"Mittlerweile weiß ich, was ich nicht will" Yann Tiersen veröffentlicht "Skyline"

Er steht für beeindruckende Klangwelten. Yann Tiersens Songs haben für viele sogartige Wirkung. Ein Beweis: Sein Soundtrack zu "Die wunderbare Welt der Amélie", mit dem er vor zehn Jahren über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt wurde.
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Von Claudia Nitsche

Er steht für beeindruckende Klangwelten. Yann Tiersens Songs haben für viele sogartige Wirkung. Ein Beweis: Sein Soundtrack zu "Die wunderbare Welt der Amélie", mit dem er vor zehn Jahren über die Grenzen Frankreichs hinaus bekannt wurde.

Seine Haare sind hellbraun, der Bart grauschwarz, eine ungewöhnliche Mischung. Der französische Musiker Yann Tiersen trägt ein kariertes Hemd, meist hat er eine Zigarette in der Hand, spricht langsam und gedankenverloren, während er raucht. Sieht aus wie, klingt nach einem typischen Künstler? Aber nein, Künstler sei er keiner, sagt Tiersen, der als Komponist des "Amélie"-Soundtrack weltberühmt wurde und dessen Musik auch Wolfgang Beckers "Good Bye, Lenin!" untermalte. Der 41-jährige Komponist lebt auf Ouessant, einer winzigen Insel in der Bretagne. Sein siebtes Album "Skyline" hat er dort aufgenommen, aber auch in San Francisco und Paris. Und einen der genannten Orte mag der Franzose nicht wirklich, wie sich im Gespräch herausstellt.

teleschau: Das Album wurde an drei sehr unterschiedlichen Orten aufgenommen. Hat San Francisco eine bestimmte Stimmung zu verantworten?

Yann Tiersen: Überhaupt nicht. Mit San Francisco war das so: Wir tourten durch die USA und hatten einen Tag frei. Also bot es sich an, den Song, bei dem wir alle gemeinsam singen, im hiesigen Studio aufzunehmen.

teleschau: Hat sich Paris auf irgendeine Weise auf diesem Album eingebracht?

Tiersen: Nein, tut mir leid. Ich hasse Paris. Ich bin von dieser Stadt einfach nur gelangweilt und frage mich seit Langem, was Leute daran anzieht. Paris ist einer der fürchterlichsten Orte der Welt. Ich bin da hingezogen, weil ich irgendwie dachte, man müsste einmal im Leben umziehen. Heute halte ich mich dort vorzugsweise in meinem fensterlosen Studio auf.

teleschau: Warum mögen Sie Paris nicht?

Tiersen: In dieser Stadt passiert nichts von Bedeutung, doch man tut so, als sei dort der Nabel der Welt. Dabei ist wahrscheinlich das Gegenteil der Fall, es ist das Drecksloch der Welt. Entschuldigung, aber ich mag Paris wirklich nicht. Wenn ich dort bin, und das bin ich wegen meiner Kinder, die dort leben, funktioniert noch nicht einmal das soziale Leben. Da ist mir Berlin lieber ...

teleschau: Funktioniert in Berlin das soziale Leben besser?

Tiersen: Zumindest kann ich mich hier wohlfühlen. In Mitte zum Beispiel ist eine Bar, in der es Absinth gibt. Wenn ich dort sitze, fühlt sich das französischer an als jeder Ort in Paris. Es ist dort alles so altmodisch, als würde man im Gestern sitzen. Ich schätze das sehr und denke, so ungefähr war vor 100 Jahren vielleicht mal das Leben in Paris.

teleschau: Sie leben auf Ouessant, einer französischen Insel mit rund 900 Einwohnern.

Tiersen: Es sind nur noch 800.

teleschau: Und Sie kennen alle?

Tiersen: Ja. Das ist gut, wenn man wie ich so viel Zeit im Jahr unterwegs bist. Es ist so isoliert, wie es klingt, aber ich finde es schön, weit weg von allem zu sein. Ich komme von dort, und ich gehöre da hin, verbringe sehr viel Zeit mit Freunden, viel mehr als in Paris, wo man sich umständlich zusammentelefoniert und dann klappt es doch nicht.

teleschau: Sie arbeiten vorzugsweise allein. Ist das immer eine Freude?

