Mönch und Rampensau

Sie lebten viele Jahre im Kloster und sind erst vor zwei Jahren ins Musikgeschäft ­zurückgekehrt. War es die richtige Entscheidung?Michael Patrick Kelly: Es war die richtige Entscheidung, wieder Musik zu machen. Ich bin in einer singenden Familie groß geworden.
11.06.2017, 00:00
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Sie lebten viele Jahre im Kloster und sind erst vor zwei Jahren ins Musikgeschäft ­zurückgekehrt. War es die richtige Entscheidung?

Michael Patrick Kelly: Es war die richtige Entscheidung, wieder Musik zu machen. Ich bin in einer singenden Familie groß geworden. Das ist, als ob man vom Zirkus kommt. Die Art, wie man aufgewachsen ist und lebte, bekommt man nicht mehr aus der eigenen Natur heraus.

Wie beurteilen Sie Ihre frühe Karriere? Hat sie Sie glücklich oder unglücklich gemacht?

Das Singen und die Musik machten mich auf jeden Fall glücklich. Es fühlte sich alles natürlich und ganz normal an. Zuerst macht man das nach, was einem die Älteren vormachen. So wachsen wir doch alle auf. Der Riesenerfolg in den 90er-Jahren war dann natürlich etwas Krasses. Er hatte tolle Seiten. Ich musste nicht früh aufstehen und im Stau stehen, um zur Arbeit zu kommen (lacht). Ich bekam allerdings auch eine Überdosis Aufmerksamkeit, die mir nicht gut tat. Ich begab mich auf die Suche nach mehr. Und „mehr“ hieß in diesem Falle nicht mehr Erfolg oder materielle Dinge.

Sie gingen ins Kloster. Für wie lange?

Es waren sechs Jahre. Ich lebte wie ein Mönch. Am Ende dieser Zeit empfahlen mir die älteren Mitbrüder, dass ich – so gerne sie mich auch mochten – ins weltliche ­Leben zurückkehren soll. Mönch zu sein, bedeutet ein derart anderes Leben, dass man dazu berufen sein muss. Ich war es offenbar nicht. Heute bin ich den Mitbrüdern dankbar, dass sie das erkannt haben. Wenn es damals nach mir gegangen wäre, wäre ich wahrscheinlich geblieben.

Wissen Sie heute, was Ihnen zum Mönch ­fehlte?

Vielleicht war es das, was ich dort nicht ­hatte:­ die Musik. Es gab noch einen anderen Mönchsanwärter bei uns, der früher Profischwimmer war. Auch er wurde immer wieder krank. Schließlich ging er dreimal die Woche schwimmen, und es ging ihm besser. Bei mir war es die Musik, die fehlte.

Machten Sie in den sechs Jahren Kloster tatsächlich keine Musik?

Sehr wenig. Es gab einen Musikraum im Kloster, da gab es auch Instrumente. Sonntagnachmittag hatte ich immer eine bis zwei Stunden Zeit dafür.

Wie fühlte sich das an, spürten Sie keine Entzugserscheinungen?

Bevor ich ins Kloster ging, hatte ich die Lust an der Musik verloren. Sie war damals nur noch Mittel zum Zweck. Der nächste Hit musste her, die Musikindustrie hat ihre Schemata. Der nächste radiotaugliche Song, dann ein Video und so weiter. Aber die Passion für die Musik blieb oft auf der Strecke.

Nun sind Sie ins Musikgeschäft zurückgekehrt – als ein anderer?

In mir stecken ein Mönch und eine Rampensau. Die Rampensau hatte im Kloster ­keine­ Bühne. Heute lebe ich beides und bin ausgeglichener, als ich es lange Zeit war.

Aber die Spiritualität des Musikers ist eine andere als die des Mönchs?

Die Spiritualität des Mönchs hat viel mit Disziplin und Ritualen zu tun. Der Lebensstil eines Künstlers folgt einer Inspiration, die nicht unbedingt auf Kommando kommt. Sie kann dich zu jeder Tages- und gerne auch Nachtzeit treffen. Das ist schon ein großer Unterschied.

Mussten Sie lange überlegen, ob Sie bei „Sing meinen Song“ mitmachen?

Nein, überhaupt nicht. Bei dieser Show gibt es kein „think twice“. Es ist die beste ­Musikshow im deutschen Fernsehen.

Das heißt, Sie wurden in diesem Jahr ­gefragt?

