Gary Oldman ist Winston Chruchill

Mit Schnaps und Zigarre

Gary Oldman verkörpert Winston Churchill und ist gar nicht wiederzuerkennen, wie so oft in seiner Karriere. Seine Darbietung könnte ihm sogar einen Oscar einbringen.
17.01.2018, 20:36
Lesedauer: 3 Min
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Mit Schnaps und Zigarre
Von Alexandra Knief

Beim Gedanken an den früheren britischen Premierminister Winston Churchill, korpulent und mit schütterem Haar, stets mit Zigarre in der Hand und oft in Begleitung eines vollen Schnapsglases, ist es nicht unbedingt Schauspieler Gary Oldman, der einem in den Sinn kommt, wenn es um eine ideale Besetzung geht. Oldman, oftmals der Bösewicht im Film, schlank und mit vollem Haar als Churchill? Das wird doch nichts, mag so manch einer gedacht haben, als die Nachricht über die neue Filmrolle des Briten die Runde machte. Doch schon die ersten Minuten des Politdramas „Die dunkelste Stunde“ belehren Kritiker eines Besseren.

Der Film zeigt wieder einmal, was in Hollywood mit gutem Make-Up, Spezialeffekten (Kazuhiro Tsuji) und ein paar unechten Fettpölsterchen alles möglich ist. Doch nicht nur die optische Verwandlung, auch Oldmans schauspielerische Leistung im Film ist herausragend. Zurecht wurde diese bereits mit zahlreichen Preisen belohnt, darunter auch ein Golden Globe als Bester Hauptdarsteller – und das wird sicher nicht die letzte Auszeichnung gewesen sein. „Was für ein Geschenk, die Chance zu haben, diesen Mann zu spielen und die Worte 'Blut, Tränen und Schweiß' zu sagen“, sagte Oldman kürzlich in einem Interview mit Anspielung auf Churchills berühmte Rede vor dem britschen Unterhaus.

Politiker und Privatmensch

Wie der Titel schon erahnen lässt, thematisiert „Die dunkelste Stunde“ die Jahre nach Churchills Amtsantritt als britischer Premierminister im Mai 1940. Hitlers Armeen sind auf dem besten Wege, ganz Westeuropa einzunehmen und werden auch für Großbritannien zu einer immer näherrückenden Gefahr. Während Churchills politische Gegner ihn drängen, Friedensverhandlungen mit Hitler einzugehen, ist dieser nicht willens sich den Nationalsozialisten zu beugen und sorgt mit seiner Willensstärke, seiner Überzeugungskraft und seinem Glauben an einen Sieg dafür, dass die Nazis am Ende doch noch aufgehalten werden konnten.

Der Film ist eine gelungene Mischung aus spannendem Geschichtsunterricht, filmischer Dramaturgie und beeindruckender Bildkraft (Kamera: Bruno Delbonnel „Die fabelhafte Welt der Amélie“). Auch der Patriotismus Großbritanniens nimmt eine zentrale Rolle ein. Gezeigt wird eine stolze Nation, die keine Angst davor hat, für ihr Land und ihre Unabhängigkeit zu kämpfen.

Genauso wie Churchill als Politiker wird auch dem Privatmenschen Winston Churchill eine zentrale Rolle in der filmischen Handlung zugesprochen. Der Zuschauer sieht Churchill im rosa Morgenmantel barfuß durchs Haus wandern, sieht ihm zu, wie er aus der Badewanne heraus Reden diktiert. Ja, der Kinobesucher begleitet ihn sogar bis auf die Toilette, von wo aus er seinen Mitarbeitern zuruft, sie können dem auf seinem Thron auf ihn wartenden König sagen, er säße auch gerade noch auf seinem Thron. Insbesondere Kristin Scott Thomas („The Party“), als seine Frau Clementine und Lily James („Downton Abbey“) als charmante Privatsekretärin bringen immer wieder auch die einfühlsamen, sympathisch-nahbaren, trocken-humorvollen Seiten des oft eher unbequem und mürrisch erscheinenden Politikers zum Vorschein. Und Oldman springt problemlos zwischen all diesen Seiten der facettenreichen Persönlichkeit Churchills hin und her.

Alle Stärken - und Schwächen

All diese Facetten sind es auch, die der Bestseller- und Drehbuch-Autor Anthony McCarten („Die Entdeckung der Unendlichkeit“) und Regisseur Joe Wright („Abbitte“, „Pan“) in den Vordergrund rücken. Sie präsentieren Churchill nicht als unfehlbaren Einzelkämpfer, der von Anfang an trotz reichlich Gegenwind recht hatte, unglaublich gut mit Worten umgehen kann und sich auch selbst hinterfragt. „Die dunkelste Stunde“ zeigt ihn auch mit all seinen Schwächen – dem Alkohol, der Arbeitsbesessenheit, zweitweiser Selbstüberschätzung und einem hin und wieder mangelhaften Umgangston, um nur einige zu nennen.

Es ist nicht der einzige Churchill-Film der vergangenen Jahre und auch Netflix hat dem großen Staatsmann in der Serie „The Crown“ (hier verkörpert von John Lithgow) mittlerweile eine zentrale Rolle zugesprochen. Gary Oldman ist es allerdings zu verdankten, dass alle, die in Zukunft in die Rolle des früheren Premierministers schlüpfen wollen, überaus große Fußstapfen zu füllen haben.

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