Verkleiden als Hobby

Manga-Comic-Convention zieht Cosplayer zur Leipziger Buchmesse

Seit 2014 ist die Manga-Comic-Con eine eigenständige Veranstaltung neben der Buchmesse. Für sie ist eine der fünf Hallen reserviert, mitsamt Bühne und Veranstaltungsprogramm.
24.03.2017, 19:39
Lesedauer: 3 Min
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Manga-Comic-Convention zieht Cosplayer zur Leipziger Buchmesse
Von Silke Hellwig
Manga-Comic-Convention zieht Cosplayer zur Leipziger Buchmesse

Gekkolilly, Naoko und Jak (v. l.) zählen zu den Cosplayern, die die Manga-Comic-Con auf der Buchmesse in Leipzig besuchen.

Christoph Gerlach

Seit 2014 ist die Manga-Comic-Con eine eigenständige Veranstaltung neben der Buchmesse. Für sie ist eine der fünf Hallen reserviert, mitsamt Bühne und Veranstaltungsprogramm.

Lisanne Michaelis, Stefanie Kischel und Jaqueline Iven haben sich seit Wochen auf die Leipziger Buchmesse vorbereitet. Nur ein Bruchteil der erwarteten rund 260 000 Besucher wird ähnlich viel Zeit und Geld in den Besuch investieren. Die jungen Frauen aus Oyten, Ganderkesee und Delmenhorst sind Cosplayerinnen. Die Manga-Comic-Con(vention) in Leipzig bildet laut Lisanne Michaelis (alias Gekkolilly) den Auftakt im Reigen der großen Treffen für die deutsche Cosplayer-Szene. Alle drei haben ihre Kostüme selbst genäht und teilweise auch gebastelt. Hunderte Stunden Arbeit stecken darin.

Seit 2014 ist die Manga-Comic-Con eine eigenständige Veranstaltung neben der Buchmesse. Für sie ist eine der fünf Hallen reserviert, mitsamt Bühne und Veranstaltungsprogramm. Auf dieser Bühne werden an diesem Sonnabend Stefanie Kischel (Künstlername: Naoko Cosplay) und Jaqueline Iven (Jak Cosplay) stehen, um sich zum ersten Mal dem „Leipziger Cosplay Wettbewerb“ zu stellen. Ihre Rollen stammen aus derselben Welt, aus der verfilmten Romantrilogie „Tribute von Panem“. Stefanie Kischel ist auf dem Weg zur Messe zu Katniss Everdeen geworden, ihre Freundin zu Effie Trinket. Lisanne Michaelis hat das Kostüm einer Winterfee an, das sie selbst entworfen hat, ohne Manga-, Comic-, Computerspiel- oder Filmvorlage.

Textilkunst als Antrieb

Was treibt die Frauen an, sich für drei Tage Kostüme zu nähen, die in vollem Umfang alles andere als bequem sind? Die Winterfee muss höllisch auf ihre Flügel aufpassen. Die norddeutsche Effie Trinket kann ihre ungemein hohen Schuhe nicht dauerhaft tragen. Alle drei müssen zusehen, dass die
Perücken und das Make-up bleiben, wo sie sitzen sollen. Obwohl die Zahl der Cos­player von Jahr zu Jahr wachse, „muss man das Hobby doch manchmal erklären“, sagt Jaqueline Iven. Denn in die Freude am Verkleiden möge man nicht zu viel hineininterpretieren, sagen die Cosplayerinnen. Sie seien keine grauen, schüchternen Mäuse, die bei den fünf bis acht Conventions, die sie im Jahr besuchten, in ein bunteres, schöneres Ich schlüpfen. Im Grunde gehe es
ihnen vor allem um die Textilkunst, um die Weiterentwicklung ihrer eigenen Kunstfertigkeit, auch um Sympathien für die Figuren, in deren Kostüme sie sich kleiden.

Dass die Leipziger Buchmesse für Cosplayer eine attraktive Adresse ist, zeigt sich schon bei der Anfahrt. Bunte Perücken leuchten in der Straßenbahn über andere Köpfe hinweg. Auf den Bänken, auf den Treppen, vor der Halle werden am Morgen die Schuhe getauscht, die Accessoires ausgepackt, bunte Kontaktlinsen eingesetzt, die Kostüme zurechtgezupft. In der Halle selbst werden Mangas und Comics verkauft, samt diverser Fanartikel.

Cosplay als Ersatz für Karneval

Stefanie Kischel hat durch die Leipziger Buchmesse zu ihrem Hobby gefunden. Sie habe sich schon als Kind gerne verkleidet, sagt die 27-Jährige, vor allem zu Karneval, womit es in Norddeutschland bekanntlich nicht allzu weit her sei. Als sie vor zwölf Jahren zum ersten Mal „als Zivilist“ die Buchmesse besuchte, sei ihr die damals noch übersichtliche Cosplayer-Szene aufgefallen. Vom nächsten Jahr an gehörte sie dazu. Inzwischen konnte sie auch ihre Schulfreundin Jaqueline Iven für das Hobby begeistern, die schon viele Cosplayer kannte, ohne selbst Teil der Szene zu sein. Sie sagt: „Cos­play vereint viele Hobbys in sich, das ist das Tolle. Wir nähen, wir basteln, wir schminken, wir machen und bearbeiten Fotos und Filme.“

Ihren großen Auftritt haben die Cos­player in der Glashalle im Zentrum des Geländes. So ähnlich müsste man sich wohl einen Betriebsausflug des Disney-Universums vorstellen: Dutzende von jungen Frauen und Männern flanieren in aufsehenerregenden Kostümen auf und ab, lassen sich fotografieren, plaudern mit Bekannten. Sie tragen Hörner und Kronen, Hufe und Hüte, Schwerter und Tiere. Diverse Harry Potters bahnen sich den Weg durch die Menge, Alices aus dem Wunderland, Schöne und Biester sowie Figuren aus dem Fantasy-Epos „Games of Thrones“. Immer wieder werden die Cosplayerinnen angehalten, um sich fotografieren zu lassen. „Die ist ja süß“, wispert ein Mädchen und lässt sich mit der Fee knipsen. Allenthalben treffen sich Bekannte, ob Fotografen oder Cosplayer.

Arbeit will gewürdigt werden

Das Fotografieren nimmt viel Zeit in Anspruch, manchmal den ganzen ersten Messetag. Die wochenlange Arbeit will gewürdigt werden, gute Fotos sind wichtig, um sich in den sozialen Netzwerken zu präsentieren. Sie spielen eine maßgebliche Rolle, dort werden Kostüme gezeigt, dort werden Anleitungen veröffentlicht, dort will man sehen und gesehen werden. Und: Dort lässt sich in gewisser Weise auch so etwas wie Anerkennung finden und Erfolg messen, durch Abonnenten und durch Klicks.

Mit dem Rest der Buchmesse beschäftigen sich die Cosplayerinnen nicht. Dazu reicht die Zeit einfach nicht. Die Kostüme sind auch nicht dafür geeignet, sich durch die Massen zu schieben. Vielleicht wird daraus ein andermal etwas, bei irgendeinem Besuch als „Zivilist“.

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