Mission erfüllt Die besten Alben des Jahres 2011

Vom Herzschmerz mit "21" bis zur allumfassenden Liebe, von Metallen und verschwendetem Licht: die besten Alben des Jahres 2011.
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Von Stefan Weber

Vom Herzschmerz mit "21" bis zur allumfassenden Liebe, von Metallen und verschwendetem Licht: die besten Alben des Jahres 2011.

Erfolgsdruck? Umgang mit hohen Erwartungen der Fans? Wenn man Superstars nach diesen Dingen fragt, wiegeln die meisten ab. "Ich mache meine Musik zunächst mal nur für mich" - Solche und ähnliche Antworten hört man oft. Hauptsache, die Messlatte liegt nicht zu hoch. Einige Superstars rissen 2011 aber selbst diese locker - sogar trotz vereinter Kräfte: Metallica und Lou Reed mit dem halbgaren Nebeneinander auf "Lulu", Sido und Bushido langweilten als 23 mit fast schon Neue-Mitte-Plattitüden und auch Mick Jagger und seine Allstar-Band SuperHeavy hinterließen keinen bleibenden Eindruck. Aber es gibt auch dieses Jahr Musiker, die - trotz mehr oder weniger großem Erfolgsdruck - die in sie gesetzten Hoffnungen mehr als erfüllten. Die besten Platten des Jahres ...

1. Adele "21"

Böse Menschen könnten "21", das zweite Album von Adele, als den kleinsten gemeinsamen Nenner 2011 bezeichnen. Könnten behaupten, dass die Soul-Pop-Sängerin in eine ähnliche emotionale Kerbe schlägt wie einst Amy Winehouse. Könnten den ungeahnten Erfolg auf die Produktion von Rick Rubin und die helfenden Hände von Hitgarant Ryan Tedder zurückführen. Vielleicht hätten diese bösen Menschen damit sogar ein bisschen recht. Wenn da nicht Adeles Stimmgewalt wäre, der persönlich erlebte Herzschmerz, der in ihre Songs einfloss. Aber vor allem die alles umfassende Authentizität der 23-jährigen Britin machten "21" zum nachvollziehbarsten, größten gemeinsamen Pop-Erlebnis des Jahres.

2. Wilco "The Whole Love"

Der nervöse Noise-Rock des Openers "Art Of Almost" und das abschließende zwölfminütige Folk-Mantra "One Sunday Morning" bilden nur den Rahmen. Denn so unaufgeregt klassisch wie auf "The Whole Love" agierten Wilco nur selten: Statt experimenteller Sounds gibt's eingängige Songs, die mal grummeln und brummeln ("I Might"), locker-poppig swingen ("Capitol City") oder geradeaus rocken ("Standing O"). Und mehr Ohrwurmmelodien hatten Wilco noch nie.

3. Radiohead "The King Of Limbs"

Was Radiohead mit ihrem achten Album leisteten, wird nun noch einmal deutlich: Kurz vor Jahresende gibt es zwei neue Songs der Band zum Download - darunter "The Daily Mail", das anfangs Piano-Klage ist, sich aber zu einem "richtigen" Rock-Song (samt tief dröhnender Bläser) aufschwingt. Denn ja, die oft als elektronisch-vergeistigt verschrienen Radiohead können immer noch Gitarren krachen lassen. Auf "The King Of Limbs" war dafür aber zu Recht kein Platz: Neben dessen acht Tracks zwischen Frickel-Elektronik, fiesen und nervös zuckende Rhythmen und Folk-Melodien passte nicht(s) mehr. Ihr bestes, weil geschlossenstes Werk seit "Kid A" (2000) und ein Plädoyer für das Album als Kunstform.

4. Ja, Panik "DMD KIU LIDT"

Einflüsse wie Bob Dylan und Falco. Englische und deutsche Texte. Songtitel wie "Nevermind" und "Time Is On My Side". Weltschmerz und Weltabgewandtheit. Zärtlichkeit und Zerstörungswut. Leerstellen und laute Stellen. Und diese Reihe ist fast beliebig fortsetzbar: Auf "DMD KIU LIDT" knüpften Ja, Panik ein engmaschiges Netz an Widerspürchen und Popkultur-Referenzen, das kaum zu entwirren war. Dass dabei großartige Popsongs wie "Trouble" abfielen, ist vielleicht die wirkliche Sensation dieses grandiosen Ungetüms von einem Album. Dessen Titel im Übrigen angeblich für "Die Manifestation der Traurigkeit in unserem Leben ist der Kapitalismus" stehen soll. Ja, Traurigkeit.