Tiersen: In erster Linie geht es dabei um Freiraum, den ich brauche, um neue Musik zu erschaffen. Das ist weniger mit Gefühlen behaftet, sondern eine Notwendigkeit. Und für die Instrumente brauche ich niemanden, außer vielleicht für das Schlagzeug.

teleschau: Wie entstehen Titel für instrumentale Songs? Nehmen wir "Exit 25 Block 20" als Beispiel.

Tiersen: Der Song bestand aus einer behutsamen, sehr freundlichen Melodie. Mir war das zu nett. Da habe ich ein bisschen herumgeschrien, dann gefiel es mir besser. Der Titel bezieht sich auf das Eingesperrtsein im Falle einer psychischen Erkrankung. Dann lebst du in einem dieser Häuser und suchst den Ausgang von deinem Block.

teleschau: Nehmen Sie auf, wonach Ihnen gerade ist oder machen Sie das vorwiegend gezielt wie im Falle der Affenlaute, die auf "Skyline" zu hören sind?

Tiersen: Musik ist etwas Abstraktes, man packt Sounds zusammen. Ich glaube nicht daran, dass es Sinn macht, linear zu arbeiten oder eine bestimmte Stimmung zu benötigen, um überhaupt arbeiten zu können. Es nützt nichts, sich vorher Gedanken zu machen, wo man hin will, Themen aufzustellen. Die Musik hängt von der Laune ab. Hilfsmittel sind Quatsch, man kann kein Bild anschauen und danach komponieren, weil man ein Bild nicht nachkomponieren kann.

teleschau: Auch nicht, wenn man die Musik für einen Soundtrack aufnimmt?

Tiersen: Nein, auch dann macht es keinen Sinn, weil man Bilder nicht eins zu eins in Songs umsetzen kann. Musik ist keine Sprache, Musik ist nur Sound. Warum versuchen Menschen, sie zu übersetzen?

teleschau: Sie wollen Ihr Werk lieber unangetastet lassen, es dem Hörer ohne Information an die Hand geben.

Tiersen: Ja, das tue ich sehr gerne. Mir erzählen Leute, dass dieses Album sehr viel dunkler ist als der Vorgänger und dann kommt der Nächste und erklärt, wie aufheiternd er es empfindet. Das kommt eben auf den Menschen an. Für mich als Musiker ist es nicht die Aufgabe, ein trauriges oder fröhliches Album aufzunehmen.

teleschau: Sie sagen "Für mich als Musiker ..." Akzeptieren Sie auch die Bezeichnung Künstler?

Tiersen: Nein, ich bin nur jemand, der Musik macht. Obwohl ... Nein (lacht). Ich versuche nur mich auszudrücken, dabei etwas Lebendiges zu schaffen und ein bisschen Spaß im Leben zu haben.

teleschau: Erkennen Sie, wann ein Song fertig ist?

Tiersen: Oh ja, es kann sehr lang dauern oder ganz schnell gehen. Aber ich weiß, wann er fertig ist und dann fass ich ihn auch nicht mehr an. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen noch so lange daran herumschreiben, bis er perfekt ist. Perfektion sollte nie das Ziel sein.

teleschau: Sind Sie insgesamt toleranter geworden mit den Jahren?

Tiersen: Ich weiß nicht, was ich will, aber ich weiß mittlerweile, was ich nicht will. Früher war ich extremer, habe mich aber nicht so frei gefühlt. Ich bin heute weniger verrückt. (lange Pause) Wachbleiben ist wichtiger als wissen, was man will. Es ist schließlich schon anstrengend genug, das zu vermeiden, was man sich vom Hals halten möchte.

Yann Tiersen auf Deutschland-Tournee:

07.11., Berlin, Astra

08.11., Dresden, Beatpol

09.11., Dortmund, FZW

25.11., Leipzig, Werk 2

27.11., Stuttgart, LKA-Longhorn

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