Interview NDR-Intendant: "Ich bin der Möglichmacher"

Seit 2008 ist Lutz Marmor schon Intendant des Norddeutschen Rundfunks. Im Interview spricht er über Haltung, Xavier Naidoo und Netflix.
Lesedauer: 6 Min
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Von Markus Lorenz

Herr Marmor, wie viele Stunden am Tag sehen Sie fern oder hören Sie Radio?

Marmor: Zu wenig, aber doch regelmäßig. Radio höre ich im Auto immer …

... immer NDR?

Ehrlich? Ja. Und auch gern. Wenn ich in die Länder des NDR fahre, dann höre ich die jeweiligen Landesprogramme, um mich zu informieren. Also NDR 1 Welle Nord in Schleswig-Holstein, NDR 1 Niedersachsen und NDR 1 Radio MVMecklenburg-Vorpommern.

Im Urlaub schalten Sie dann ab?

Nein, auch dann nicht. Ich habe schon immer leidenschaftlich gern Radio gehört und ferngesehen und versuche das wie ein normaler Konsument zu tun, nicht wie ein Intendant.

Das gelingt?

Fast immer. Nur in Einzelfällen denke ich schon mal: „Huch, was war denn das?“ - zum Beispiel, wenn der Genitiv fehlt. Aber ich rufe dann nicht sofort in den Redaktionen an, sondern bespreche das später behutsam. In der Regel machen die Kolleginnen und Kollegen ihre Sache nämlich gut, da habe ich Vertrauen.

Was ist Ihre Hauptbeschäftigung am Tag?

Das werde ich oft gefragt. Ich kann das nicht einfach beantworten, weil die Tätigkeit so vielfältig ist. Aber ich glaube, die Hauptbeschäftigung ist Kommunikation nach innen und außen. Das bedeutet viele Termine mit Gesprächen und Konferenzen, natürlich dann auch Entscheidungen.

Haben Sie ein Lieblingsformat im NDR?

Ach, wenn ich das verrate, dann fühlen sich etliche Kolleginnen und Kollegen zurückgesetzt. Ich bin wirklich jemand, der fast alle Genres gern sieht und hört. Ich sehe zum Beispiel immer sonntags den „Tatort“, wenn’s geht. „Tagesschau“ und „Tagesthemen“ sehe ich aus politischem Interesse, aber auch die NDR-Landesprogramme, „Extra 3“, „Inas Nacht“, Sport und vieles andere.

Sprechen die Menschen Sie auf der Straße auf das Programm an?

Ganz selten. Die Norddeutschen sind diskret und wollen einen nicht vereinnahmen. Manchmal fragt mich jemand in der U- oder S-Bahn ganz höflich: „Sind Sie Herr Marmor?“. Die meisten wollen dann was Positives loswerden.

Worüber beschweren sich Hörer und Zuseher am häufigsten?

Die meisten Zuschriften gibt es zur „Tagesschau“ und zwar inzwischen über Social Media. Sobald wir beispielsweise über Russland, die Ukraine oder Syrien berichten, kommt auch viel negatives Feedback. Das müssen wir aushalten.

Gibt’s auch Lob?

Ja, sogar mehr als Kritik. Ich gehe oft zu Veranstaltungen, bei denen unser Publikum Lob, aber auch Negatives äußert. Laut Umfragen sagen vier von fünf Norddeutschen übrigens: „Wir vertrauen dem NDR“. Das ist sehr schön.

Kein Ärger über die Zwangsgebühren?

Marmor: Den Begriff mag ich nicht, ich sage lieber Rundfunkbeitrag. Ehrlich: Mich hat auf Veranstaltungen noch keiner angesprochen und gefragt: „Warum muss ich den Rundfunkbeitrag zahlen?“.

Falls doch, wie begründen Sie 17,50 Euro Beitrag im Monat?