5. Foo Fighters "Wasting Light"

Sind Dave Grohl und seine Foo Fighters eigentlich mittlerweile die größte Rockband des Planeten? "Wasting Light" lieferte erneut stichhaltige Anhaltspunkte dafür. Wer in dieser Liga brettert einfach mal mit Motörhead-Lemmy durch die Gegend? Oder kann behaupten, dass er sich seine immer hymnischer werdenden Stadion-Rock-Refrains bei ABBA abgeschaut hat? Sich ganz entspannt mit alten Nirvana-Weggefährten erinnern, dass er schon mal Teil der größten Rockband des Planeten war? Und wer außer den Foo Fighters kann ein direkt in die Magengrube hauendes All-Killer-No-Filler-Album in der Garage aufnehmen? Eben.

6. Feist "Metals"

Vielleicht meint man auch nur, "Metals" seinen Aufnahmeort anzuhören. In Big Sur, am amerikanischen Pazifik, in einer umgebauten Scheune nahm Feist ihr Album auf. Und die gewisse Abgeschiedenheit, eine spröde, vielleicht sogar abweisende Kargheit der Natur, scheint den Songs, manchmal auch ihrer großartigen Stimme innezuwohnen. Feist und ihre musikalischer Freundeskreis schafften es jedoch durch kleine, fein akzentuierte Details mit nie zur Zierde eingesetzten Streicher und Bläsern den Folk-Songs Wärme einzuhauchen. So ist "Metals" ein organisches Popalbum, das - trotz des Aufnahmeortes - keine Hippie- oder Öko-Klischees zelebriert.

7. Drake "Take Care"

80 Minuten Spieldauer, eine proppevolle Gästeliste von Rihanna bis Stevie Wonder, einige selbstbeweihräuchernde Texte und R'n'B-Songs mit Autotune-Stimmeffekt: Auf den ersten Blick scheint sich Drakes zweites Album nicht von den heutzutage üblichen HipHop-Materialschlachten zu unterscheiden. Doch der Kanadier hat ein seltenes Talent: Er nimmt sich auf "Take Care" Zeit. Er zaudert, zweifelt, findet zwischen minimalistischer Electronica und entspannten Downbeats, anschmiegsamem R'n'B und trockenen Drum-Beats auch leise Töne. Und ist einer der wenigen Künstler des Genres, der eine eigene Vision von Mainstream-HipHop jenseits der allgemeinen David-Guetta-Verehrung findet.

8. Patrick Wolf "Lupercalia"

Patrick Wolf ist verliebt. Vielleicht auch aufgrund dieser Tatsache klingt der einstige Laptop-Folk-Tüftler auf "Lupercalia" furchtloser denn je. Denn er mag immer noch Geige und Ukulele spielen, euphorischer, kitschiger und hymnischer klangen seine elektronifizierten Popsongs noch nie. "House" lebt von Coldplay-artigen Hooks, "Together" erinnert an Erasure, bei "The City" lässt - nicht nur wegen des Saxofons - sogar Bruce Springsteen grüßen. Ein unverschämt eingängiges Album, für alle, die sich ihrer großen (Pop-)Gefühle nicht schämen.

9. Casper "XOXO"

Sido? Hat seinen eigenen Kinofilm. Bushido? Bekam den Bambi für Integration. Beide gemeinsam als 23? Ohne wirkliche Strahlkraft. Im deutschen HipHop 2011 sorgte ein anderer für musikalische Schlagzeilen: Der Bielefelder Casper rappte sich mit heiserer Kehle, mit einem ungewöhnlichen Mix aus Hardcore-Elementen und pathetischen Emo-Rockgitarren bis auf Platz eins der Charts. Warum? Weil er nicht Abtrennung postulierte, sondern sich für alle(s) offen zeigte: für Indie-Kids, Punkrocker wie auch HipHop-Fans. Casper? Ein Rapper mit und für die Zukunft.

10. Lady Gaga "Born This Way"

Natürlich kam auch 2011 keine Bestenliste, keine Preisverleihung ohne Lady Gaga aus. Und das zu Recht. Denn sie ist die Beste, in dem was sie tut. Und sie lieferte auch mit "Born This Way" eines der Versprechen ein, das Popmusik seit jeher gibt: Ihr drittes Album, dieser Bastard zwischen Dancefloor, Techno, Soul und Rock, ist die größtmögliche Projektionsfläche für eine größtmögliche Hörerschar und erfüllt allen den Wunsch nach einer Popmusik, die bunter und größer ist als das eigene Leben. Dazu die durchgängige Botschaft: Sei du selbst, egal, was die anderen sagen. Daran kommt niemand - ob man will oder nicht - vorbei.

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