Johann-Günther König widmet Bremer Romancier eine Biografie

Mit Friedo Lampe durch das Jahr

Mehr Bremer geht kaum. Johann-Günther König lässt gleich zu Beginn des Gesprächs in fast verhandlungssicherem Plattdeutsch (überdies mit gewissem Stolz) durchblicken, er sei ein Tagebaren.
16.09.2018, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Mit Friedo Lampe durch das Jahr
Von Hendrik Werner
Mit Friedo Lampe durch das Jahr

Septembergewitter

fr, Milena-Verlag, Wien

Mehr Bremer geht kaum. Johann-Günther König lässt gleich zu Beginn des Gesprächs in fast verhandlungssicherem Plattdeutsch (überdies mit gewissem Stolz) durchblicken, er sei ein Tagebaren. Bitte wer oder was? Tagebaren, belehrt König das unbedarfte Gegenüber, bedeute, dass nicht nur er in Bremen geboren (baren) und aufgewachsen (tagen) ist, sondern zudem beide Eltern- und Großelternpaare. Für einen Schriftsteller mit ausgeprägtem historischen Sinn dürfte diese über Generationen konstante Familienherkunft Ehre und Verpflichtung gleichermaßen sein.

Tatsächlich hat der 66-Jährige seine Heimatstadt in etlichen Büchern gewürdigt, die längst zu Standardwerken avanciert sind. Darunter ist ein Band mit literarischen Spaziergängen, einer über den Freimarkt, ein weiterer über Heini Holtenbeen, Fisch-Luzie und andere hiesige Originale. Auch den prägenden Bremer Jahren des revolutionär gestimmten Philosophen Friedrich Engels hat Johann-Günther König eine Studie gewidmet.

Nicht zuletzt hat er an der in Wellen erfolgenden Wiederentdeckung des Bremer Erzählers Friedo Lampe (1899-1945) gewichtigen Anteil. Im kommenden Jahr wird seine langjährige Beschäftigung mit dem Romancier aus Walle durch eine Biografie gekrönt, die im Wallstein-Verlag erscheint. König treibt damit ein verdienstvolles Vorhaben des verstorbenen Bremer Schriftstellers und Übersetzers Jürgen Dierking der fälligen Vollendung zu.

König, der im Ortsteil Gete aufgewachsen ist und „mehr als 100 Sendungen für den Heimatfunk“ (vulgo: Radio Bremen) ortskundig und mit historischer Tiefenschärfe gestaltet hat, wirkt im Reinen mit sich und seiner Tätigkeit als „mittelrangiger Sachbuchautor“. Aber nur nicht so bescheiden! Denn nicht nur seine gründlich recherchierten Bremensien ernten in den Feuilletons mit schöner Regelmäßigkeit lobende Kritiken, sondern auch sein imposantes Publikationsprojekt zur Kulturgeschichte der Mobilität.

Über den aufrechten Gang hat der Diplom-Soziologe und Doktor der Philosophie ebenso einen bemerkenswerten Band veröffentlicht wie über das Radeln und – zuletzt – das Bahnfahren; es folgt demnächst ein Brevier über das Fliegen einst und jetzt. „Obwohl ich nicht sonderlich gern reise, hat mich schon immer interessiert, wie man von A nach B kommt“, gibt er zu Protokoll. Da König neben den besagten Fortbewegungsarten auch das Autofahren praktiziert, sind ihm bestimmte Interessenkollisionen vertraut: „Als Verkehrsteilnehmer“, sagt er, „bin ich sozusagen immer im Clinch mit mir selbst“. Spricht‘s und schaut einmal mehr schalkhaft über seine runde Brille. Überhaupt wirkt dieser Privatgelehrte ausgesprochen fröhlich. Im vergangenen Jahr hat er mehrere Eingriffe in der Herzgegend gut überstanden. Jetzt lebt er mit zwei Bypässen – der Zukunft zugewandt und entsprechend voller Pläne und Schaffensdrang.

König mag es, „hinter etwas zu gucken“; entsprechend detailgenau und reflektiert sind seine in eleganter Wissenschaftsprosa verfassten Forschungsergebnisse. Zwar scheut der Mann nicht den Staub der Archive, und doch hat ihm die Digitalisierung so manche Recherche erleichtert, zumindest verkürzt. Im Fall der Lebenskonstruktion von Friedo Lampe kam ihm zudem die unlängst veröffentlichte Korrespondenz des Autors von „Am Rande der Nacht“ und „Septembergewitter“ zupass.

Doch sind längst nicht alle Lebensphasen seines Beschreibungsobjekts befriedigend dokumentiert. „Bloß nichts wegschmeißen!“, lautet deshalb Königs Appell an Menschen, die kistenweise papierne Konvolute entsorgen zu müssen glauben. Um etwa Unterdrückung und Ausleben von Lampes Homosexualität angemessen beschreiben zu können, bedarf der Biograf noch einiger Belege. Ungefähr 250 Seiten veranschlagt König als Umfang des Buches. Nicht wenig, aber auch nicht sonderlich viel. „Schließlich hatte Lampe ein relativ kurzes Leben“, sagt König. Sein Interesse am Wortmetz aus Walle erklärt er autobiografisch: „Lampe ist wie ich ein Kind des Bürgertums. Jemand, der nicht im Geschäft arbeiten wollte, sondern unbedingt schreiben.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+