Eloquenz ist nie verkehrt Keri Hilson veröffentlicht ihr zweites Album "No Boys Allowed"

Mit allen Wassern gewaschen: R'n'B-Musikerin Keri Hilson hat bereits viele Seiten des Musikgeschäfts kennengelernt.
08.07.2011, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Klaas Tigchelaar

Mit allen Wassern gewaschen: R'n'B-Musikerin Keri Hilson hat bereits viele Seiten des Musikgeschäfts kennengelernt.

Til Schweiger und Tokio-Hotel-Produzent und Songwriter David Jost sei Dank: Mit der Single "I Like" zum Film "Zweiohrküken" toppte Keri Hilson die deutschen Charts. Ein weiteres R'n'B-Modepüppchen? Mitnichten. Als Songwriterin und Gast-Sängerin lernte sie die Kniffe und Tricks des Musikgeschäfts - und weiß, dass ihre Karriere auch schnell wieder vorbei sein könnte. Die charmante Endzwanzigerin lässt sich jedenfalls während des Interviews zu ihrem zweiten Album "No Boys Allowed" in einem Kölner Hotel nicht aus der Ruhe bringen. Sie sei gerne Musikerin, aber nichts sei für die Ewigkeit, erklärt sie entspannt.

teleschau: Du hattest 2009 einen Auftritt bei "Popstars" und warst kürzlich beim Finale von "Germany's Next Topmodel" als Sängerin auf der Bühne. Glaubst Du, diese Casting-Shows sind eine gute Sache oder werden dort bloß falsche Versprechungen vermittelt?

Keri Hilson: Ich glaube, dass diese Shows grundsätzlich gut sind. Denn man lernt dort schon eine ganze Menge, auch wenn daraus am Ende vielleicht nicht eine lange Karriere entsteht. Es ist aber sicher eine intensive Lernphase, man kann sich dort schließlich vor der ganzen Welt ausprobieren. Solche Shows können ein gutes Sprungbrett sein, wie man an Kelly Clarkson oder Alexandra Burke sieht.

teleschau: Hast Du am Anfang Deiner Karriere darüber nachgedacht, an solch einer Show in den USA teilzunehmen?

Hilson: Nein. Aber das ging auch erst richtig los, als ich schon ein wenig Erfolg hatte und bereits in die Rolle der "Künstlerin" geschlüpft war.

teleschau: Du warst ganz am Anfang Deiner Karriere Mitglied in zwei Girl-Bands. Warum hat das nicht geklappt?

Hilson: Wir hatten zwar Plattenverträge, aber die Platten kamen nie raus. Also habe ich mit dem Songwriting für andere Leute angefangen.

teleschau: Du warst dann Teil des Songwriting-Teams The Clutch und hast Songs für Mary J. Blige, Britney Spears und Toni Braxton geschrieben. Wie kam es dazu?

Hilson: Ich schrieb schon Songs für bekannte Leute, bevor ich zu The Clutch kam, etwa für Usher oder Britney. Und wir waren bei "The Clutch" nur eine relativ kurze Zeit zusammen. Eigentlich war das so eine Art Plan B , neben meinem Leben als Künstlerin. Ich war zuerst Musikerin, aber es hat irgendwie nie richtig geklappt.

teleschau: Dann kamen erste Gastauftritte bei Songs von Xzibit und Timbaland. War das Teil eines Erfolgsplans oder bloß ein Job wie jeder andere?

Hilson: Ich plante damals nichts. Aber ich war mir natürlich bewusst, dass Kollaborationen mit anderen Künstlern dafür sorgen würden, dass mein Label mich nicht vergisst. Es war also eine bewusste Handlung, mit so vielen Künstlern wie möglich zusammenzuarbeiten. Nicht nur um meine Rechnungen bezahlen zu können, sondern auch um die Aufmerksamkeit auf mich lenken zu können, um eine eigene Karriere zu starten. Aber vieles ist bei mir tatsächlich glücklicher Zufall gewesen. Ich war oft zur richtigen Zeit am richtigen Ort.

teleschau: Du hast bereits viele unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Welche Aufgabe hat Dir am meisten über das Musikgeschäft verraten?

Hilson: Definitiv das Songwriting! Man lernt das Rundfunkgeschäft kennen und eine Menge über das Verlegen von Songs. Und man erfährt die ganzen Tricks, die Labels und das Management gerne auf ihre Künstler anwenden. Ich erfuhr hinter den Kulissen echt eine Menge über die Musikindustrie. Ich bin dankbar dafür, auch weil ich als Songwriterin den Respekt der Plattenbosse bereits hatte, als ich meinen Plattenvertrag unterschrieb. Ich wusste schon einiges mehr über das Geschäft als der durchschnittliche neue Act.

teleschau: Und Du hast auch die schlechten Seiten kennengelernt?

Hilson: Klar. Wie hart die Künstler teilweise arbeiten, wie fertig sie am Ende des Tages sind. Und auch was für Tricks im Spiel sind, wie Leute benutzt oder gar manipuliert werden.

teleschau: Ist es am Ende also noch ein erstrebenswertes Ziel, eine Künstlerin sein zu wollen?

