Wider die Drolligkeit Max Raabe veröffentlicht mit "Übers Meer" sein erstes Soloalbum

Max Raabe sprach im Interview zu seinem ersten Soloalbum über Monarchie und Alltag.
15.01.2010, 00:00
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Von Claudia Nitsche

Max Raabe sprach im Interview zu seinem ersten Soloalbum über Monarchie und Alltag.

Auch wenn man es vielleicht vermuten könnte: Aber Max Raabes erstes Soloalbum bedeutet keine stilistische Kehrtwende. "Übers Meer" ist nur leiser und klingt ein wenig intimer als seine Arbeiten mit dem Palastorchester. "Den Sarkasmus habe ich diesmal weggelassen", erklärt der perfekt gekleidete Künstler im Interview. Ein Gespräch mit ihm ist indes tatsächlich wie eine Fahrt übers Meer: Man streift viele Themen, Schildkröten, preisgünstige Mangos, Frauen und - natürlich - das Berlin der 20er-Jahre. Aus dieser Zeit stammen auch auf "Übers Meer" die Kompositionen, die überwiegend jüdischen Dichter seiner Lieder mussten zum Ende der Weimarer Republik aus ihrer Heimat fliehen, übers Meer in die USA.

teleschau: Auch wenn der Titel nicht wirklich das Thema Ihres Albums ist: Was bedeutet Ihnen das Meer?

Max Raabe: Es ist herrlich, stundenlang übers Wasser zu gucken - und was man sieht, ist nur die Oberfläche. Wie verrückt wäre es, wenn man durchsehen könnte und diese Welten im Ganzen erfassen.

teleschau: Sie gehen nicht hinein?

Raabe: Oh, doch. Ich erinnere mich an ein Erlebnis auf Barbados: Dort schwamm ich raus, als plötzlich eine große Schildkröte direkt vor mir auftauchte, mich ansah und wieder abtauchte. Da bemerkte ich, dass ich Hausfriedensbruch begehe, und schwamm zurück. Im Meer habe ich immer das Gefühl, wie eine Marionette an einem Faden über dem Abgrund zu schweben, ich bin mir seiner Tiefe bewusst.

teleschau: Auch schon als Kind?

Raabe: Als kleiner Junge durfte ich öfter auf Sylt in die Jugendherberge, wo ich nachts sogar aus dem Fenster kletterte, um zum Meer zu gehen. Dann habe ich mich quietschend vor Angst und Glück in der Brandung herumwirbeln lassen. Eigentlich hochgefährlich ...

teleschau: Die Fotos zu Ihrem Soloalbum wirken ungewohnt leger.

Max Raabe: ... im Pullover, ja. (lacht) Aber es gibt auch eines im Frack. Keine Sorge, der bleibt für mich die größte Selbstverständlichkeit, und ich bin sehr froh, dass ich nicht überlegen muss, was ich zur nächsten Tournee anziehen werde.

teleschau: Hat er sich für Sie immer so gut angefühlt?

Raabe: Ich habe einen langen Hals, deshalb quetscht mich der Anzug nicht so wie andere. Es ist für mich kein Unterschied, ob ich bis zum Hals im Wasser stehe oder einen Smoking trage. Der findet im unteren Teil des Körpers statt, ist nicht unbequem. Für mich stellt er sogar eine Hilfe dar, ich ziehe ihn an und bin in der Figur.

teleschau: In einer Figur und einer Show, die das Leiden auf eine erträgliche Ebene hievt, weil Sie dem Herzschmerz und dem Liebeskarussell einen spielerischen Anstrich geben.

Raabe: Dafür sind diese Stücke gemacht, wie der Kuchen für die Lust auf Süßes. Man geht ins Theater, ins Kino oder in die Revue und erlebt etwas, das nichts mit der Realität zu tun hat, um sich darauf einzulassen. Diese Wattigkeit tut gut. Das ist eine ähnliche Vereinbarung, als ob man in die Sauna geht und weiß, es ist warm. In der Eisdiele gönnt man sich das Vergnügen des Eisbechers, des Schirms, der Kirsche, des bunten Zeugs - das ist Quatsch und doch möchte man es haben. Liebe, Betrügen, Verlassen werden sind bittere Themen, mit denen die Lieder alter Komponisten charmant und freundlich umgehen. Oft gibt es auch feine Ironie und Sarkasmus. Der allerdings ist diesmal außen vor.

teleschau: Fällt es Ihnen schwer, von ihm abzulassen?

Raabe: Es war keine wirkliche Entscheidung, ihn draußen zu lassen, mir ist es erst im Nachhinein aufgefallen. Ich wollte eine gefühlvolle Stimmung haben, aber es musste zwischendrin auch einmal lustig sein. Denn es ist gut, Distanz zu schaffen zu dem, was einen belastet.

teleschau: Durch das Album zieht sich vor allem das Thema der Desillusionierung und des Verlassenwerdens.

