Der 100-Zeilen-Roman

Morgens kurz vor acht

Morgens, um kurz vor acht Uhr, an einer roten Ampel, im Nieselregen dieser großen Stadt, macht sich A. so seine Gedanken.
26.02.2017, 00:00
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Von Karsten Redmann
Morgens kurz vor acht
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Morgens, um kurz vor acht Uhr, an einer roten Ampel, im Nieselregen dieser großen Stadt, macht sich A. so seine Gedanken.

Wenn A., morgens um kurz vor acht, an einer Fußgängerampel stehen bleibt, für einen Moment die Augen schließt, um an seine schwerkranke Frau im Krankenhaus zu denken und an die siebenjährigen Zwillinge Marie und Tom, die er eben erst zur Schule gebracht hat, dann die Augen wieder öffnet, sich zur Seite dreht und einen Fremden, nennen wir ihn der Einfachheit halber B., fragt, ob dieser sich nicht wundere über die Gleichzeitigkeit der Dinge in der Welt, B. verwundert aufblickt und ihm, A., mit einem Lächeln begegnet, weil er sich erst gestern Abend noch, ausgerechnet beim Zähneputzen, dieselbe Frage gestellt hatte; dann – ja dann, treffen unverhofft zwei Gedanken aufeinander, die doch eigentlich ein Gedanke sind, morgens, um kurz vor acht Uhr, an einer roten Ampel, im Nieselregen dieser großen Stadt, mit ihren vielen Straßen und Autos und Häusern und Menschen.

Vor Jahren noch, denkt A., wäre ihm der Gedanke an die Gleichzeitigkeit der Dinge niemals in den Sinn gekommen. Früher hätte er mit unbekannten Dritten an roten Ampeln gestanden und einfach an nichts gedacht; zumindest denkt er das heute. Und hätte ihn jemand früher auf einen solchen welthaltigen Gedanken gebracht, den er eben dem anderen gegenüber so schnell und keck geäußert hatte, hätte er diesen einen Gedanken zwar zur Kenntnis genommen, dann aber schnell ein anderes Thema angeschnitten. Sicher hätte er über Fußball geredet, über verlorene und gewonnene Spiele, neu zusammengewürfelte Mannschaften und die vielen Projekte, die er als junger Anwalt in der Kanzlei seines Onkels zu verantworten hatte. Aber das ist Vergangenheit – Geschichte. Und er? Er – ein anderer.

Und jetzt? Jetzt steht er da. Und B.? B. steht ebenfalls da und scheint in Gedanken. Auch er hatte sich ja gefragt, wie man all diese Gleichzeitigkeit überhaupt aushalten kann. Noch am gestrigen Abend war das gewesen, erinnert sich B. Er hatte sich im Spiegel in die Augen geschaut und das erste Mal seit langer Zeit nicht mehr nur an sich gedacht, sondern auch an die vielen anderen. An all die Dinge außerhalb von ihm selbst. An eine Welt außerhalb seiner Welt.

Und jetzt? Jetzt denkt er wieder an all das zurück. Denkt an die Vorleserin. Nein. Falsch. Er denkt an einen Text über die Vorleserin. In einem Magazin, das er vor etlichen Monaten beim Zahnarzt gelesen hatte, hatte man über sie einen längeren Bericht geschrieben, hatte geschrieben, dass sie seit 23 Jahren in einer kubanischen Zigarrenfabrik den Arbeiterinnen und Arbeitern aus Zeitungen und Büchern vorläse. Und dass ihr Lieblingsbuch „Der alte Mann und das Meer“ sei. Das hatte B. beim Lesen des Artikels ein wenig traurig gemacht, weil es doch auch sein Lieblingsbuch ist; und weil in der Fabrik, in der er arbeitet, immer nur diese immer gleiche Radiomusik läuft. Von morgens bis abends. Kein Hemingway. Kein alter Mann. Kein Meer. Nichts von alldem. Als junger Erwachsener hatte er den Roman wieder und wieder gelesen. Wie lange war das jetzt her? 30 Jahre? 35?

Eine Autokolonne kommt langsam zum Stehen. Die Fußgängerampel schaltet von Rot auf Grün. Menschen passieren im Eiltempo die Straße. Und obwohl so etwas wie ein Sog entsteht, bleibt B. jetzt einfach stehen. Auch A. bleibt stehen. Und beide ahnen, dass es wohl richtig ist, hier und jetzt zu stoppen, das Leben für einen Moment lang anzuhalten; denn vielleicht fängt ja genau hier etwas Neues an. Jetzt, hier, in diesem Moment. Zwar wissen beide nichts voneinander, aber sie sind sich doch auch darüber im Klaren, dass sie das auf der Stelle ändern können. Hier. An dieser Kreuzung, im Nieselregen, um kurz vor acht.

Karsten Redmann

Karsten Redmann

Foto: FR

Zur Person

Karsten Redmann wurde 1973 in Neunkirchen (Saar) geboren und lebt und arbeitet als freier Schriftsteller in Bremen. Er hat Politologie an den Universitäten Duisburg, Bremen und Tampere (Finnland) studiert. Es gibt zahlreiche Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften, Magazinen und Zeitungen von ihm. 2010 erhielt er das Stipendium Bremer Romanwerkstatt, 2012 das Stipendium Bremer Prosawerkstatt. Eine seiner Arbeiten war Text des Monats beim Schreibwettbewerb des Literaturhauses Zürich, Juli 2015, ein anderer schaffte es auf die Shortlist zum erostepost-Literaturpreis 2016
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