Hilson: Ja, das wollte ich ja erreichen, weil ich Musik über alles liebe. Ich singe furchtbar gerne, ich liebe es auf der Bühne zu stehen, ich mag es, Songs zu schreiben und ich liebe die Musik als Kunstform an sich. Aber diese ganzen manipulativen Spiele ... (überlegt) ... es ist wahrscheinlich einfacher für mich als für andere Künstler, die das Geschäft nur von der Künstlerseite her kennen. Man kann mich eben nicht mehr so leicht verarschen, weil ich die Tricks kenne. Aber Karrieren sind nicht unbedingt für die Ewigkeit gemacht. Ich bin da realistisch. Es kann ein Zeitpunkt kommen, an dem ich wieder bloß als Songwriterin arbeite. Aber das wäre auch in Ordnung.

teleschau: Glaubst Du, dass man heutzutage all diese Nebenverpflichtungen wie Kollaborationen, Fernsehauftritte und so weiter machen muss, um die gewünschte Aufmerksamkeit zu erlangen?

Hilson: Bis zu einem gewissen Grad auf jeden Fall. Du musst dich bewerben, du musst die Sachen machen, damit die Leute die Möglichkeit kriegen, deine Musik zu hören. Andererseits, wenn jemand wie Adele sagt, sie wolle keine Festivals mehr spielen, so wie ich kürzlich gehört habe, dann verstehe ich das auch.

teleschau: Wie meinst Du das?

Hilson: Naja, ich weiß nicht genau, warum sie das tut. Aber ich glaube zu verstehen, was sie will. Ich weiß, wo sie herkommt. Deswegen respektiere ich es, wenn sie ihrem Publikum ein eigenes und intimes Programm präsentieren möchte und deswegen Festivals absagt, weil man ihr dort bloß die riesengroße Bühne bietet. Du willst ja die Fans in deine Welt reinziehen und dabei keinerlei Kompromisse machen müssen, nur damit du von möglichst vielen Leuten gesehen wirst.

teleschau: Gibt es etwas, was Du definitiv nicht für Deine Karriere tun würdest?

Hilson: Vielleicht sollte ich weniger auf Rote-Teppich-Veranstaltungen gehen. Manchmal ist das Image so wichtig für die Leute um dich rum, dass sie die Musik ganz vergessen. Und ich möchte nicht nur "Image" sein, die Leute sollen verstehen, dass die Musik immer vorgeht.

teleschau: Du hast bereits einige Musikpreise gewonnen. Hast Du einen speziellen Platz für Deine Preise, einen Kaminsims oder etwas ähnliches?

Hilson: Ich habe ein Zimmer in meinem Haus zum Ankleidezimmer umbauen lassen, da ist Platz für alle Preise und Auszeichnungen (lacht)!

teleschau: Glaubst Du, dass die R'n'B-Welt mehr eloquente und intelligente Frauen braucht, weil es nach wie vor ein sexistisches und von Männern dominiertes Genre ist?

Hilson: Ich glaube, es ist nie verkehrt, eloquent zu sein und sich ausdrücken zu können! (lacht) Egal, ob Frau oder Mann! Aber ja, nicht nur die Musikindustrie, sondern fast alle Industriezweige werden nach wie vor von Männern dominiert, also muss man sich als Frau den Respekt erkämpfen und mit den Rahmenbedingungen vertraut sein, damit keiner dich ausnutzt.

teleschau: Ähnlich emanzipierte und selbstbewusste Botschaften hast Du auch in denen Songs. Glaubst Du, dass die beim Pop-Hörer ankommen?

Hilson: Durchaus. Ich glaube, dass ich schon ganz am Anfang, bei "The Way I Are" von Timbaland ein wenig Soul und eine Botschaft in den Song reingebracht habe. Klar: Das ist ein Pop-Party-Song, der aber trotzdem eine Botschaft hat.

teleschau: Aber bringt das die Leute auf der Tanzfläche zum Nachdenken?

Hilson: Nein, du denkst ja währenddessen nicht über den Song nach. Aber ein Song wie "The Way I Are" hat trotzdem eine Botschaft, die man finden kann. Es geht darum, dass man auch geliebt werden kann, wenn man sich von allen materiellen Werten, dem Geld, dem Auto, der Kleidung, der teuren Uhr entledigt, mit denen man vielleicht sonst rumprahlt.

teleschau: Kriegst Du denn Feedback aufgrund Deiner Texte?

Hilson: Oh ja! Ich liebe es, wenn Fans zu mir kommen und mir davon erzählen, wie meine Songs sie beispielsweise durch eine Scheidung begleiteten. Oder sie bestärkten, mit dem Freund Schluss zu machen, weil sie mehr verdienen, als er ihnen geben kann. Das ist tatsächlich einer der Hauptgründe dafür, weiterhin Musik zu machen. Denn diese Treffen mit den Fans geben mir Energie, die ich mit ins Studio nehmen kann.

teleschau: Deine Single "I Like" war ein Nummer-Eins-Hit in Deutschland, auch weil er Teil des Soundtracks zum Film "Zweiohrküken" war. Hast Du den Film eigentlich je gesehen?

Hilson: Nein, bloß ein paar Ausschnitte.

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