Für unter 60 Cent pro Tag gibt es ein wirklich breites Medienangebot, vom Ersten über das ZDF, die Dritten ARD-Programme, die NDR-Radioprogramme, Deutschlandradio, Phoenix, Kika bis ARTE. Das kann nicht anders finanziert werden als über einen Rundfunkbeitrag. Ich komme selber aus einem Arbeiterviertel in Köln und weiß, dass Geld knapp sein kann. Das ist ein Antrieb, das Programm so gut wie möglich zu machen.

Wie stellen Sie sich in Zukunft auf die Internetkonkurrenz von Netflix, Youtube, Apple TV und andere ein?

Darauf stellen wir uns schon in der Gegenwart ein. Wir sind in dieser Hinsicht gespannt-gelassen. Wir Öffentlich-Rechtlichen haben ein starkes Informationsprofil, anders als Netflix und die anderen. Deshalb ist die Fernsehnutzung bei uns noch sehr stabil. Aber das ist kein Grund, sich auszuruhen.

Netflix tritt mit großen Etats an. Können Sie gegenhalten?

Das ist ein Grund zur Sorge, weil Netflix möglicherweise die größten Talente weg kauft, Schauspieler, Regisseure und andere. Wir müssen uns fragen, wie wir weiterhin gute Leute bekommen.

Und die Antwort?

Die Serie „Babylon Berlin“ ist der Versuch einer solchen Antwort auf diesem Niveau. Die Serie läuft sehr erfolgreich. Das ist teuer, aber wir sind sehr zufrieden, das Konzept geht auf.

Die Öffentlich-Rechtlichen geben viel Geld für Sport-Berichterstattung aus, der NDR ist federführend für Olympia. Sind die Milliardenausgaben noch zu rechtfertigen?

Wir können und werden im Wettbieten mit milliardenschweren Unternehmen um Sportrechte nicht jeden Preis zahlen. Aber wir kämpfen im Interesse unserer Zuschauer darum, weiterhin möglichst viele Übertragungen zu bekommen. Ich glaube, dass es die Menschen bedauern, wenn etwa die Champions League nicht mehr im frei empfangbaren Fernsehen zu sehen ist. Aber die Ausgaben müssen im Rahmen unserer Budgets bleiben. So wie bei den Rechten für Olympia, bei denen wir zunächst ausgestiegen waren, nun aber bei den nächsten Spielen wieder über die ganze Rechtepalette verfügen.

Sie haben keine journalistische Ausbildung und sind doch Intendant des NDR. Wie geht das?

Ich bin als Intendant ein Generalmanager und auch Außenrepräsentant. Ich nenne das gern den Möglichmacher. Ich habe Betriebswirtschaft studiert, und an der Uni hat man mir immer gesagt, ich sei zu journalistisch. Ich denke außerdem, dass ich gut mit Sprache umgehen kann. Insofern passt das.

Welche drei Eigenschaften braucht ein Intendant?

Erstens muss er für das Programm brennen. Zweitens den Redaktionen Freiheit ermöglichen und lassen. Und drittens muss ein Intendant kommunikativ und entscheidungsstark sein.

Finden Sie, dass sich der Öffentlich-Rechtliche Rundfunk genügend in gesellschaftliche Debatten einmischt? Sollten Sender wie der NDR nicht mehr Haltung zeigen?

Wir haben eine Haltung auf Basis des Grundgesetzes. Wir stehen für Werte wie Gerechtigkeit, Meinungs- und Pressefreiheit sowie Rechtsstaatlichkeit. Wir fühlen uns als Demokratie-Verteidiger, ich nenne als Beispiel für viele nur Anja Reschke. Aber wir machen nicht die ganze Zeit Haltungsjournalismus. Wir müssen zunächst einmal Fakten berichten.

Sie führen eine Anstalt über vier Bundesländer mit Tausenden Mitarbeitern. Wie nah können Sie dran sein an der täglichen Arbeit?

Ich gehe viel unter die Leute und schaue mir vieles an. Ich kenne natürlich nicht jede Mitarbeiterin und jeden Mitarbeiter, aber inzwischen ziemlich viele.

Sind Sie ein Kumpeltyp?

