Neues Album "30" Die beste Adele aller Zeiten? Ihre neuen Songs in der Einzelkritik

Die Pop-Welt nimmt "30", das neue Album von Adele, mit Begeisterung auf, mancher spricht gar von der besten Adele aller Zeiten. Aber was kann das neue Material wirklich? Die zwölf Songs in der Einzelkritik.
19.11.2021, 12:41
Lesedauer: 6 Min
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Von teleschau - Jonas Decker

Adele ist nicht die Art Künstlerin, die zwanghaft alle zwei Jahre ein neues Album veröffentlicht, nur um ein neues Album zu veröffentlichen. Adele ist eine Künstlerin, die ihre Musik dann in die Welt hinausschickt, wenn die Zeit reif ist. Und damit hat sie aus kommerzieller und künstlerischer Sicht bislang alles richtig gemacht, über 130 Millionen verkaufte Tonträger sind es inzwischen. Nun kommt endlich etwas Neues, das langersehnte vierte Album "30". Was können die insgesamt zwölf Songs? Lesen Sie hier die Einzelkritik.

Strangers By Nature

"I'll be taking flowers to the cemetery of my heart / For all of my lovers in the present and in the dark" - uff, was für ein schwermütiger Einstieg! Adele bringt für all ihre verflossenen Lieben Blumen zu dem Friedhof in ihrem Herzen. Es geht um Beziehungen, die nie eine echte Chance hatten, was vielleicht auch an ihr lag. Adele, mit "Strangers By Nature" ein wenig auf den Spuren von Judy Garland und "Somewhere Over The Rainbow", blickt zu Wurlitzer- und Streicher-Klängen tief in sich hinein. Kein Spektakel, aber definitiv ein erstes Ausrufezeichen.

Easy On Me

Die Tränen der Fans machten Schlagzeilen, der Song ging binnen weniger Stunden um die ganze Welt. "There ain't no room for things to change / When we are both so deeply stuck in our ways", singt Adele in "Easy On Me", der Debüt-Single des Albums. Sie habe alles versucht, sie habe sich verbogen, "but now I give up". Die mitreißende, aufgewühlte Herzschmerz-Ballade ist der Song auf "30", auf dem Adele ihre gescheiterte Ehe mit Simon Konecki am intensivsten aufarbeitet. Ein klassischer Adele-Kracher, bei dem kein Auge trocken bleibt.

My Little Love

Wenn die Eltern sich trennen, trifft's die Kinder am härtesten - davon singt Adele, tief versunken in Schuldgefühlen, in "My Little Love". Das R'n'B-Wiegenlied ist eine weitere sehr persönliche Note auf diesem Album. Ehrlich, verletzlich, bittersüß, eine richtige Kloß-im-Hals-Nummer. Man hört hier sogar ein paar Aufnahmen von Adeles Sohn Angelo. "Tell me that you love me", fordert Adele - er soll ihr sagen, dass er sie liebt. Und Angelo: "I love you a million percent" ("Ich liebe dich eine Million Prozent"). Zum Heulen schön!

Cry Your Heart Out

"I swear I'm dead in the eyes / I have nothing to feel no more / I can't even cry". In "Cry Your Heart Out" geht's Adele wieder ziemlich schlecht. Sie könne nicht mal weinen, singt sie, aber im Refrain geht's dann doch. "Cry your heart out / It'll clean your face / When you're in doubt / Go at your own pace". Heul dich richtig aus, lass dir nichts sagen, mach dein Ding. Man weiß am Ende gar nicht, ob diese Nummer zwischen Supremes-Soul, Andrews-Sisters-Harmonien und Bobby-McFerrin-Augenzwinkern nun todtraurig ist oder das, was eben direkt danach kommt. Aber genau diese Stimmungen aus dem wahren Leben musikalisch einzufangen, war ja schon immer Adeles Stärke.

Oh My God

"30" ist oft sehr traurig und klingt immer wieder nach Chartmusik von ganz früher, hier aber geht es mal in eine ganz andere Richtung. Die Trennung tut noch weh, ja, aber jetzt ist Ich-Zeit angesagt! Zu absolut zeitgemäßem R'n'B-Pop singt Adele von neuen Dates und davon, endlich mal wieder etwas Spaß zu haben. "I know that it's wrong / But I want to have fun / Hmmm yeah". Vor allem musikalisch fällt "Oh My God" ziemlich aus dem Rahmen, aber zwischendurch mal eine so leichte, losgelöste und lässige Nummer - das tut dem Album in jedem Fall gut.

Can I Get It

Sie pfeift und spielt Akustikgitarre, "Can I Get It" hat viel Verve. Und: Hier hören wir Adele endlich auch mal wieder so singen, wie man es von Klassikern wie "Set Fire To The Rain" und "Rolling In The Deep" kennt. Hingebungsvoll, dynamisch, kraftvoll, laut. Der Text, der von ihrer Sehnsucht nach einer echten wahren wirklichen Liebe handelt, ist im Vergleich zu anderen Liedern auf "30" relativ austauschbar. Aber wer einen Beweis dafür sucht, dass Adele immer noch zu den besten Sängerinnen der Welt gehört, findet ihn genau hier.