Ja, ich hätte auch vor einem oder zwei Jahre schon mitgemacht. Aber die Zusammenstellung der Gruppe ist eine komplexe ­Geschichte. Jeder – die Macher, wir Musiker und der Zuschauer – will ja eine spannende Gruppe mit einer starken Chemie. Da betrachtet man Musikstile, Sprachen, ­Alter und Geschlecht der Künstler, vor ­allem aber ihre Persönlichkeit.

Was war am schwierigsten?

Auf Deutsch zu singen war schwer, das ­hatte­ ich vorher nur sehr selten gemacht. Zum Beispiel singe ich einen Song aus den Tiefen des Repertoires von Moses Pelham, den früher mal Xavier Naidoo interpretierte. Soul auf Deutsch ist schon hart für mich. Die Sprache hat so viele Konsonanten, das Englische ist viel weicher. Xavier kann das Deutsche fließen lassen wie kein Zweiter.

Im Trailer zur Show sieht man Sie weinen. Wissen Sie noch, was Ihnen in diesem ­Moment so naheging?

Das war bei meinem Song „Shake Away“ in der Interpretation von Gentleman. Der Song handelt von meinem Aufbruch in ein neues Leben. Wenn die anderen Musiker einer nach dem anderen deine Lieder spielen, passiert etwas, das man sich als Außenstehender schwer vorstellen kann. Diese Stücke sind nicht nur Hits, sie repräsentieren eine bestimmte Phase deines Lebens. Wenn das so geballt kommt, überwältigt es dich einfach. Stefanie von Silbermond hat mich mit meiner Jugend versöhnt, einfach nur, weil sie „An Angel“ gesungen hat. Ich war 15, als ich den Song schrieb.

Welcher Ihrer Kollegen bei „Sing meinen Song“ hat Sie am meisten überrascht? Gab es jemanden, der ganz anders war, als Sie dachten?

Lena Meyer-Landrut hat mich wirklich überrascht. Ich war verblüfft, was sie als Künstlerin drauf hat. Es gab Momente, da erinnerte sie mich stimmlich fast an Kate Bush. Was ich auch schön fand, war, wie sensibel The Boss Hoss durch die Show geführt ­haben. Man tut den beiden Unrecht, wenn man sie nur auf das Cowboy-Klischee reduziert. Mit Alec kann man sich gut über Metal und Grunge unterhalten. Diese Musik war die große Leidenschaft meiner Teeniezeit (lacht).

Durften Sie das damals öffentlich erzählen?

In der Familie war ich eher der Sanfte mit den Balladen. Dabei habe ich auch viele Rocksongs geschrieben, aber die kamen selten auf die Platten. Das ist der Unterschied zwischen damals und heute. Heute ent­scheide­ ich alles selbst, damals war ich Teil einer kollektiven Identität.

Das Gespräch führte Eric Leimann.

Michael Patrick Kelly präsentiert am Freitag, 11. August, sein aktuelles Programm „Live-Open-Air 2017“ in der Reihe „Zu Gast im Park“ im Park der Gärten in Bad Zwischenahn. Die Veranstaltung beginnt um 20 Uhr. Der Musiker ist zudem aktuell in der vierten Staffel der Fernsehsendung „Sing meinen Song“ auf Vox zu sehen. Seine Lieder und Biografie stehen in der Ausgabe vom Dienstag, 20. Juni, ab 20.15 Uhr im Mittelpunkt, gefolgt vom Porträtfilm „Die Michael-Patrick-Kelly-Story“ (22.05 Uhr).

Zur Person

Michael Patrick Kelly war früher Mädchenidol und musikalischer Kopf der Kelly Family („An Angel“). Dann legte der heute ­39-Jährige­ eine biografische Kehrtwende hin. 2004 zog er sich in ein katholisches Kloster im französischen Burgund zurück. Dort studierte er Theologie und Philosophie. Auch mit Depressionen hatte der drittjüngste Spross des irisch-amerikanischen Kelly-­Clans zu tun. Heute schreibt er wieder Songs. Vor Kurzem erschien sein neues Album „iD“. Live ist er in der Reihe „Zu Gast im Park“ in Bad Zwischenahn zu erleben. Bereits seit Mai ist Michael Patrick Kelly, der mit seiner Jugendliebe, einer belgischen Journalistin, verheiratet ist, in der vierten „Sing meinen Song“-Staffel auf dem Fernsehsender Vox zu sehen.
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