Ich mag Menschen und rede gern mit ihnen, übrigens unterschiedslos, ob sie oben in der Hierarchie stehen oder nicht. Kumpel ist aber der falsche Begriff. Ich muss am Ende auch einmal Entscheidungen treffen, die wehtun. Ich versuche fair mit allen umzugehen und Entscheidungen zu erklären.

Ist es der Rheinländer in Ihnen, der gern unter Leute geht?

Ja. Wenn Sie als Intendant nicht gern mit Menschen zu tun haben, dann werden Sie leiden. Der Intendant ist eine Art Gesicht des Senders. Er muss sich zeigen.

Fehlt Ihnen als Kölner etwas in Hamburg?

Nein. Ich finde, Hamburg ist eine wunderschöne, offene Stadt, da kann ich richtig ins Schwärmen geraten. Ich mag die Leute und die Internationalität der Stadt.

Die Norddeutschen sind Ihnen nicht zu nüchtern?

Nein. Mir wird manchmal allerdings signalisiert, wenn ich zu viel und zu schnell rede. In der Regel sind die Norddeutschen sehr höflich und verlässlich, man kann auf sie bauen.

Ihre Freizeit ist begrenzt. Gehen Sie dann auf die Piste, oder haben Sie lieber Ihre Ruhe?

Ich bin froh über jeden Abend, an dem ich mal zu Hause sein kann. Dann sehe ich fern, um zu entspannen. Dabei lese ich übrigens auch mal Akten. Ich führe eine Pendelbeziehung mit meiner Lebensgefährtin in Köln. Am Wochenende unternehmen wir dann gern etwas zusammen, entweder in Norddeutschland oder in Köln.

Sie sind seit 2008 NDR-Intendant. Was war Ihr größter Erfolg?

Dass der NDR heute so gut bei den Menschen dasteht. Aber das ist eine Leistung des Teams. Als Einzelerfolg werde ich den ESC-Sieg mit Lena 2010 nicht vergessen. Ich habe damals mit unserem Unterhaltungschef Thomas Schreiber beim Rest der ARD durchgekämpft, dass es erstmals eine Zusammenarbeit mit Stefan Raab und Pro7 gab.

Ihr größter Fehler?

Marmor: Auch ESC, die Nominierung von Xavier Naidoo 2015. Ich habe die Wirkung unterschätzt, die ein Auftritt von ihm auf internationaler Bühne gehabt hätte.

Ihr Vertrag läuft bis Anfang 2020. Machen Sie weiter?

Marmor: Schau‘n wir mal, das überlege ich mir rechtzeitig. Bis 2020 ist ja noch Zeit. Ich mache meine Arbeit jedenfalls sehr gern und fühle mich fit. Letztlich ist die Wahl des Intendanten oder der Intendantin vornehmste Aufgabe der Gremien.

Welches große Projekt wollen Sie noch umsetzen?

Marmor: Wir sind mitten auf dem Weg zur trimedialen Nachrichten-Erstellung, also gemeinsam für Hörfunk, Fernsehen und online, um die Chancen der Digitalisierung zu nutzen. Das ist nicht trivial, dafür müssen viele Mitarbeiter von der Rothenbaumchaussee nach Lokstedt umziehen. Zugleich bauen wir ein neues Redaktionsgebäude für die „Tagesschau“ in Lokstedt. Das ist auch ein klares Bekenntnis der ARD zum Standort Hamburg für „Tagesschau“ und „Tagesthemen“.

Zur Person:


Lutz Marmor stammt aus Köln und hat Betriebswirtschaft studiert. Über die Stationen WDR und Ostdeutscher Rundfunk Brandenburg (heute RBB) kam er 1995 als Verwaltungsdirektor zum NDR nach Hamburg. Seit 2008 führt der parteilose Manager die Vier-Länderanstalt als Intendant. Von 2013 bis 2015 war er zusätzlich ARD-Vorsitzender. Marmor, der zwischenzeitlich in Quickborn lebte, ist Hobby-Basketballer. Mit seiner Lebensgefährtin, einer WDR-Radiojournalistin in Köln, führt er eine Fernbeziehung. Er lebt in der Hamburger Neustadt.

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