Fortbildung für Tonkünstler: Junge Dirigenten proben Brahms mit den Bremer Philharmonikern Mit den Händen singen

Bremen. Das Bild ist bunt, der Sound kakophonisch. 60 Musiker der Bremer Philharmoniker sitzen morgens um zehn Uhr im Orchesterraum in der Plantage 13 und stimmen ihre Instrumente.
10.07.2015, 00:00
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Mit den Händen singen
Von Iris Hetscher

Das Bild ist bunt, der Sound kakophonisch. 60 Musiker der Bremer Philharmoniker sitzen morgens um zehn Uhr im Orchesterraum in der Plantage 13 und stimmen ihre Instrumente. Eine muntere Truppe, jenseits des Abendkleid-und-Anzugzwangs bei Konzerten. Turnschuhe, T-Shirts, Slipper, karierte Kleider. Generalmusikdirektor Markus Poschner betritt in Jeans und hellem Hemd den Raum, die Partitur von Johannes Brahms’ 1. Sinfonie in c-Moll lässig unter den Arm geklemmt. Orchesterprobe.

Und doch wieder nicht. Denn Poschner setzt sich auf einen Stuhl und schlägt die Partitur auf. Ans Pult tritt Chin-Chao Lin, 28 Jahre jung, den Taktstock in der Rechten, ein wenig nervös. Das ist kein Wunder, denn Chin-Chao ist einer der vier „jungen, begabten Dirigenten, die wir beim Berufseinstieg fördern wollen“, sagt Esther Klose vom Deutschen Musikrat. Der Musikrat veranstaltet am Donnerstag bereits zum vierten Mal ein „Dirigentenforum“ bei den Bremer Philharmonikern – Fortbildung für Orchesterregisseure. Alle Teilnehmer sind fertig mit ihrer Ausbildung und haben bereits erste Karriereschritte hinter sich. Chin-Chao Lin ist „Conductor-in-progress“ bei der Rheinischen Philharmonie in Koblenz. Jetzt allerdings steht er vor einem Orchester, das er nicht kennt, und soll diesem seine Interpretation von Johannes Brahms vermitteln.

Das ist harte, konzentrierte Arbeit, die nicht nur ein Konzept erfordert, sondern auch immer wieder das Überdenken der eigenen Ansätze – ähnlich wie beim Hausbau. Die Architektur des Stücks ist durch den Komponisten vorgegeben, der Dirigent als Bauleiter sorgt nun dafür, das alles harmonisch aufeinander abgestimmt wird. Gibt es in einem Haus Räume, Treppen und Stockwerke, sind es im Orchester die einzelnen Instrumentengruppen, deren Stimmen zueinander passen müssen. Backsteine, Dachpfannen, Estrich, Lacke sorgen in einem Gebäude die für den Zusammenhalt und die Unverwechselbarkeit. In der Musik sind das der formale Aufbau eines Stücks, Tempo und Dynamik. Und wenn die zunächst ausgesuchte Wandfarbe nicht zum Teppichboden passt, muss man neu entscheiden.

Chin-Chao lässt die Musiker eine Weile spielen, unterbricht dann und korrigiert eine Reihe von Unstimmigkeiten, „kürzer, marcato, etwas mehr ins Dolce hinein, piano, ein bisschen mehr Klang“. Markus Poschner greift ein: „Das sind zu viel Infos auf einmal“, und wird grundsätzlich: „Das muss in Schwingung kommen, 6/8 nicht 6/4, wir sind ja nicht auf einer Galeere“. Chin-Chao hört zu, überlegt, lässt noch einmal spielen und noch einmal. Passt die Lautstärke an – und dann hat macht es offenbar Klick: „Ich glaub, ich hab’s“ ruft er und lacht. Und das Orchester lacht mit ihm.

„Für mich ist das ein wunderbares Labor“, sagt der junge Dirigent nach der knappen Stunde mit den Philharmonikern. „Die ersten zehn Minuten musste ich mich mit dem Orchester eingrooven, dann ging es immer besser“. Markus Poschner, selbst zu Beginn seiner Laufbahn Stipendiat des Dirigentenforums, versucht, das Wesen seines Berufs in Worte zu fassen: „Dirigieren ist eine sehr persönliche Sache, man muss den Weg zu sich selbst finden, das Geheimnis lüften. Deswegen ist es wichtig, immer an sich zu arbeiten.“ Schließlich habe ein Dirigent kein Instrument zur Verfügung – „man singt mit den Händen und klingt aus sich selbst heraus“, sagt Poschner. Das ist auch bei Lorenzo Viotti zu beobachten, der nach Chin-Chao Lin an der Reihe ist. Viotti vollführt fast schon eine Art Ausdruckstanz, hängt sich rein, bis ihm der Schweiß vom Gesicht rinnt. „Am Pult ist mein Zuhause, ich liebe es, Emotionen und Energie mit den Musikern zu teilen“, sagt der 25-Jährige, der bereits mehrere Dirigierwettbewerbe gewonnen hat. Der Name Viotti hat bei den Philharmonikern einen guten Klang: Lorenzos Vater Marcello leitete das Orchester von 1989 bis 1993. Und so blickt Lorenzo in zahlreiche lächelnde Gesichter, als er darum bittet, mit dem vierten und letzten Satz der 1. Sinfonie loszulegen. An einigen Stellen möchte er es „weniger schön und erdiger“ haben, stärker akzentuiert. Markus Poschner nickt hier, äußert dort Zweifel, und dann lachen schließlich alle über einen feinen, kleinen Scherz. Bevor der Brahms reif fürs Publikum ist, muss noch einiges getan werden. „Meine Arbeit ist kein Beruf, sondern ein großes Privileg“, sagt Lorenzo Viotti noch. Was will man mehr.

Das Abschlusskonzert des Dirigentenforums findet am Freitag, 10. Juli, 20 Uhr, im Sendesaal Bremen statt. Die Philharmoniker spielen die ersten beiden Sinfonien von Johannes Brahms, es dirigieren Chin-Chao Lin, Lorenzo Viotti, Jiri Rozen und Vladimir Yaskorski.

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