Beirat bringt – mit rund zwei Jahren Verzögerung – das Projekt „Essbare Stadt“ auf den Weg

Mehr Möhren für Blumenthal

Vor zwei Jahren hatte Jutta Riegert aus Rönnebeck zum ersten Mal das Projekt „Essbare Stadt“ vorgestellt. Die Idee, auf öffentlichen Grünflächen in Blumenthal Obst und Gemüse anzubauen, versandete jedoch. Jetzt stieß sie beim Beirat auf einmal auf offene Ohren. Es sollen sogar Kräfte eingestellt werden.
13.11.2013, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Christina Denker
Mehr Möhren für Blumenthal

Lüssumer Möhren? Nach dem Andernacher Beispiel könnte Blumenthal demnächst vitaminreich werden.

Jonas Schöll, dpa

Vor zwei Jahren hatte Jutta Riegert aus Rönnebeck zum ersten Mal das Projekt „Essbare Stadt“ vorgestellt. Die Idee, auf öffentlichen Grünflächen in Blumenthal Obst und Gemüse anzubauen, versandete jedoch. Jetzt stieß sie beim Beirat auf einmal auf offene Ohren. Es sollen sogar Kräfte eingestellt werden.

Blumenthal.

Kohlköpfe auf der Bahrsplate, Tomatenpflanzen auf dem Blumenthaler Marktplatz oder Bohnenranken, die die alten Mauern der Burg Blomendal mit ihrem Grün überziehen: Die „Essbare Stadt“ soll in Blumenthal Wirklichkeit werden. Zumindest soll geprüft werden, was in puncto Gemüse auf öffentlichen Flächen machbar ist. Das hat der Beirat am Montagabend einstimmig beschlossen.

Jutta Riegert dürfte das freuen. Seit ungefähr zwei Jahren versucht sie als Antragstellerin, dem Gremium die Angelegenheit schmackhaft zu machen. Jetzt hat das Kommunalparlament offenbar angebissen. Wie eine „Essbare Stadt“ aussehen könnte, macht das rheinland-pfälzische Andernach vor. Seit ein paar Jahren holt die 30000-Einwohner-Stadt mit dem Anbau von Zwiebeln, Sellerie, Kohl, Möhren, Bohnen, Obst, Küchenkräutern und Schnittblumen auf öffentlichen Flächen die Natur zurück in die Stadt. Bereiche, die früher wenig attraktiv waren, blühen dadurch auf. Für die Einwohner soll das jedoch nicht nur optische Leckerbissen bieten, sondern auch ein neuer Zugang zu einer bewussten, gesunden Ernährung sein: Auf öffentlichem Grund in Andernach ist Pflücken erlaubt, sogar ausdrücklich erwünscht. Und in jedem Jahr wird ein anderes Gemüse besonders in den Blickpunkt gerückt: Mal werden besonders viele Tomatensorten gepflanzt, mal sind es Bohnen.

Jutta Riegert glaubt fest daran, dass dieses Projekt auch Blumenthal guttun wird: „Es verschönert die Stadt, und es hilft, Geld zu sparen“, findet sie. Außerdem habe Andernach bereits vier Mal eine Goldmedaille für die Idee gewonnen und sei damit mittlerweile zum Tourismusmagnet avanciert. „Andernach war einmal genauso arm wie Blumenthal“, sagt Jutta Riegert. Und nach dem, was sie gehört habe, werde in ihrer Heimatstadt Andernach sehr sorgsam mit dem Obst und Gemüse umgegangen. Die Einwohner würden das Gemüse auch gern annehmen. Inzwischen ist Andernach auch nicht mehr allein. Die Idee macht einem Blick ins Internet zufolge auch in Minden, Kassel und sogar in Seattle Schule.

Der Beirat, der im ersten Anlauf eher verhalten auf die Idee Jutta Riegerts reagiert hatte, wurde während der Sitzung am Montag mit einem Mal richtig munter. Hans-Gerd Thormeier (CDU) schlug vor, auf der Suche nach geeigneten Flächen einen öffentlichen Aufruf zu starten, Sozialdemokrat Alex Schupp möchte am liebsten vom Ortsamt nachsehen lassen, welche Flächen in der Nähe von Wohnbebauung infrage kämen. Eike Schurr von den Grünen regte an, die Bürgerstiftung Blumenthal finanziell in dieses Projekt einzubinden.

Auch aus dem Publikum kamen Vorschläge: Hartmut Schurr meldete sich mit dem Hinweis, dass auf dem BWK-Gelände sicher ein Plätzchen frei wäre. Laut Brigitte Kohl sei das Projekt „sicher auch für die neue Quartiersmanagerin Carola Schulz interessant“. Ortsamtleiter Peter Nowack (SPD) schließlich setzte zur Überraschung einiger Beiratsmitglieder noch eins obendrauf, als er verkündete, mit diesem Projekt zehn Personen über Qualifizierungsmaßnahmen zwei Jahre lang finanzieren zu können. „Und zwar mit Vergütung nach Mindestlohngesetz“, erklärte er.

Nach seiner Berechnung bräuchte Blumenthal dafür einen Lohnzuschuss von 60000 Euro. Diese Überlegung fuße auf einem Versprechen des Bundestagsabgeordneten Uwe Beckmeyer (SPD), durch das Jobcenter 15 zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen in Blumenthal anzubieten, erläuterte Nowack den Anwesenden. Fünf Maßnahmen seien bereits angelaufen, zehn habe er somit also noch in petto, erklärte der Ortsamtleiter.

Jutta Riegert jedenfalls schlug für den Gemüseanbau ein Plätzchen auf dem Gelände der Burg Blomendal vor: „Da hätten wir vielleicht die Möglichkeit, einfach mal anzufangen. Sie wies allerdings darauf hin, dass das Projekt „Essbare Stadt“ nicht ganz ohne fachliche Hilfe und ohne Klärung von Eigentumsverhältnissen funktionieren könne. In Andernach werde das Projekt von der städtischen Grünpflege koordiniert.

Der Verein Deutsche Umwelthilfe und die Stiftung „Lebendige Stadt“ haben die Stadt Andernach jetzt auch für die nachhaltige Umgestaltung der Grünanlagen als Gesamtsieger des Wettbewerbs „Lebenswerte Stadt“ ausgezeichnet. Die Stadt am Mittelrhein bekommt damit ein Preisgeld in Höhe von 15000 Euro. „Das Andernacher Konzept ist schon allein wegen seiner Einfachheit brillant: der Stadt gelingt ohne aufwendige Baumaßnahmen eine Aufwertung seiner Grünanlagen“, hieß es in der Begründung.

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