Norwegens Vortänzer Madcon veröffentlichten ihr viertes Album "Contraband"

Zwei Afro-Amerikaner als musikalische Botschafter ihrer skandinavischen Heimat: Madcon eroberten in den letzten Jahren Europa - und bald vielleicht die Welt.
03.12.2010, 00:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Alexandra Petrusch

Zwei Afro-Amerikaner als musikalische Botschafter ihrer skandinavischen Heimat: Madcon eroberten in den letzten Jahren Europa - und bald vielleicht die Welt.

Europa tanzte: Als Tshawe Baqwa und Yosef Wolde-Mariam alias Madcon beim diesjährigen Eurovision Song Contest in Oslo auftraten, wurde ihr Song "Glow" von einem internationalen Flashmob-Dance begleitet. Während im Hintergrund die Stimmen ausgezählt wurden, waren während ihrer knapp fünfminütigen Performance jegliche Sprach- und Landesgrenzen vergessen - etwas, das für das Duo mit afrikanischen Wurzeln ohnehin nicht existieren dürfte. Beide können in ihrer Heimat Norwegen durchaus als Paradebeispiele gelungener Integration gelten. Und auch ihre Musik war seit jeher offen für verschiedenste globale Einflüsse. Gerade erschien ihr viertes Album "Contraband".

"Das Land ist einfach nicht groß genug dafür, dass die verschiedenen Leute ihre eigene Community haben. Deswegen hast du alle zusammen: Schwarze, Latinos, Türken, Muslime, Christen", beschrieb Yosef Baqwa die Situation der Einwanderer Norwegens. Er ist dort vor 32 Jahren geboren, seine Eltern stammen aus Äthiopien und Eritrea. Tshawe Baqwas Familie kam aus Südafrika nach Skandinavien. Er, der Größere, Schmächtigere von beiden, wurde 1980 in Deutschland geboren. In der Multi-Kulti-Gemeinde ihrer Heimat lernten sich beide kennen und beschlossen 1992, gemeinsam Musik zu machen.

Dass Madcon für "mad conspiracy", also verrückte Verschwörung steht, bestritten die Rapper zuletzt immer wieder. Dennoch würde der Name passen, denn eine gesunde Portion Witz und Wahnsinn steckt definitiv in der Band. In Interviews ziehen sich die Kumpel gegenseitig auf, bei Fotoshootings albern sie herum und selbst wenn sie in eleganter Abendgarderobe die norwegische Game-Show "Kan du teksten?" (Kennst du den Text?) moderieren, sind sie hemmungslos ausgelassene Spaßvögel. Ihre ansteckende gute Laune und ihre Live-Energie ist das Erfolgsgeheimnis des Rap-Duos. Musikalisch überträgt sie sich über eine sonnige, tanzbare Mischung von Motown-Soul und -Funk mit modernen Reggae-Rhytmen und HipHop-Beats.

Entdeckt vom Produzententeam Stargate, das sich zuletzt beispielsweise für Rihannas Hit "Only Girl (In the World)" verantwortlich zeichnete, veröffentlichten Tshawe und Yosef 2004 ihr Debüt "It's All A MadCon" und traten bald als Support von 50 Cent, Alicia Keys oder Destiny's Child auf. Nach einem Auftritt im Vorprogramm des Wu-Tang Clan lobte die Presse gar, sie seien besser gewesen als der Hauptact. Die Sympathieträger tauchten bald auch im Fernsehen auf, moderierten als VJs eine Musiksendung und Tshawe gewann 2007 die norwegische Ausgabe von "Let's Dance". Doch erst das zweite Album "So Dark the Con of Man" sollte ihnen den großen Durchbruch bescheren.

Zunächst in ihrer Heimat, wo die Platte drei Stunden nach der Veröffentlichung bereits Goldstatus erreichte - nach drei Tagen gab es Platin. Und schließlich feierte man das Duo auch außerhalb Norwegens: "Beggin'", ihre Coverversion des funkigen Four-Seasons-Ohrwurms aus den 60er-Jahren, avancierte 2008 zum Sommerhit. Damals tanzte ganz Europa zum ersten Mal zu Madcon.

Es sei für die norwegische Öffentlichkeit auch etwas Neues, ausländische Prominente wie sie zu haben, sagte Tshawe mal in einem Interview. "Aber sie gewöhnen sich dran. Wir sind dafür auch Botschafter, weil es eben nicht so viele Ausländer in Norwegen gibt, viel weniger als in Deutschland oder Schweden." Beim Eurovision Song Contest präsentierten sie sich dem Ausland insofern nicht nur als wohl erfolgreichster Rap-Act Skandinaviens, sondern womöglich auch als Paradebeispiel gelungener Integration. Nebenbei wies ihr Auftritt auch in die musikalische Zukunft des Duos: Ihre Flashmob-Hymne "Glow" klang ungewohnt poppig, keine Spur vom Retro-Soul der vorangegangenen Alben. Der globale Crossover-Sound, der bislang ihr Markenzeichen war, findet sich auf dem Neuling "Contraband" nur noch in kleinen Dosen. Modern produziert, setzen Madcon nun auf populären Dance-Pop und R'n'B - und spekulieren womöglich darauf, dass bald die ganze Welt zu ihrer Musik feiert. Man denkt eben global.

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