Aktuelle Tipps Kendrick Lamar, größer als Jesus? Das sind die Musik-Highlights der Woche

Florence + The Machine, Michelle und Pulitzerpreis-Rapper Kendrick Lamar, der sich fünf Jahre nach dem Meisterwerk "Damn" mit einem Doppelalbum zurückmeldet: Erfahren Sie hier, was neu, wichtig und hörenswert ist in der Welt der Musik.
13.05.2022, 12:03
Lesedauer: 3 Min
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Von teleschau - John Fasnaugh

Einige hatten zuletzt schon gescherzt, Kendrick Lamar habe sich womöglich zur Ruhe gesetzt. Man hat zuletzt lange nichts gehört von dem kalifornischen Rap-Superstar, ganze fünf Jahre liegt sein gefeiertes und vielfach ausgezeichnetes Werk "Damn" inzwischen zurück. Nun ist der vielleicht bedeutendste HipHop-Künstler unserer Zeit wieder da und präsentiert mit "Mr. Morale & The Big Steppers" sogar ein Doppelalbum. Neues und Hörenswertes gibt es außerdem von Florence + The Machine und Schlager-Ikone Michelle.

Kendrick Lamar - Mr. Morale & The Big Steppers

14 Grammys stehen inzwischen in seinem Trophäenschrank, mit dem Multi-Platin-Meisterwerk "Damn" (2017) gewann er als erster Rapper überhaupt den Pulitzerpreis, zuletzt hörte man seine Musik auf vielen Black-Lives-Matter-Veranstaltungen. Kendrick Lamar, sagen viele, ist der größte Rapper unserer Zeit. Vielleicht sogar größer als Jesus? Fünf Jahre nach "Damn" hat der 34-Jährige sein neues Doppelalbum "Mr. Morale & The Big Steppers" veröffentlicht - auf dem Cover inszeniert er sich als eine Art HipHop-Heiland mit Dornenkrone.

Größenwahn? Eher nicht. Es ist wohl einfach Kendrick Lamars Art, die Glorifizierung seiner Person zu verarbeiten, und auf die Brüche weist er deutlich hin: Der Kendrick-Jesus trägt eine Waffe im Hosenbund, hält seine inzwischen dreijährige Tochter auf dem Arm, im Hintergrund sitzt seine Freundin mit einem Baby, und als Kulisse dient ein heruntergekommenes kleines Apartment - so ähnlich könnte vielleicht auch die Wohnung in Compton ausgesehen haben, in der Lamar aufwuchs. Da steckt viel drin, visuell, inhaltlich, auch musikalisch.

Lamar performt mit prominenten Gästen wie Ghostface Killah und Beth Gibbons (Portishead), experimentiert mit unterschiedlichsten Beats und Samples und verarbeitet in den insgesamt 18 Tracks alle möglichen persönlichen, politischen und kulturellen Themen. Der Kalifornier erzählt von seinem Leben als junger Vater und von Therapiesitzungen, verweist auf den Beef zwischen Kanye West und Drake, richtet den Blick nach innen und immer wieder mit einiger Irritation raus in die Welt. Es wird eine Weile dauern, bis die HipHop-Community all das fertiggedeutet und -analysiert hat. Was man jetzt schon sagen kann: Ein noch größeres Rap-Album wird es 2022 wahrscheinlich nicht mehr geben.

Florence + The Machine - Dance Fever

"When I dance, for a moment, I am free": Diese Zeile aus dem Song "Free" erzählt schon sehr viel darüber, was Florence Welch dieser Tage umtreibt. Unbeschwertheit, Freiheit, manchmal auch das simple Glück, alles zu vergessen und einfach loszuzappeln, vor allem nach den Monaten der Isolation - darum geht es. Aber Florence Welch wäre nicht Florence Welch, wenn es nicht doch auch wieder einen sehr geistreichen Unterbau zu diesem neuen Album von Florence + The Machine gäbe.

"Dance Fever", der Titel klingt eigentlich recht trivial, man könnte ihn sich bei jedem zweiten zeitgenössischen Pop-Act vorstellen. Florence Welch meint damit durchaus die schiere Lust am Tanzen. Sie hat sich zuletzt aber auch intensiv mit ihrer eigenen überstandenen Quasi-Tanzsucht befasst und, da entfernen wir uns endgültig von klassischen Popkultur-Inhalten, mit dem spätmittelalterlichen Phänomen der Choreomanie. Es geht dabei um Menschen, die sich - oft in großen Gruppen - wortwörtlich zu Tode tanzten. Da sind sie wieder, diese sehr speziellen, gerne mal etwas abseitigen Florence-Welch-Noten, die sich auch auf "Dance Fever" mit fein poliertem Alternative-Pop vermischen. Ansprechend, kunstvoll und natürlich auch tanzbar.

Michelle - Das war's ... noch nicht!

"Das war's ...", hieß es vor einigen Monaten in einem kryptischen Social-Media-Post von Michelle. Eine der größten Schlagersängerinnen überhaupt macht Schluss? Natürlich nicht, der Gag von ganz tief unten in der Marketing-Trickkiste wurde kurz darauf aufgelöst. "Das war's ... noch nicht!" Ha! Es gäbe derzeit aber auch keinen Grund aufzuhören, mit inzwischen 50 Jahren spielt Michelle immer noch ganz vorne mit im Schlagerbusiness. Seit drei Jahrzehnten ist sie dabei, das wird nun gefeiert. Der vollständige Titel ihres Jubiläums-Albums: "30 Jahre Michelle: Das war's ... noch nicht!".

30 Songs für 30 Jahre, darunter zwölf brandneue Titel, es ist also ein Mix aus Retrospektive und Blick nach vorne. Die Michelle-Klassiker wie etwa "Wer Liebe lebt", "Paris" und "Nicht verdient" wurden allesamt neu aufgenommen; mit dem neuen Material zeigt die 1,56-Meter-Powerfrau, wie viel Energie und Lust und Leben noch immer in ihr stecken. Und dass sie nach wie vor eine Künstlerin mit Ecken und Kanten ist. "Scheißkerl", solche Songtitel können sich in der Schlagerbranche nur die ganz Großen herausnehmen. Michelle, niemand wird es anzweifeln, gehört sicher dazu.

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