Die Schulgeschichte im Sankt Jürgensland endet mit Schließung der Frankenburger Schule / Ein Rückblick

Nach 250 Jahren ist jetzt Schluss

Am Mittwoch ging im St.-Jürgensland eine mehr als 250-jährige Schulgeschichte zu Ende: Die Grundschule Frankenburg schloss ihre Türen. Sie war aber weder die einzige noch die älteste Schule im Ort.
26.06.2016, 00:00
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Von Johannes Kessels
Nach 250 Jahren ist jetzt Schluss

Die alte Frankenburger Schule, die von 1878 bis 2002 stand.

Johannes Kessels

Lilienthal. Die erste Schule im Sankt Jürgensland befand sich neben der Kirche in dem Haus, in dem der Küster wohnte. Das Gebäude wird deshalb auch heute noch „Küsterschulhaus“ genannt. Ein Klassenraum genügte, vorn links neben dem Eingang, denn mehr als zwölf Kinder besuchten die Schule meist nicht. Der Klassenraum besaß eine Bühne von beachtlichen Ausmaßen, damit der Herr Lehrer gewichtig hin- und herschreiten konnte; die Kinder, zwei Stufen unter ihm angesiedelt, hatten weniger Platz zur Verfügung.

Ab 1742 war die Kirchengemeinde für den Unterhalt des Hauses zuständig. 1885 wurde im Norden ein Anbau angegliedert und ein Teil des alten Hauses abgerissen. Zwölf Jahre später wurde der Rest des alten Gebäudes ebenfalls abgetragen und an seiner Stelle ein Neubau errichtet, wobei der Anbau von 1885 erhalten blieb. Besucht wurde die Schule von den Kinder aus Niederende, Moorhausen und Vierhausen.

Genau wie sein Haus hatte auch der Küster mehrere Funktionen: Er war zusätzlich Lehrer, Organist, Landwirt und Gastwirt. Eine Stunde vor und eine Stunde nach dem Gottesdienst durfte er alkoholische Getränke ausschenken. Auch der neue Diakon und spätere Pastor Hermann Schulz, der 1931 nach Sankt Jürgen kam, als die Schule gerade aufgelöst wurde, erhielt noch eine Schankerlaubnis, gab die Gastwirtschaft aber bald auf.

Noch der letzte Küster bis 1931, dem Jahr der Schulschließung, war gleichzeitig Lehrer, obwohl man es hier eher umgekehrt ausdrücken sollte: Der Lehrer verrichtete nebenbei Küsterdienste. Heinrich Müller hieß er, und zu der Zeit genügte auch auf dem Land nicht mehr der kurze Besuch eines Lehrerseminars, um unterrichten zu dürfen.

Heinrich Müller war ausgebildeter Volksschullehrer, wie Gretchen Wellbrock, die kurz vor der Schließung noch ein halbes Jahr lang eine der sechs Schulbänke gedrückt hatte, vor 18 Jahren in einem Interview mit dieser Zeitung erzählte. Sie war damals in der fünften Klasse. Vor der Bühne standen zwei Reihen mit je drei Schultischen, an der Wand hing eine Tafel, rechts stand ein Schrank und davor der Ofen – das war alles. Die damalige Pastorin Sabine Behrens erzählte 1998, dass früher die Kinder im Winter ein Stück Torf mitbringen mussten. Das hat Gretchen Wellbrock nicht mehr erlebt, aber die Kinder mussten den Torf für die Schule, der per Kahn angeliefert wurde, mit Handwagen ins Haus bringen. „Heini Müller war ein hervorragender Lehrer“, sagte Gretchen Wellbrock in dem Interview von 1998, „er hat uns gut im Griff gehabt.“ Aber wehe, wenn er merkte, dass ein Kind zum Fenster hinaussah! Er sei sehr streng gewesen und auch manchmal jähzornig, was wohl auf eine Kopfverletzung aus dem Ersten Weltkrieg zurückzuführen war. Aber man habe viel bei ihm gelernt, und als nach der Schließung 1931 die Kinder aus Niederende, Vierhausen und Moorhausen in die neugebaute Schule von Wührden wechseln mussten, hätten sie keine Probleme gehabt, mit ihren neuen Mitschülern mitzuhalten.

