Frust, Wut und Scham PJ Harvey will mit ihrem Album "Let England Shake" nicht nur ihre Heimat wachrütteln

Deutlich in der Wortwahl, offen für Interpretationen: Songwriterin PJ Harvey will mit ihren explizit politischen Songs nicht belehren, aber für Diskussionsstoff sorgen.
04.02.2011, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Nadine Lischick

Deutlich in der Wortwahl, offen für Interpretationen: Songwriterin PJ Harvey will mit ihren explizit politischen Songs nicht belehren, aber für Diskussionsstoff sorgen.

Mit ihrem neuen Album "Let England Shake" (VÖ: 11.02.) begibt PJ Harvey sich einmal mehr auf neues Terrain. Statt wie sonst das innere Seelenleben zu thematisieren, beschäftigt sich die britische Songwriterin textlich mit universellen Themen: Sie singt von den einst glorreichen Tagen ihres Heimatlands, aber noch viel mehr von gewalttätigen Konflikten in aller Welt und dem daraus resultierenden Leid. Im Interview spricht die 41-Jährige über die Schwierigkeiten, politische Songs zu schreiben, ihre ambivalenten Gefühle zu England und das Grauen des Krieges.

teleschau: Ihr neues Album heißt "Let England Shake". Das klingt wie der Aufruf zu einer Revolution. Ist es das, was Sie wollen?

PJ Harvey: Ich weiß nicht, was denken Sie?

teleschau: Dass Sie die Leute wachrütteln und zum Denken anregen wollen, wenn Sie wie in "The Words That Maketh Murder" von durch die Gegend fliegenden Leichenteilen singen ...

PJ Harvey: Ja, ich will in den Leuten Gefühle hervorrufen. Ich versuche mit meinen Songs Ideen zu präsentieren, die die Menschen hoffentlich dazu bringen, sich selbst Gedanken zu machen und ihren eigenen Standpunkt zu finden. Gleichzeitig versuche ich, meine Texte in Interviews nicht zu sehr zu analysieren und auseinanderzunehmen. Ich möchte die Songs offen lassen, damit die Hörer sie selbst interpretieren können.

teleschau: Es heißt, Sie mögen es nicht, wenn Lieder belehrend klingen.

PJ Harvey: Das stimmt. Es gibt Songs, die gut funktionieren, obwohl sie sich mit schwierigen und politischen Themen beschäftigen - andere hingegen funktionieren nicht. Es ist ein sehr schmaler Grat, da die richtige Balance zu finden, ohne die Leute zu belehren. Wenn man mit so konkreten, gewichtigen Worten arbeitet - vor allem vor dem Hintergrund der politischen Geschehnisse in unserer Welt - ist das gar nicht einfach. Ich habe viel Zeit mit den Texten verbracht, ohne überhaupt an die Musik oder Melodien zu denken.

teleschau: Wie politisch darf Popmusik denn sein?

PJ Harvey: Kunst in all ihren Formen und Facetten kann auf sehr scharfsinnige und doppeldeutige Art genutzt werden - und somit sehr provokant sein. Dafür interessiere ich mich, was meine Arbeit betrifft. Ich habe versucht sehr mehrdeutig zu texten, man kann alle möglichen Bilder oder Schlüsse aus meinen Songs ziehen. Es hängt nur davon ab, wer sie hört und an welchem Ort und welchem Punkt in ihrem Leben diese Person sich befindet.

teleschau: In Songs wie "The Glorious Land" beschreiben Sie Englands glorreiche Tage, aber Sie singen auch Zeilen wie eben "England's dancing days are gone". Wie düster sehen Sie die Zukunft Englands?

PJ Harvey: Naja, wir leben definitiv in einer Zeit, in der die Macht sich verschiebt. Länder, die einst Imperien waren, sind nichts mehr. Es ist aufregend, das mitzuerleben. Ich bin gespannt, wo uns das hinführt. In meinen Augen kann Veränderung nur etwas Gutes bedeuten. Aber mir ist es als Künstlerin immer wichtig, verschiedenen Ideen nachzugehen und unterschiedliche Blickwinkel anzunehmen. Logischerweise habe ich nicht all die Dinge, um die es in den Songs meiner Karriere geht, selbst erlebt oder gefühlt. Viel davon entsteht, indem ich mich in andere Personen hineinversetze. So singe ich auf diesem Album nicht nur über Kriege in England, sondern aus der Perspektive verschiedener Personen aus unterschiedlichen Ären in verschiedenen Ländern.

teleschau: Aber wie gelingt es Ihnen, die Gefühle eines Soldaten zu beschreiben? Haben Sie mit Leuten gesprochen, die im Krieg waren?

