Mangel an Mysterium Enrique Iglesias veröffentlicht mit "Euphoria" sein neuntes Studioalbum

Möglicherweise steckt hinter Enrique Iglesias' Fassade genau das Gleiche, was außen schon aufgemalt wurde.
27.08.2010, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Sabine Metzger

Möglicherweise steckt hinter Enrique Iglesias' Fassade genau das Gleiche, was außen schon aufgemalt wurde.

"Du bist ein internationaler Popstar, ein Superstar, vielen Dank fürs Kommen!" Der US-Talker George Lopez überschlug sich förmlich vor Begeisterung über den Besuch des schmalen, strubbeligen Kerlchens, das da in Trainingsjacke auf dem Sessel gegenüber Platz genommen hatte. Sein Gast sah eigentlich weniger nach einem internationalen Superstar aus als nach einem typischen US-Verbindungsstudenten - dazu passend sprachen die beiden erst einmal ausgiebig über sexuelle Eroberungen in Argentinien und die Gefahren des unbekleideten Wasserskifahrens. Der Gast war Enrique Iglesias, 35 Jahre alt und auf Promotiontour für sein aktuelles Album "Euphoria". Über die Platte aber - oder überhaupt über irgendein halbwegs ernsthaftes Thema - wurde während der ganzen Show nicht gesprochen. Fragt sich nur: Will er nicht - oder kann er nicht?

Mit Informationen geht Iglesias gerne sparsam um. Details aus seinem Privatleben lässt er überhaupt nur dann an die Öffentlichkeit, wenn sie entweder absolut unverfänglich sind oder das Bild des charmanten Filous stützen, das er auch auf den Interviewcouches von sich selbst zeichnet.

So widmet er etwa sein aktuelles Album in blumigen Worten seinem verstorbenen Hund: "Durch Dick und Dünn, Höhen und Tiefen, Gebrüll und Flüstern, danke Grammy, dafür, dass du immer die Auffahrt hinunterranntest, wenn du das Auto ankommen hörtest, um mich willkommen zu heißen - im Himmel auf Erden." Wer diese Zeilen liest, kann im Hintergrund schon das selige Seufzen zahlreicher (meist weiblicher) Fans hören. So ein armer, lieber Junge! Der vermisst seinen Hund!

Auf der anderen Seite ließ man dem Klatschportal tmz.com ein Video zukommen, auf dem Iglesias dabei zu sehen ist, wie er aufgrund einer verlorenen Wette nackt Wasserski fährt. Wer die verwackelten, verschwommenen Nachtaufnahmen sieht, kann im Hintergrund schon das aufgeregte Kichern der gleichen Fans hören. So ein frecher Junge! Der traut sich was!

Medienvertreter treibt der Vollprofi mit dieser Masche gelegentlich in die Verzweiflung. Es könne doch nicht sein, so der allgemeine Tenor, dass jemand tatsächlich so ist, wie Iglesias sich darstellt: unbekümmert, nicht unbedingt höflich, aber freundlich, meistens lustig; ausgestattet mit einer unproblematischen Beziehung zu Ex-Tennisprofi Anna Kournikova und nicht allzu viel Tiefgang. Es muss doch irgendetwas geben, ein dunkles Geheimnis. Leidet er womöglich unter der Berühmtheit seines Vaters Julio? Macht ihm sein Image als leichtlebiger Produzent leicht verdaulicher Popmusik zu schaffen? Liest er heimlich Schopenhauer? Wenn dem so sein sollte, ist davon bei Iglesias jedenfalls nichts zu spüren. Vielleicht steckt hinter der Fassade des gutherzigen Filous ja tatsächlich einfach nur ein gutherziger Filou.

Iglesias müsste schon lange nicht mehr arbeiten, und trotzdem landen seine Singles regelmäßig weltweit ganz vorne in den Charts. Was seinen Erfolg angeht, hat er seinen Vater inzwischen mindestens eingeholt, wenn nicht übertroffen. Er wuchs völlig sorgenfrei im Reichtum auf, wurde von seiner Erzieherin Elvira Olvarez aber keineswegs verwöhnt: "Sie war immer streng", erinnert sich der Sänger heute. Er schaffte einen ordentlichen Schulabschluss und begann sogar ein Wirtschaftsstudium, bevor er sicher war, dass die Sache mit der Musik funktionieren würde. Keine Spur einer schweren Jugend, nicht der leiseste Hauch einer gequälten Künstlerseele.

Wem es so gut geht wie Iglesias, dem fällt es wahrscheinlich einfach leichter zu teilen. So lässt er seine einstige Erzieherin inzwischen bei sich wohnen, ist stets freundlich zu Fans und Journalisten. Und erhält sich genau durch diesen Mangel an Mysterium ein bisschen davon.

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