Mehr Sitzplätze für Mütter

Es ist selten, aber es kommt vor, dass ich ohne Hannah unterwegs bin. Ich genieße diese Momente, fühle mich aber auch seltsam unvollständig.
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Mehr Sitzplätze für Mütter
Von Sabine Bickmeier

Es ist selten, aber es kommt vor, dass ich ohne Hannah unterwegs bin. Ich genieße diese Momente, fühle mich aber auch seltsam unvollständig. Es fehlt etwas, es fehlt dieses kleine Wesen, das seit Wochen meine Tage und Nächte bestimmt, das zurzeit mein Lebensinhalt ist. Wenn ich dann eine Mutter mit Baby sehe, fühle ich mich ihr nahe und lächele sie an. Dabei bin ich ja inkognito unterwegs, ich habe nach der Geburt nicht wie ein Burschenschaftler nach einem harten Duell einen Schmiss im Gesicht – die andere weiß nicht, dass ich eine Verbündete bin. Sie könnte es höchstens an den Augenringen und den Spuckflecken auf meinem T-Shirt erkennen.

Der US-amerikanische Psychiater Daniel Stern sagte, Mutter zu werden, sei eine der bedeutsamsten physischen und psychischen Veränderungen, die eine Frau jemals erfährt. Das glaube ich ihm gerne: Mir tun auf einmal meine Knie und meine Füße weh, vor allem morgens nach dem Aufstehen, ich habe oft Rückenschmerzen und wozu ein Beckenboden gut ist, weiß ich jetzt auch. Nur sieht man das und all die anderen Veränderungen von außen nicht. Als ich schwanger war, haben alle den Bauch gesehen, es war klar: Ich werde Mutter. Für mich hatte sich noch gar nicht viel verändert, und trotzdem wollten alle nur noch über das Baby mit mir reden, wusste jeder auf der Straße sofort, was mit mir los ist. Manche boten mir in der Bahn einen Sitzplatz an, ich bekam von lieben Menschen ein Lächeln, von weniger lieben blöde Blicke und von einer Frau im Schwimmbad sogar ein Kompliment für meinen Babybauch.

Inzwischen hat sich viel mehr verändert. Aber wenn ich ohne Hannah unterwegs bin, sieht das niemand. Irgendwie verrückt. Ein Vorteil, weil keiner mehr meinen Bauch anstarrt. Aber auch ein Nachteil, weil die ­Leute nicht mehr so rücksichtsvoll mit mir umgehen. Dabei brauchen Mütter kleiner Babys diese Rücksicht doch so dringend von anderen, von ihrem Baby können sie die nicht erwarten. Dem sind die Gelenkschmerzen der Mutter egal, es will herumgetragen werden, will im Kinderwagen spazieren fahren.

Also bitte: Wenn Sie eine Frau mit Augenringen und weißen Spuckflecken auf dem T-Shirt sehen, bieten Sie ihr einen Sitzplatz in der Bahn an, schenken Sie ihr ein Lächeln! Vielleicht ist sie gerade Mutter geworden. Ist insgeheim glücklich über den Moment ohne ihr Kind. Und könnte ihn mit einem Sitzplatz noch mehr genießen.

Kathrin Aldenhoff ist Redakteurin des ­WESER-KURIER. Im Sommer hat sie ihr erstes Kind bekommen. Jeden Sonntag schreibt sie an dieser Stelle über ihre Erlebnisse als Mutter.

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