Der verdiente Lohn? Im Vorfeld der "Echo"-Verleihung streitet die Musikindustrie um ein neues Urheberrecht - und für ihre Einnahmen

Musik ist auch ein gutes Geschäft - nur für wen? Im Vorfeld der "Echo"-Verleihung flammt die Diskussion um ACTA, ein neues Urheberrecht und die Verteilung der Einnahmen neu auf.
16.03.2012, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Stefan Weber

Musik ist auch ein gutes Geschäft - nur für wen? Im Vorfeld der "Echo"-Verleihung flammt die Diskussion um ACTA, ein neues Urheberrecht und die Verteilung der Einnahmen neu auf.

Mit Musik lässt sich immer noch Geld verdienen. Ja, sogar mit Plattenverkäufen. Chartstürmerin Adele etwa leistete sich von den Einnahmen ihres millionenfach verkauften Albums "21" kürzlich eine Villa in der englischen Grafschaft West Sussex - allerdings nur zur Miete. Zehn Schlafzimmer, Swimmingpool, Tennis- und Hubschrauberlandeplatz inklusive für umgerechnet etwa 18.000 Euro im Monat. Sie hat es sich verdient - mit einem großartigen Album. Nach mehrfachen Auszeichnungen bei den "Brit Awards" und den "Grammys" dürfte auch bei der "Echo"-Verleihung am Donnerstag, 22. März, in Berlin (ab 20.15 live in der ARD) ihre Siegesserie nicht abreißen: Sowohl in der Kategorie "Beste Künstlerin International" beim "Besten Album" kann eigentlich die Siegerin eigentlich nur Adele heißen. Spannender ist eine andere Frage, die gerade in den letzten Wochen für Diskussionen sorgte: Wer verdient eigentlich am Verkauf von Musik? Und mit welchem (Urheber-)Recht?

An der Ausgangslage hat sich auch im vergangenen Jahr kaum etwas geändert: Die Verkaufszahlen bleiben schlecht. Auch wenn der Bundesverband Musikindustrie e.V. für 2011 mit einer "stabilen Marktentwicklung" rechnet. Man bewege sich ungefähr auf Vorjahresniveau, so dessen Geschäftsführer Florian Drücke. Dennoch: 2001 lag der Gesamtumsatz des deutschen Tonträgermarkts noch bei knapp 2,5 Milliarden, 2010 nur noch bei etwa 1,6 Milliarden Euro. Und auch wenn der digitale Markt wächst, die Zahl bezahlter Downloads und die Einnahmen durch Abo- und Streamingdienste stetig steigen: Drücke betont, "dass selbst das beste legale Angebot auf Dauer nicht mit den massenhaften illegalen Gratisangeboten konkurrieren kann und hier nach wie vor dringender Handlungsbedarf besteht."

Wie lassen sich die Einnahmen sichern? Mit welchen Mitteln kann den illegalen Downloads begegnet werden? Muss die Freiheit des Netzes eingeschränkt werden? Die Diskussion, die nicht nur in der Musikbranche in den letzten Wochen geführt wurde, lässt sich dabei auf ein Schlagwort reduzieren: ACTA. Das internationale "Anti-Counterfeiting Trade Agreement" soll sicherstellen, dass geistiges Eigentum auch im Internet länderübergreifend geschützt wird. Das Problem: Das 52-seitige Dokument enthält - selbst für Juristen - viele unklare Formulierungen und lässt große Interpretationsspielräume.

Die Fronten sind dabei klar - und scheinen verhärtet: Die Musikindustrie pocht auf ihr gutes Recht, sorgt sich um den Schutz des geistigen Eigentums - und fürchtet natürlich um ihre Einnahmen. Vorstellbar wäre - je nach Auslegung von "ACTA" - etwa, dass Internetanbieter dazu gebracht werden können, Filter in ihr Angebot einzubauen und so den Datenverkehr ihrer Kunden zu überwachen. Große Teile befürworten diese Vorgehensweise und fordern die Einführung eines "Warnhinweises": Beim ersten Verstoß soll eine automatisierte, noch kostenfreie Warnung den Nutzer auf sein falsches Verhalten hinweisen.

Klingt fair? Kritiker lehnen diese Vorgehensweise ab - und das nicht nur auf Grund des Eingriffs in die Privatsphäre der Internetuser. Denn ob Internet-Provider, also private Unternehmen, über die Überwachung der Meinungsfreiheit bestimmen sollten, ist mehr als diskutabel. Selbst Verbraucherschützer stehen dem Modell kritisch gegenüber. Cornelia Tausch, Leiterin Fachbereich Wirtschaft und Internationales der Verbraucherzentrale Bundesverband vermutet, dass die Rechteinhaber die komplette Kontrolle des Datenverkehrs wollen, "weil sie Urheberrechtsverstöße so deutlich leichter feststellen könnten als bisher. Schließlich verdienen einige nicht schlecht an der Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen."

Womit man wieder bei der Ausgangsfrage wären: Wer verdient hier eigentlich was? Scheffelt Adele unfassbare Reichtümer mit ihren Plattenverkäufen? Und was sagen die Betroffenen, die Künstler selbst zu diesen Fragen? Eine der wenigen Bands, die das Thema offen anspricht, ist die - ebenfalls für einen "Echo" nominierte - Hamburger Band Deichkind. Sie geht sogar weiter: Mit "Illegale Fans" setzen sie den Internet-Dieben gar ein augenzwinkerndes Denkmal. Für Deichkind-Mann Philipp Grütering sind illegale Downloads kein Problem: "Für uns ist das gute Promo. Wir als mittelgroße Band profitieren davon. Das ist ein tolles Mittel, um populär zu werden und Leute dazu zu bewegen, auf unsere Konzerte zu kommen. Ich meine: Wir spielen durchweg in ausverkauften Häusern."

Dass es zum Großteil die Einnahmen aus eigenem Merchandising und aus Tourneen sind, die heutzutage das Überleben der Musiker sichern, ist schon länger bekannt. Deutlich wird dies auch durch einen Blick auf die Verteilung des Erlöses durch den Verkauf einer CD: Der Künstleranteil beträgt 9,9, der des Songautoren 3,7 Prozent. Bei einem durchschnittlichen Verkaufspreis von 15,90 Euro bleiben einem Musiker, der seine Songs selbst schreibt ungefähr 2,18 Euro. Bei den Downloads von Alben ist der Aufteilungsschlüssel ähnlich - aufgrund des meist niedrigeren Verkaufspreises bleibt allerdings auch weniger beim Künstler hängen. Und mit Streaming-Diensten wie Spotify oder Simfy ist bislang noch weniger zu verdienen: Pro online abgespieltem Song verdienen Band oder Künstler ungefähr einen Zehntel Cent.

Klar: Im Beispiel von Adele macht es natürlich die Masse. Rund 13 Millionen Dollar, so das US-Branchenmagazin "Billboard", soll die 23-Jährige im vergangenen Jahr verdient haben. Dass Adele wegen ihrer Stimmband-Erkrankung aber nur wenige Konzerte spielen konnte, merkt sie in ihrer Jahresabrechnung auch. Folglich toppt auch eine andere Musikerin die Liste der bestverdienendsten Musiker 2011: Vor allem dank der Einnahmen ihrer "Speak Now"-Tour verdiente Country-Popstar Taylor Swift über 35 Millionen Dollar. Mit Konzerten lässt sich eben noch Geld verdienen.

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