Ein Korb für Chris Martin Delphic komponieren den Soundtrack zum Nachhauseweg

Pop mit Köpfchen: Delphic zeigen, dass Manchester auch 2010 noch einiges zu sagen hat.
15.01.2010, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Jochen Overbeck

Pop mit Köpfchen: Delphic zeigen, dass Manchester auch 2010 noch einiges zu sagen hat.

Wenn man mit Delphic spricht, fällt zunächst eine enorme Gelassenheit auf. Der Vierer aus Manchester verzichtet auf die üblichen Phrasen, bleibt freundlich und bemüht sich, nach Kräften tiefzustapeln. Selbst die unglaublichsten Geschichten werden quasi als Nebengang serviert, scheinbar beiläufig gedroppt. "Irgendwann rief uns Chris Martin an. Ich glaube aber nicht, dass er wirklich wusste, wer wir waren. Er wollte wohl einem Freund, der ein Label hat, einen Gefallen tun", erzählt Gitarrist Matt Cocksedge. Der Versuch des Coldplay-Sängers, die junge Band aus Manchester in befreundete Bahnen zu lenken, schlug fehl - weil die Band letztendlich auf Freunde hörte. Gleichzeitig ist die Geschichte exemplarisch für die Mechanismen der immer noch herrlich hysterisch agierenden Musikindustrie Großbritanniens. Jetzt erscheint mit "Acolyte" das Debütalbum der Briten und zeigt: Jeglicher Hype-Verdacht ist ungerechtfertigt. Delphic besitzen nicht nur die Fähigkeit, großartige Songs zu schreiben, sondern auch eine bemerkenswert autarke ästhetische Sprache, die irgendwo zwischen dem tanzbaren Pop von Bloc Party und den Klangentwürfen Radioheads oszilliert.

In Deutschland sorgten Delphic beim Melt!-Festival im vergangenen Sommer für einen ersten Aufmerker - in Großbritannien sind sie seit etwa eineinhalb Jahren ein Thema: Am Anfang stand die ambitionierte Indierock-Band Snowfight In the City Centre. "Es war nicht schlecht. Wir lernten, wie man Songs schreibt", erklärt Cocksedge. Bald merkten er und seine Mannen, dass es kaum Sinn machte, mit den Strukturen zu arbeiten, die man selbst nicht vorbehaltlos unterstützte. "Wir kamen irgendwann an einem Punkt an, an dem wir bemerkten, dass es zwar funktionierte, aber nicht funktionierte. Wir müssen etwas tun, an das wir glauben. Wir müssen Songs schreiben, die wir gerne im Radio hören würden."

Sie gründeten Delphic - und ließen die Dinge einfach laufen. Nach nur wenigen Wochen spielten sie ihre ersten Konzerte - illegale Raves in Fabrik- und Lagerhallen, bei denen sie sich kaum selbst hörten, die aber für ein deutlich vernehmbares Hufescharren in der Musikszene Manchesters sorgten und unter anderem The-Streets-Kopf Mike Skinner auf den Plan riefen, der sie kurzerhand auf Tour mitnahm.

Im Anschluss reisten sie mit Bloc Party durch Großbritannien, kurz darauf erschien die Debütsingle "Counterpoint", ein eindringlich flirrendes Kabinettstückchen Elektropop. Im Herbst folgte die zweite Single "This Momentary" - und plötzlich fanden sich Delphic auf der renommierten BBC-Liste "Sound Of 2010", die alljährlich von den wichtigsten Vertretern der britischen Musikpresse zusammengestellt wird und in der Vergangenheit die Erfolge von Künstlern wie Amy Winehouse, Mika, 50 Cent oder Franz Ferdinand vorhersagte.

Die Band nimmt derlei Vorschusslorbeeren mit einer gewissen Demut auf. "In Manchester bekommen wir davon nicht allzuviel mit", sagt Sänger James Cook. Der Band gehe es um andere Dinge. Um die Songs von "Acolyte", die sie unter der Ägide von Ewan Pearson einspielten, der in der Vergangenheit mit Gwen Stefani und den Pet Shop Boys arbeitete, aber auch um gewisse Stimmungen. "Wir haben eben eine sehr genaue Agenda", erklärt James. "Unsere Musik soll wie ein Nachhauseweg klingen. Fünf Uhr Morgens, du warst tanzen, und langsam wird es hell. Man sieht diese schönen Farben, hört die ersten Vögel - obwohl du schon 24 Stunden wach bist, fängt irgendetwas Neues an."

Delphic auf Deutschland-Tournee

03.02., Hamburg, Molotow

09.02., Berlin, Bang Bang Club

10.02., München, 59:1

13.02., Köln, Subway

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+