Der alte Mann von der Straßenecke Interpol, ihr Umbruch und die Liebe zur Musikindustrie

Eine der wichtigsten Bands der letzten Dekade ist zurück - und verkleinert: Interpol veröffentlichen ihr viertes Album - ohne Bassist und Hauptsongwriter Carlos Dengler.
27.08.2010, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Jochen Overbeck

Eine der wichtigsten Bands der letzten Dekade ist zurück - und verkleinert: Interpol veröffentlichen ihr viertes Album - ohne Bassist und Hauptsongwriter Carlos Dengler.

Als im Frühsommer Carlos Dengler seinen Ausstieg bei Interpol bekannt gab, war das Entsetzen groß: Immerhin war Dengler nicht nur Bassist, sondern auch Hauptsongwriter der New Yorker Indie-Heroen - und der Moment ein schlüssiger, aber nicht unbedingt günstiger: Die Arbeiten an "Interpol" (VÖ: 03.09.), dem vierten Album der Band, waren gerade abgeschlossen. Frontmann Paul Banks muss die Interviews also alleine bestreiten. Es ist bekannt, dass Öffentlichkeitsarbeit keine seiner Lieblingsdisziplinen ist - dennoch gibt er sich an jenem Nachmittag in einem Berliner Hotel recht freundlich.

"Ich habe früh festgestellt, dass es keinen Sinn macht, sich mit den Dingen zu belasten, die außerhalb der Musik passieren. Es interessiert mich einfach nicht, wie ein Foto von uns aussieht oder was in der Zeitung steht. Ich weiß, dass ich keinerlei Kontrolle darüber habe und versuche deshalb nicht, sie zu erreichen", sagt er. Nicht unbedingt das, was man als Journalist hören möchte. Und auch nicht das, was einen angenehmen Gesprächsverlauf vermuten lässt. Doch Banks bleibt im weiteren Verlauf freundlich. Sicher, es ist eine sehr amerikanische Freundlichkeit, eine die klar erkennen lässt, dass sie Mittel zum Zweck ist, und die von einer deutlichen Vorsicht flankiert wird. Wach tanzen die Augen des Sängers durch den Raum.

Leidenschaft ist nur dann Motor des Gesprächs, wenn es nicht um das eigene Werk geht - etwa wenn Banks über Humor spricht oder von seiner Leidenschaft für Comedians erzählt - "eine hochdepressive Gesellschaftsschicht" - oder von einer Veranstaltung erzählt, an der Interpol einige Tage vor dem Gespräch teilnahmen. Eine vom Lifestyle-Magazin "Vice" veranstaltete und finanziell wohl sehr gut ausgestattete Party, auf der die verschiedenen Kunstgattungen gekreuzt wurden. "Das war eine smarte Sache. Und es ist schön, in so einem Kontext zu spielen. Ich habe die Antwoord gesehen, von denen ich echt großer Fan bin, konnte ein bisschen mit Blonde Redhead sprechen, die ich gerne mag und ein paar coole Instalationen aussehen. Aber all das spielte sich in ein paar Minuten ab. Ich musste eigentlich sofort wieder nach Hause, um einen Song fertigzumachen."

Der Auftritt in New York war einer der ersten ohne Carlos Dengler. An seiner Stelle stand David Pajo auf der Bühne. Ein Indie- / Artpunk-Routinier, der die legendären Slint gründete, aber auch mit Tortoise und Billy Corgans Zwan spielte. Ein guter Ersatz, zweifelsohne. Einer, der wie Banks berichtet, bei der ersten Probe jede Basslinie Denglers traumwandlerisch beherrschte. Aber ein dauerhafter Ersatz? Eine Frage, bei der Banks zumacht. Pajo sei kein festes Mitglied der Band, so sagt er, aber er würde die Band auf Tour begleiten. Und da man in den nächsten eineinhalb Jahren nicht mit der Arbeit an einem neuen Album beginnen würde, sei das auch keine Frage, die man sich stelle. "Danach fangen wir an, darüber nachzudenken. Vorher ist es Gedankenverschwendung."

Und noch etwas ist anders: "Interpol" ist das erste Album der Band, das nicht mehr bei einem Major-Label erscheint. Gibt es eine Geschichte dazu? Gäbe es eine, so sagt Banks, würde er sie nicht erzählen, letztendlich sei es aber ein normaler Prozess gewesen: Grund für die Trennung sei die gegenseitige Entfremdung aufgrund personeller und inhaltlicher Umstrukturierungen bei der Plattenfirma gewesen.

Kurz stand im Interpol-Camp die Idee im Raum, die Platte selbst zu veröffentlichen und lediglich den Vertrieb ein großes Label erledigen zu lassen. Banks ist einigermaßen froh, dass es nicht so kam. "Ich finde, das ist eine hervorragende Idee und glaube auch, dass so etwas wichtig für die Dynamik der ganzen Musikindustrie ist. Aber ich bin nicht der Typ, der da der Vorreiter sein muss", sagt er: "Ich möchte eine CD in der Hand haben. Mit einem Booklet. Und ich möchte auch wissen, dass diese CD überall erhältlich sein wird und sich Leute um das Marketing und die Werbung kümmern, die sich bei so etwas auskennen. Das Musikbusiness kann eine Menge für die Menschen tun - für Bands, aber auch für die Hörer. Das gerät oft in Vergessenheit."

Ein Plädoyer für die Musikindustrie hätte man von Banks nicht unbedingt erwartet. Doch er begründet's ziemlich gut. Vereinfacht gesagt: Ohne Musikindustrie gäbe es kein Geld. Und ohne Geld hätten Bands keine Möglichkeit, in guten Studios, mit guten Produzenten aufzunehmen. "Ich bin altmodisch. Es mag daran liegen, dass ich selbst Musiker bin, aber ich kaufe die Songs, die ich gut finde. Und wenn ich U-Bahn fahre und die Kids sehe, wie sie in ihren iPods blättern und an der Stelle, wo bei einer gekauften CD das Cover ist, nur dieser Platzhalter steht, denke ich mir: 'Du kleiner Bastard!'"

Banks lacht. Er möchte, so sagt er, nicht der alte Typ sein, der an der Straßenecke steht und schimpft. Etwas altmodisch zu sein, ließe sich aber nicht vermeiden. So stellte er bei den Aufnahmen zu "Interpol" auch fest, dass es Spaß macht, ganz klassisch in einem Studio zu arbeiten. Mehr als an einem Laptop: "Ich habe mein Soloalbum ("Julian Plenti Is Skycraper" erschien 2009 unter dem Pseudonym Julian Plenti, Anm. d. Red.) auch auf dem Computer aufgenommen. Als ein Produzent dann daran arbeitete, klang sie aber leider sofort deutlich besser. Und der Gedanke, dass die Abbey Road Studios irgendwann zum Museum werden, weil keine Kohle mehr da ist, der gefällt mir einfach nicht."

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