I Drink Wine

"I Drink Wine", ein pompöser Piano-Pop-Titel im Stile eines Elton John, ist zumindest halb autobiografisch. Adeles kürzlich verstorbener Vater war Alkoholiker, Adele selbst hörte zuletzt ganz damit auf, Alkohol zu trinken. Aber nicht, um dem Kater am nächsten Morgen zu entgehen, sondern um sich selbst wirklich kennenzulernen. Darum geht es letztlich auch in diesem vielschichtigen Lied, das eben nicht nur vom Wein-Trinken oder Keinen-Wein-Trinken handelt. Es geht um Selbsterkenntnis, Weiterentwicklung, letztlich auch um die Suche nach Glück. "I hope I learn to get over myself / Stop tryin' to be somebody else".

All Night Parking

Darüber, welche Romanzen es in Adeles Leben nach der Trennung von Konecki gab oder gibt, weiß man nichts Genaues, aber das zumindest darf man feststellen: In "All Night Parking" klingt Adele ganz schön verliebt. Zu Knistergeräuschen und einem alten Piano-Sample von Erroll Garner singt die Britin von Schmetterlingen im Bauch - stilvoll wie eine Jazz-Diva längst vergangener Pop-Epochen, aber eben auch sehr konkret und bildhaft. "I want to get on the next flight home / And dream next to you / All night long".

Woman Like Me

"30" - eine Trennungsplatte? Nicht durchgehend, aber der Schmerz von zerbrochenen Beziehungen schwingt in den Liedern immer wieder mit. Zum Beispiel auch in der ziemlich brutalen Abrechnung "Woman Like Me". Faul sei er gewesen, unbeständig, unsicher, unzugänglich und letzthin dumm, eine Frau wie sie gehen zu lassen. "You ain't never had, ain't never had a woman like me". Adele singt all das ganz ruhig, wirkt kühl, fast schon distanziert - diese Beziehung, wen auch immer Adele hier meint, ist definitiv vorbei.

Hold On

So aufgeräumt und abgeklärt sie in "Woman Like Me" auch klingt, völlig mit sich im Reinen ist Adele auf "30" nie. "Oh what have I done yet again / Have I not learned anything / I don't want to live in chaos". Was habe ich jetzt schon wieder angestellt? Werde ich es niemals lernen? Ich will nicht mehr im Chaos leben. Die Ballade "Hold On" ist so niedergeschlagen, wie ein Pop-Song es überhaupt nur sein kann. Minutenlange, pure Soul-Agonie. Aber es gibt Hoffnung - die Art Hoffnung, die in so einem Song alles verändert. "Hold on / You are still strong / Love will soon come". Durchhalten, alles wird gut. Ein echter Gänsehaut-Song, ein absolutes Album-Highlight.

To Be Loved

Wieder ein Sechs-Minuten-Song, diesmal aber ohne den spät einsetzenden Chor oder die Streicher. Einfach nur das Piano und Adeles Stimme. Es geht wieder um das Durcheinander in ihrem Leben, ums mutmaßlich ewige Verlorensein, um heimlich geweinte Tränen und Ängste. Es hätte, denkt man an diesem Punkt des Albums, auch etwas weniger Selbstmitleid sein dürfen. Aber immerhin, es ist auch hier wieder Selbstmitleid auf höchstem musikalischen Niveau. Denn da, wo's am meisten wehtut, singt Adele immer noch am schönsten.

Love Is A Game

Auf "30" gibt es immer wieder kurze Momente, die an 50er-Jahre-Hollywoodkino, aber auch an die Songbook-Vorträge einer Ella Fitzgerald erinnern. Aber ohne den ganzen Kitsch - den hat Adele nämlich für den letzten Song des Albums aufgehoben, "Love Is A Game". Streicherbögen tragen das Stück über schon wieder sechs Minuten, man hört zwischendurch hochgepitchte Chöre und denkt an "La La Land". Die Traumfabrik in musikalischer Form - total aus der Zeit gefallen, aber gerade deshalb auch ein würdiger Abschluss für dieses Album. Und am Ende gibt's noch einmal eine klassische Adele-Weisheit: "Love Is A Game For Fools To Play" - die Liebe, ein Spiel, das nur Narren spielen.

Fazit

Adele lässt ihre Fans für Pop-Verhältnisse immer recht lange auf neue Musik warten, aber bei ihr lohnt sich die Geduld - das bewahrheitet sich auch wieder mit "30", ihrem erst vierten Langspieler in 13 Jahren Profi-Karriere. Adele hat viel erlebt in der Zeit seit dem Vorgänger "25" (2015), hat viel von diesem Erlebten in die neuen Songs gesteckt und so manches Highlight produziert - vor allem aber für Musik-Hörer, die modernen Pop zu laut, zu anstrengend finden. Und: Die ganz großen Hits, die herausstechen, werden weniger. Kein neues "Set Fire To The Rain", kein "Someone Like You". Adele liefert einmal mehr auf sehr hohem Niveau ab. Aber die beste Adele aller Zeiten? Eher nicht.

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