aus der Kirche ausgetreten.

Meinhardt: Das kann ich nachvollziehen. Auf der anderen Seite denke ich: Man kann mehr verändern, wenn man der Kirche nicht den Rücken kehrt.

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