Bodenständig und auch mal nackt Apocalyptica veröffentlichen mit "7th Symphony" ihr siebtes Album

Schon längst raus aus der Nische: Die Finnen Apocalyptica sehen zwar aus wie Metaller, können aber perfekt mit dem Cello umgehen.
13.08.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Claudia Nitsche

Schon längst raus aus der Nische: Die Finnen Apocalyptica sehen zwar aus wie Metaller, können aber perfekt mit dem Cello umgehen.

Seit 17 Jahren mischen die Finnen Apocalyptica Metal mit Klassik. Angefangen haben sie mit Cello-Interpretationen von Metallica, mittlerweile arbeiten sie mit prominenten Gastsängern, von Nina Hagen bis Rammsteins Till Lindemann. Auf "7th Symphony" ist der prominenteste Interpret Gavin Rossdale von Bush, den Perttu Kivilaakso und Mikko Sirén, der Schlagzeuger, über den grünen Klee loben. Die beiden Finnen sind vergleichsweise wach für zehn Uhr morgens nach einem Konzert am Vortag. Sie wippen mit auf "Wild Boys" von Duran Duran, bevor sie sich in eine Ecke des Cafés quetschen. Kivilaakso trägt Eyeliner, vielleicht von gestern, ist üppig tätowiert, seine schwarzen langen Haare bändigt eine sehr große Sonnenbrille. Er ist so blass wie dünn - der blonde Schlagzeuger Mikko Sirén wirkt dagegen wie ein Sonnenschein. Strahlend blaue Augen, immer ein Lächeln im Gesicht. Die Tatsache, dass Chef Eicca Toppinen noch immer in der Dusche ist, kommentiert er mit "Wir sind echt besser als er." Endlich begreift man, warum James Hetfield Finnland liebt.

teleschau: Wer von Euch hat eigentlich Ideen wie die, einen Song "Auf dem Hausdach mit Quasimodo" zu nennen?

Perttu Kivilaakso: Mikko ist Quasi, ich bin Modo - und wir haben immer sehr viel Spaß, wenn wir uns Titel ausdenken. Aber es geht auch darum, die Fantasie anzuregen. Was denkst du bei dem Satz, welches Bild entsteht?

teleschau: Zwei Freaks, die sich auf dem Dach unterhalten, dort oben übers Leben philosophieren.

Kivilaakso: So viele Hörer, so viele Geschichten gibt es. Das ist wichtig und das Schöne bei Instrumentalmusik, wir wollen einen Anstoß geben. Um eine Story im Kopf entstehen zu lassen, kommen von unserer Seite kleine Hinweise. Die bilden den Startpunkt, und die Musik trägt dich dann dahin, wo du willst.

teleschau: Apocalyptica arbeitet auch oft mit Gastsängern. Wie entscheidet Ihr, wer in den illustren Kreis aufgenommen wird und mitmachen darf?

Kivilaakso: Es muss zum Rhythmus passen. Wenn der Song komponiert ist, hört man, wonach er verlangt. Dass Gavin Rossdale "End of Me" nicht nur singt, sondern seine Ideen dazu einbrachte, hat eine Vorgeschichte. Apocalyptica remixten vor zehn Jahren den Bush-Song "Letting The Cables Sleep", also kannte man sich.

teleschau: Und Hausmann Gavin war dankbar für ein bisschen Arbeit.

Mikko Sirén: Er hat gar nicht so viel Zeit, er hatte seine Soloplatte am Start, und jetzt arbeiten sie an neuem Bush-Material fürs Comeback. Der Eindruck täuscht, weil Gavin nicht mehr jeden Tag in der Zeitung steht.

Kivilaakso: Die US-amerikanische Band Shinedown haben wir auf einem Festival gesehen und waren von ihrem Sänger Brent Smith sehr angetan. Manchmal werfen wir aber auch mit Dartpfeilen auf die Poster, die bei uns im Proberaum hängen und nehmen den- oder diejenige. Freilich versucht jeder, die Frau zu treffen (grinst).

teleschau: Die heißt diesmal Lacey, gehört zur Band Flyleaf und singt "Broken Pieces".