Raabe: Die Themen, mit denen sich schon der Höhlenmensch beschäftigte. Aber ich sehe es nicht so, dass sich das komplett durch das Album zieht. Es gibt auch Hoffnungsfrohes, ernst zu nehmende, aber keine sozialkritischen Texte, die mit Abschieden auf eine sehr schöne Art umgehen und für mich die eleganteste Popmusik darstellen, die es je gab. Ich brenne für die Musik Ende der 20er- und Anfang der 30er-Jahre und finde, man sollte sie mit der gleichen Selbstverständlichkeit in die Gegenwart transportieren wie eine Komposition von Bach oder Brahms. Ich wundere mich, dass das nicht mehr Leute tun. Man sollte allerdings nicht versuchen, drollige Nummern daraus zu machen. Sie haben wunderbaren schwarzen Humor, den ich liebe.

teleschau: Geht der nicht oft auf Kosten der Frauen?

Raabe: Das wäre ganz falsch, die Lieder unter diesem Gesichtspunkt zu sehen (lacht). Stellen Sie sich das Lied von einer Frau gesungen vor. Es geht einfach um die andere Person, von der man gerne wissen möchte: Willste oder willste nicht?

teleschau: "Sag nicht du zu mir" handelt von einem dreisten Seitensprung.

Raabe: Das ist moralisch höchst verwerflich, auch nicht im Sinne der christlichen Ethik. Wiederum kommt die Frau blöd weg, weil ein Mann das Lied singt. Aber es ist keine Frage der Geschlechter und ist genauso gut andersherum möglich. Dieser Vorschlag, die Form zu waren, ist von einer solchen Chuzpe! Natürlich ist das Lied dreist, aber wir sind davon umgeben. Man betrügt sich einfach, selbst wenn es nur im Kopf ist. Man denkt an einen anderen Menschen, obwohl man zu zweit ist ... Und da sind wir wie Höhlenbewohner, bei denen es normal war im näheren Bekanntenkreis umherzuschweifen, um hoffentlich im gegenseitigen Einvernehmen die Sippe zu erhalten. Erst seit das bürgerliche Moralempfinden herrscht, wird das nicht mehr als normal angesehen. Doch es ist Teil der Evolution.

teleschau: Mögen Sie unsere Zeit nicht so gerne?

Raabe: Oh doch. Welch Luxus, in diesem Land leben zu dürfen, Mangos für einen Euro kaufen zu können, frische Ware! Man kann über die Regierung sagen, was man möchte, aber wir leben in einer Demokratie. In der Monarchie konnten sich wenige verwirklichen und Karriere machen. Wir ernten. Dennoch: Ein zweiwöchiger Ausflug ins Berlin der 20-er würde mir gut gefallen. Allerdings mit Rückreisegarantie.

teleschau: Und einer Glasscheibe vor sich, die sie abschirmt?

Raabe: Nein, wenn Max Reinhardt im Saal auftritt, das möchte ich auch riechen. Es gab ja kein Deodorant, die haben einfach gespielt. Wobei ich die Renaissance ebenso gerne erleben würde. Wenngleich da nur die Privilegierten Gutes genießen durften, während es in den Zwanzigern bereits die Möglichkeit gab, für wenig Geld auf billigen Plätzen die Schauspieler zu erleben.

teleschau: Ihr langjähriger Partner am Klavier ist Christoph Israel. Ist das schon ein eheähnliches Verhältnis?

Raabe: Mit dem Unterschied, dass wir nur über Musik sprechen (lacht). Wir wuchsen in der gleichen Stadt in Westfalen auf und sind seit vielen Jahren befreundet. Deshalb müssen wir bei der Arbeit nicht mehr lange diskutieren. Da muss keiner am anderen zerren ... Das ist so, als wenn man spazieren geht: Mit manchen Menschen muss man sich beeilen, andere laufen gar zu langsam. Bei Christoph macht es einfach Spaß, miteinander zu gehen.

Max Raabe auf Deutschland-Tournee

11.4.2010, München, Prinzregentheater

20.4.2010, Düsseldorf, Schauspielhaus

21.4.2010, Neubrandenburg, Konzertkirche

22.4.2010, Stendal, Theater

23.4.2010, Hamburg, Laeiszhalle

24.4.2010, Heide, Tivoli

26.4.2010, Erfurt, Kaisersaal

27.4.2010, Leipzig, Gewandhaus

28.4.2010, Dessau, Anhaltisches Theater

30.4.2010, Elmau, Schloss Elmau

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