Die Schule von Wührden wurde 1876 in einem 1839 erbauten Kötner-Fachwerkhaus gegründet, das zu Schulzwecken umgebaut wurde. Vorher hatte Albert Blendermann die Kinder in einer Schulstube auf einem Hof in Mittelbauer unterrichtet, nun wurde er der erste Lehrer im neuen Schulhaus. Unterrichtet wurden hier 20 bis 25 Kinder aus Wührden, Mittelbauer und zum Teil aus Oberende, auf Antrag konnten auch Kinder aus Vierhausen aufgenommen werden, wie Edith Schwarz, die letzte Lehrerin und zugleich Schulleiterin, in dem Buch „Lilienthal und seine Einwohner“ von Wilhelm Dehlwes berichtet.

Von 1921 bis 1925 wirkte Karl Sieske aus Lilienthal in dem alten Fachwerkhaus. Sein Nachfolger Wilhelm Otterstedt sorgte dafür, dass 1930/31, als schon klar war, dass bald auch die Kinder aus dem alten Küsterschulhaus nach Wührden gehen müssten, ein neues Schulhaus gebaut wurde. Das alte Fachwerkhaus wurde auf Abbruch verkauft und die Wurt, auf der es gestanden hatte, abgetragen – da seit 1885 das Schöpfwerk in Höftdeich in Betrieb war, gehörten die winterlichen Überschwemmungen, die manchmal monatelang andauern konnten, inzwischen der Vergangenheit an.

Bis 1963 war die Wührdener Schule einklassig und nahm alle Schuljahrgänge auf, ab April 1963 nur noch die ersten vier Grundschuljahrgänge. In den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg platzte sie allerdings aus allen Nähten: Drei Lehrer erteilten Schichtunterricht für knapp 200 Kinder, die größtenteils Flüchtlingsfamilien entstammten. Die meisten Heimatvertriebenen blieben aber nicht lange im Sankt Jürgensland, und 1954 wurde die Schule wieder einklassig, aber mit über 50 Schülern. Im Oktober 1963 wurde Edith Schwarz Lehrerin und damit auch Schulleiterin, und das blieb sie bis zur Schließung am 25. Juni 1975.

Die Schule von Wührden war die letzte einklassige Schule im Landkreis Osterholz gewesen. Danach zog in das Gebäude ein Spielkreis ein, der 1998 zu einem Kindergarten aufgewertet wurde und seit 2001 „Wiesenbuttjer“ heißt. Im Obergeschoss hat zudem die Astronomische Vereinigung Lilienthal ihr Vereinsheim.

Nun war es nur noch eine: Übrig blieb die Grundschule Frankenburg, die, wie Ingeborg Grimpen, eine ehemalige Schulleiterin, schreibt, 1879 gebaut wurde, und zwar für die Dorfgemeinden Oberende, Kleinmoor und Torfmoor, wie Frankenburg bis 1921 hieß. Diese drei Gemeinden hatten sich zu einem Schulverbund zusammengeschlossen. In Torfmoor hatte es ein Schulgebäude gegeben, das aber 1879 durch Blitzschlag völlig niederbrannte. Da es auch in Kleinmoor und Oberende keine geeigneten Schulräume gab, forderte die Königliche Regierung in Stade die drei Gemeinden auf, sich zu einem Schulverbund zusammenzuschließen. Am 10. Dezember 1879 wurde das neue Schulgebäude vom Sankt Jürgener Pastor Lüdemann eingeweiht.

Die Frankenburger Schule war weitaus die größte im Sankt Jürgensland, Anfang des vorigen Jahrhunderts hatte sie immer um die 100 Schüler. Die Jahrgänge 7 bis 9 wurden 1962 wegen Lehrermangels nach Worphausen umgeschult, sieben Jahre später auch die fünfte und sechste Klasse, womit Frankenburg eine reine Grundschule wurde, die 1975 auch die Kinder aus Wührden und den umliegenden kleinen Dörfern aufnahm. 1978 wurden 74 Kinder unterrichtet, und Ingeborg Grimpen war optimistisch, dass auch in Zukunft die Sankt Jürgener Kinder hier beschult würden – die sich abzeichnende Schulentwicklung lasse mit Sicherheit diesen Schluss zu. Das glaubte man auch in der Gemeindeverwaltung noch lange, denn im Jahr 2002 wurde an die gleiche Stelle wie das alte Gebäude von 1879 ein Neubau gesetzt. Jetzt haben ihn die letzten Schüler verlassen, einziehen wird dort ein Kindergarten.

„Heini Müller war ein hervorragender Lehrer.“ Gretchen Wellbrock 1998
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