Sirén: Ein ganz untypischer Apocalyptica-Song, Eicca hat ihn mit dem englischen Pianisten Guy Sigsworth geschrieben, der bereits mit Madonna oder Björk gearbeitet hat. Er geht an Musik ganz anders ran als wir, das war komisch.

teleschau: Und ein Zeichen dafür, dass Ihr Euch stilistisch noch mehr öffnet als auf Eurem erfolgreichen Album "Worlds Collide" von 2007?

Kivilaakso: Wir wollen die Grenzen immer noch ein wenig mehr wegdrängen. Dieses Album jetzt war so aufregend und unterhaltsam, weil uns der Plan fehlte, als wir ins Studio gingen. Durch das Improvisieren wird man freier ...

teleschau: So frei, dass man einen Song nackt aufnimmt.

Sirén: "Beautiful" war meine Premiere als Bassist. Basser sind ja eigentlich die Deppen der Band, sie betrinken sich und dann ziehen sie sich aus. Also habe ich das gleich vorneweg gemacht. Eigentlich hat jede finnische Band schon mal einen Song nackt aufgenommen. In anderen Ländern, besonders in Deutschland, ist man da reservierter. Aber wir laufen irgendwie unser halbes Leben nackt herum.

teleschau: Obwohl die Temperaturen in Finnland nicht unbedingt dazu einladen.

Sirén: Aber wir haben Heizungen in den Häusern (grinst). Und wirklich überhaupt keine sexuellen Hintergedanken. Selbst wenn wir uns anstrengen, können wir darin nichts Anrüchiges finden.

Kivilaakso: Und was das Lied angeht, ist es eine Kopfsache, du teilst etwas und dadurch entsteht eine besondere Atmosphäre. Mikko fing damit an, wir haben gelacht, und dann sagte der Produzent: Jungs, so geht das nicht. Ihr zieht euch jetzt auch aus.

teleschau: Denkt Ihr, dass es immer noch Leute gibt, die Angst haben, wenn Sie "Metal" hören?

Kivilaakso: Aber selbstverständlich. Es ist ja nicht zu leugnen, dass Menschen vor allen möglichen Dingen Angst haben: Ich zum Beispiel vor Erdbeeren und Regenschirmen. Rihannas Regenschirm ganz besonders.

teleschau: Helft Ihr Leuten mit Eurem Materialmix, die Scheu zu überwinden und sich anzunähern?

Sirén: Das ist nicht unsere Aufgabe.

Kivilaakso: Zumal unser Metal kein besonders gefährlicher ist. Mit uns assoziiert man kein Klischee. Es wäre auch langweilig zu sagen, wir seien Metal. Wir sind viel mehr: symphonischer Metal, Folkmusik, Pop, Trash. Es ist echt eine Herausforderung einen Konsens zu finden zwischen uns.

teleschau: Perttu, auch wenn Du erst nach den ersten beiden Alben und Mikka noch später zur Band kam, ist es doch erstaunlich, dass Apocalyptica schon so lange hält, oder?

Kivilaakso: Allerdings. Ich habe nicht mal erwartet, dass ich so lange lebe.

teleschau: Und, enttäuscht darüber, dass Du immer noch da bist?

Kivilaakso: Das wechselt von Tag zu Tag. Nein, ich bin ein glückliches Menschenkind. Mein Leben bestand aus klassischer Musik. Dass sich alles so entwickelt, hätte ich mir niemals ausmalen können. Ist schon eine schöne Überraschung.

teleschau: Gibt es mittlerweile so etwas wie Ruhm?

Sirén: In Finnland? Unsere Präsidentin kann ohne Security durch die Straßen laufen, da macht keiner Aufhebens. Die Finnen sind so bodenständig. Du kannst deinen Status sehr gut beeinflussen, und wenn du keine große Nummer aus dir selbst machen willst, ist dies der beste Ort.

Kivilaakso: James Hetfield, der Sänger von Metallica, hat mal gesagt, er liebt Finnland. Das ist das einzige Land auf der Welt, in dem er ungestört im Supermarkt einkaufen kann. Keiner beachtet ihn.

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