Fado trifft deutsche Romantik: Die Bremer Philharmoniker haben sich für ihr Festival „an die grenze“ die wunderbare Mísia eingeladen

Mitten ins Herz

Bremen. Der zweite Teil des kleinen Festivals der Bremer Philharmoniker ging am Montagabend nicht nur „an die Grenze“, sondern überschritt gleich mehrere, was den Zuhörern in der Glocke einen abwechslungsreichen Abend bescherte. Was kann der deutsche Komponist Franz Schubert (1797-1828), romantisch bis in die letzte Synkope, mit dem melancholischen portugiesischen Fado gemein haben, außer, dass beide Musikstile im 19.
11.02.2015, 00:00
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Mitten ins Herz
Von Iris Hetscher

Der zweite Teil des kleinen Festivals

der Bremer Philharmoniker ging am Montagabend nicht nur „an die Grenze“, sondern überschritt gleich mehrere, was den Zuhörern in der Glocke einen abwechslungsreichen Abend bescherte. Was kann der deutsche Komponist Franz Schubert (1797-1828), romantisch bis in die letzte Synkope, mit dem melancholischen portugiesischen Fado gemein haben, außer, dass beide Musikstile im 19. Jahrhundert in bürgerlichen Salons auf Wohlwollen trafen?

So lautete die nicht explizit formulierte These, für deren auf rein musikalischer Ebene stattfindende Erörterung die Philharmoniker sich einen Weltstar eingeladen hatten: Mísia, ungekrönte Königin und Reformatorin des Fado, Sängerin, Ereignis. Wie immer barfuß, in langem schwarzem Gewand, kerzengerade, das Gesicht unter dem schwarzen Haarhelm beim Gesang stets entrückt der Decke zugewandt. Ihr erster Auftritt: kurz vor der Pause. Die Portugiesin ist überraschenderweise bekennender Schubert-Fan und singt die beiden Lieder „Der Leiermann“ und „Auf dem Wasser zu singen“, kongenial begleitet von Markus Poschner am Piano und Bernardo Couto an der Gitarre. Im Jazz würde man das Fusion nennen, so ist das Ergebnis einfach nur hinreißend. Die Kunstlieder erhalten durch Mísias Gesang eine bisher ungehörte Dimension emotionaler Tiefe: Sie malt traurige Klangbilder, die von der Bühne aus in den Zuschauerraum schweben.

Die Philharmoniker hatten zuvor bereits im ersten Programmpunkt des Abends genau auf diese Art von Intensiv-Interpretation hingearbeitet. Schuberts populäre siebte Symphonie in h-moll („Die Unvollendete“) beginnt im ersten Satz mit einem dräuend-dunklen Motiv in den Celli und Kontrabässen, das von einem helleren, dann dominierenden und mäandernden Volksliedmotiv abgelöst wird. Diesen ersten und den fröhlicheren zweiten Satz spielten die Philharmoniker unter Markus Poschner mit deutlich akzentuierten Solopassagen für die – hervorragenden – Bläser und extrem dichter Grundspannung, die sich direkt auf das Publikum übertrug. Ganz ohne Worte erzählt Schuberts so bildhafte sinfonische Musik vom ewigen Wechselspiel zwischen Anspannung und Gelöstheit, Freude und Leid.

Vor allem Letzteres war immer schon das Thema des Fado, der mitten ins Herz zielt – und Mísia und ihre Band erwiesen sich nach der Pause als Meisterschützen. Die moderne Spielart dieser in der Volksmusik Portugals wurzelnden Lieder hat sich geöffnet für Jazz und Einflüsse moderner klassischer Musik und für Texte der großen portugiesischen Dichter wie Fernando Pessoa oder José Saramago, die auch gerne mal politisch sein können. Trotzdem ist der Grundtenor der Klage gleich geblieben Dafür braucht es nicht viel mehr als vier Instrumente und eine überragende Stimme. Völlig überladen wirkte deshalb auch der Versuch, Mísia von den Philharmonikern begleiten zu lassen. Die Arrangements von Enrique Ugarte waren viel zu zuckrig – das Seelenvolle des Fado kippte ins banal Sentimentale. Viel Jubel gab’s trotzdem.

Der Online-Stream des Konzerts kann auf

concert.arte.tv online abgerufen werden.

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