Doppelter Egotrip mit Reisegefährten Die Gorillaz laden zur Strandparty am "Plastic Beach"

Nach fünf Jahren Pause raffen sich Gorillaz noch einmal zu einem gemeinsamen Album auf.
04.03.2010, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Sabine Metzger

Nach fünf Jahren Pause raffen sich Gorillaz noch einmal zu einem gemeinsamen Album auf.

Anfang 2009 steckte Murdoc Nicalls richtig in der Klemme. Nachdem er als Waffenhändler zuerst eine Menge Geld, sich dann aber eine Menge Feinde gemacht hatte, war für den früheren Bassisten klar: Die Gorillaz müssen wieder zusammenfinden, ein neues Album aufnehmen und noch mehr Geld verdienen. Doch was tun, wenn die restlichen Bandmitglieder psychisch instabil, spurlos verschwunden oder schlichtweg arbeitsunwillig sind? Die Lösung: Ausbooten, Klonen, Entführen. Das ließ sich leicht bewerkstelligen, denn schließlich ist die Welt von Murdoc Nicalls eine gezeichnete. Das neue Album "Plastic Beach" der Gorillaz aber ist sehr real - ebenso wie die Arbeit, die in seine Entstehung gesteckt wurde.

Dass der ehemalige Blur-Frontmann Damon Albarn gemeinsam mit dem Comiczeichner Jamie Hewlett hinter der Band mit dem schrägen Look und der ausgezeichneten Musik steckt, ist schon lange kein Geheimnis mehr. Trotzdem gibt es auf dem Gebiet noch einiges zu entdecken - etwa deutliche Parallelen zwischen dem Künstler Albarn und seiner Schöpfung Murdoc.

Letzterer verkündet selbstbewusst: "Gorillaz ist meine Band. Ich muss sie nicht wirklich 'wieder zusammenbringen'. Ich bin Gorillaz." Dementsprechend hat er, als das neue Album (für ihn) beschlossene Sache war, den psychisch labilen Drummer Russel gar nicht erst kontaktiert. "Ich habe einige von Russels Drum Takes und Programmen verwendet. Manches sogar von seinem Soloalbum, das nie fertig wurde. Großartiges Zeug. Das wäre ein außergewöhnliches Album geworden, hätte wahrscheinlich seine Solokarriere gestartet ... aber jetzt ist es eine Gorillaz-Platte! Pech für ihn."

Um Gitarristin Noodle bemühte er sich schon ein bisschen mehr. Immerhin gibt er mittlerweile selbst zu, dass sie für die meisten Nummern des letzten Albums "Demon Days" verantwortlich war - und er nur die Lorbeeren einheimste. Als sie jedoch unauffindbar blieb, ließ er sie klonen und als Cyborg auferstehen. "Jetzt ist sie mein ganz persönlicher revolverschwingender, gitarrespielender Leibwächter", protzt Nicalls. Nur für Sänger 2D gab es seiner Meinung nach keinen Ersatz: "Man kann damit durchkommen, viele Aspekte einer Band weglassen, Teile überspringen, es auf Experimentierfreudigkeit schieben - aber man kann den Sänger nicht wechseln." Da 2D kein Interesse an einer erneuten Zusammenarbeit hatte, entführte Nicalls seinen ehemaligen Bandkollegen kurzerhand und sperrte ihn in seinem neuen Hauptquartier "Plastic Beach" ein, bis er die gewünschten Vocals lieferte. Wollen - nehmen - haben, so funktioniert die Welt des Murdoc Nicalls.

Und die des Damon Albarn? Gar nicht so viel anders. André de Ridder, Dirigent des Klassikensembles Sinfonia ViVA, erzählte der Musikzeitschrift "Spex" von der Zusammenarbeit mit dem Künstler: "Er gibt manchmal ganz rohes Grundmaterial nach draußen, lässt dieses von Künstlern seiner Wahl bearbeiten oder ergänzen, lässt ihnen dabei weitgehend freie Hand, honoriert also ihre Interpretationen, entscheidet dann aber zum Schluss selbst und ohne weitere Rücksprache, wie er das Material in seiner Musik aufgehen lässt." Sinfonia ViVA etwa spielte auf Albarns Wunsch mit einigem Aufwand acht seiner Lieder in Orchestralversionen ein - am Ende landeten nur einige Passagen, manchmal sogar nur einzelne Takte, auf dem fertigen Album.

Für diesen Egotrip findet er ziemlich viele Mitreisende - mit jedem Album werden sie zahlreicher und prominenter. Diesmal waren neben Mos Def und Snoop Dogg unter anderem auch Soullegende Bobby Womack und Rockveteran Lou Reed an den Songs beteiligt - vielleicht, weil die Zusammenarbeit für sie eine Möglichkeit darstellt, sich einem jüngeren Publikum zu präsentieren, vielleicht aber auch schlichtweg, weil das bunte Universum der Gorillaz unheimlich Spaß macht. Daran zumindest will Nicalls glauben: "Für viele ist eine Kollaboration mit den Gorillaz wie ein Ticket nach Disneyland. Es ist ein freier Tag, sie dürfen bei diesem surrealen, kleinen, geisterhaften Freizeitpark mitmachen, der mit mir am Steuer um die Welt zu segeln scheint ... nicht viele schlagen eine Einladung aus."

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