PJ Harvey: Ja, das habe ich. Und ich habe viel recherchiert - zwei oder drei Jahre. Ich hatte das Gefühl, dass ich das tun müsste, bevor ich solche Themen anspreche. Ich habe viel gelesen: Gedichte, politische Reden und Schriften, traditionelle Songs aus allen möglichen Ländern von Kambodscha über Russland bis Aserbaidschan. Und ich habe mir viele Dokumentarfilme, aber auch Gemälde angesehen.

teleschau: Was hat Sie dazu gebracht, Kriege zum Thema Ihres Albums zu machen?

PJ Harvey: Ich erinnere mich, dass ich irgendwann in der Tageszeitung etwas über Afghanistan gelesen habe. Mir wurde förmlich schlecht, weil ich gleichzeitig so frustriert, wütend und voller Scham war. In dem Moment hatte ich plötzlich das Gefühl, dass es für mich sehr wichtig ist, jetzt in dieser Phase meines Lebens einige dieser Gefühle zu artikulieren.

teleschau: Der britische Fotograf Seamus Murphy, der für jeden Ihrer zwölf Songs auf diesem Album ein Video drehte, war bereits selbst an Kriegsschauplätzen wie Afghanistan und im Irak. Wie kam es zu der Zusammenarbeit?

PJ Harvey: Ich bin 2008 durch meine Recherche auf eine Ausstellung von ihm in London gegangen. Seine Arbeit hat mich sehr bewegt, sodass ich Kontakt zu ihm aufgenommen habe. Auch er hat mir viel aus seiner Zeit in den Kriegsgebieten erzählt. Abgesehen von den Videos arbeiten wir auch an einer Dokumentation.

teleschau: Den Titelsong "Let England Shake" haben Sie letztes Jahr in einer britischen TV-Sendung performt. Am selben Tag war auch der damalige britische Premierminister Gordon Brown zu Gast. Wie hat sich das angefühlt?

PJ Harvey: Ich war so glücklich, in dieser Position zu sein! Eine Woche vor den Wahlen so einen Song vor dem Premierminister zu singen, war eine unglaubliche Möglichkeit, von der ich nie zu träumen gewagt hätte. Das war bisher eins der Highlights meines Lebens.

teleschau: Konnten Sie den Gesichtsausdruck von Gordon Brown sehen, als die Zeile "England's dancing days are gone" sangen?

PJ Harvey: Leider nicht! Ich sah ihn nur von hinten (lacht). Und ich hatte aus Sicherheitsgründen auch nicht die Möglichkeit mit ihm zu sprechen. Aber immerhin hörte er den Song und sah mich dabei, wie ich ihn performte!

teleschau: Wenn das eins der Highlights Ihres Lebens war, muss Ihnen Politik sehr wichtig sein.

PJ Harvey: Ja, Politik war mir schon immer wichtig - und deswegen war dieser Tag auch so besonders für mich. Politik ist wichtiger als alles andere. Aber ich habe erst kürzlich begonnen, über solche Dinge in meinen Liedern zu schreiben, weil ich mich als Songschreiberin bisher nicht gut genug fühlte. Ich hatte nicht das nötige Selbstvertrauen. Jetzt wo ich etwas älter bin und mehr Erfahrung habe, hatte ich das Gefühl, dass ich solche Themen in meiner Musik ansprechen kann.

teleschau: Sie haben mal gesagt "was wir sind, wenn wir älter werden, ist ein Resultat dessen, was wir kannten, als wir jung waren". Waren Ihre Eltern politisch, haben Sie zuhause viel darüber gesprochen?

PJ Harvey: Meine Eltern sind politisch, und wir haben solche Dinge zu Hause diskutiert. Allerdings haben wir sehr unterschiedliche Ansichten. Als Kind kannte ich natürlich nur Ihre Sichtweise. Wenn man älter wird, entwickelt man seine eigenen Ideale.

teleschau: Sind Sie stolz, Engländerin zu sein?

PJ Harvey: Ich glaube das möchte ich in Interviews nicht diskutieren, denn das ist eine sehr persönliche Frage. Aber was ich sagen kann, ist, dass ich mit meinen Gefühlen gegenüber England oft kämpfe. Fast jeder liebt und hasst das Land, aus dem er kommt, vermutlich gleichermaßen. Das ist eine universelle Sache.

teleschau: Für die meisten Ausländer ist England vermutlich immer noch ein Land voller Traditionen - von den roten Doppeldeckern über Pubs bis zur Queen. Wie empfinden Sie das?

PJ Harvey: Klar, England ist ein sehr altes Land mit einer reichen Geschichte. Was ich an England besonders mag, ist sein Alter. Ich vermisse das, wenn ich in jüngeren Ländern bin. Die Gebäude, die Relikte - jede Ecke trieft vor Alter und Geschichte. Mir wird dann immer wieder bewusst, wie kurz unser Leben doch ist und wie klein wir in diesem großen Rad sind.

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