Anschub für die Bremer Start-up-Szene: Ein Besuch der Open Pitch Night

Netzwerken und Bier trinken

Bremen. Es ist alles ein bisschen später geworden. Jetzt soll es endlich losgehen.
24.09.2016, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Netzwerken und Bier trinken
Von Lisa Boekhoff
Netzwerken und Bier trinken

Wirtschaft - Die erste Open-Pitch-Night Bremen steigt im Kraftwerk Accelerator - Thema Start Up

Frank Thomas Koch

Bremen. Es ist alles ein bisschen später geworden. Jetzt soll es endlich losgehen. Moderator Christo Papanouskas bittet das erste Start-up auf die Bühne. Doch wo steckt es? Noch kurz ausgetreten, heißt es aus dem Publikum. Keine Aufregung. Papanouskas reagiert spontan: Zeit für Getränke. Man solle doch noch mal zugreifen.

Scheinwerfer tauchen den Raum im dritten Stock des Alten Postamts in grünes Licht. Eigentlich ist es etwas zu dunkel, aber ein paar Leuchter kamen nicht pünktlich. Gekommen ist an diesem Abend dafür viel Publikum. Einige der Besucher tragen grüne leuchtende Knicklichter als Armband. Als man sie verteilte, sollte es eigentlich schon losgehen. Doch ein Jurymitglied fehlte noch. Das Kraftwerk ist im riesigen Komplex beim ersten Besuch nicht leicht zu finden.

Die kurze Verzögerung tut der entspannten Atmosphäre keinen Abbruch: Netzwerken und Bier trinken stehen hier schließlich ohnehin auch auf dem Programm. Im Kraftwerk Accelerator gibt es eine Premiere: Sechs Start-ups präsentieren ihre Ideen bei der ersten Open Pitch Night. Organisiert hat sie die Veranstaltungsreihe Waschecht Bremen um Papanouskas und Jan Wessels. In das Bremer Öko-System für Start-ups soll „Drive“ gebracht werden, sagt der Hamburger Papanouskas. „Wir sehen hier viele Möglichkeiten.“ Den Gründern soll eine Bühne gegeben werden. Für den Auftakt ist das gelungen: 100 Zuschauer haben sich zur Pitch Night angemeldet.

Anders als sonst haben die Start-ups sogar zehn Minuten für die Präsentation ihrer Idee, den Pitch. Doch zunächst bleibt die Bühne ganz kurz leer, das Waschprogramm hakt. Dann kommt Marco Klock etwas eilig nach vorne, nimmt noch einen Schluck aus seiner Bierflasche und betritt die Bühne. Als wäre nichts gewesen, stellt er sein Start-up vor: Rightmart. Die Software soll die Rechtsberatung automatisieren und Anwälten damit Arbeit abnehmen (wir berichteten). Juristische Hilfe soll nicht länger ein Luxus sein, sondern für jedermann zugänglich, sagt Klock. Das Angebot sei kostenlos. So sollen sich etwa auch Sozialhilfeempfänger Beratung leisten können. Neben ihm läuft der Countdown. Noch bleiben ein paar Minuten. „Wir sind Vorreiter der Kanzlei von morgen.“ Dann wird es handfest: Rightmart rechne für dieses Jahr mit einem Umsatz von einer Million Euro. Klock hat es geschafft, jetzt ist die Jury dran. Auch für sie laufen zehn Minuten ab.

Die vier Experten auf den Sofas vor der Bühne loben die Idee. Aber gibt es nicht Bedenken aus der Branche, wenn eine Maschine entscheidet, wo es sonst Inhaber eines Staatsexamens tun? Klock entwarnt, nein, Anwälte schauten immer noch über die Unterlagen. Die letzte Frage: „Wer hatte die Idee? Du oder die Anwälte?“ „Ich“, sagt Klock.

Die erste Pause zum Netzwerken und weiteres Bier. Sponsoren haben die Getränke gestellt, Papanouskas animiert erneut, zuzugreifen. Wer möchte, trinkt Waschmittel. Die milchig-mintfarbene Flüssigkeit wird aus entsprechenden Plastikflaschen serviert. Eine Variation des Cocktails Swimmingpool.

Mint, das ist eigentlich die Farbe der Marke Waschecht. Beim nächsten Mal sollen die Lichter nicht grün, sondern auf diesen Ton abgestimmt sein, sagt Papanouskas. „Wir sind Designer, wir sehen den Unterschied.“

Als Nächstes ist Vifavi dran. Das Start-up will Hersteller und Einkäufer zusammenbringen. Der Clou: Die Fabriken der Produzenten sollen per Virtual Reality jederzeit besucht werden können. Das Ziel steckt hoch. „Wir wollen weltweit alle Hersteller visualisieren“, sagt Sören Brockmann. Eine 3D-Brille hängt um seinen Hals. Vielleicht genau der richtige Weg, ganz oben anzusetzen. Mit Herstellern in Indien soll die Erfolgsgeschichte starten.

Auch das Publikum darf Fragen stellen und Tipps geben. Schließlich stimmt es am Ende zusammen mit der Jury über den Gewinner der Pitch Night ab – via Facebook. Bewertet wird mit Emoticons, die Punkten entsprechen. Ein paar Momente später steht jedes Pitch online. Für den Waschecht-Award-Gewinner gibt es 500 Euro bar und Beratung und Coaching im Wert von 4500 Euro von der Agentur Assassin Design und Kapitaldock, die beide in Hamburg ansässig sind. Außerdem gibt es einen mit 1000 Euro dotierten Fiware Specialaward vom Institut für angewandte Systemtechnik.

„Der Vibe ist toll“, sagt eine Zuschauerin der Veranstaltung. Sie hat bereits an einem Start-up-Weekend in Bremen teilgenommen und selbst auch eine Idee in der Mache. „Gefühlt geht es jetzt los.“

Noch am Anfang steht auch das Project Sparks. In Hamburg konnte Erfinder Christoph Schröder aber schon einen Pitch für sich entscheiden. Die Idee: Hindernisläufe in einer gepolsterten Spielfläche könnten den Spaß zurück in den Sport bringen. Und er ist überzeugt: „Das macht einen Riesenspaß. Wir sind Takeshi’s Castle in einem Raum.“ In einer Halle in Findorff soll die Idee im Oktober getestet werden. Über Startnext soll Geld zusammenkommen. „Wir sind in der Testphase. Der Markt für Fitness ist aber relativ groß.“ Zunächst müsse man noch herausfinden, wer bereit sei, für das moderne Zirkeltraining zu zahlen und wie viel. Schröder pitcht souverän. Interessierte Fragen: Ist das etwas für die Masse? Wer kommt für einen kaputten Knöchel auf? Schröder beruhigt: „Alles ist gepolstert. Nur in der Testphase besteht Helmpflicht.“

Große Lockerheit überall. Irgendwo läuft immer irgendwer durch den großen Raum, Grüppchen schauen stehend aus Entfernung gen Bühne und plaudern. Unterstützung und Austausch, darum geht es dem Format, nicht um den fertigen Businessplan. Da macht es nichts, dass teils selbst noch etwas improvisiert wird. Doch unter den Gästen sollen auch Investoren sein. Der Abend ist eine Chance für Kontakte, Tipps – und Geld.

Volker Schlicht ist eines der vier Jurymitglieder. Er hat Kapitaldock gegründet. Das Hamburger Unternehmen unterstützt junge Gründer. Die Bremer Szene solle vitalisiert werden, deshalb sei er hier. „Wir wollen Investorengruppen für Start-ups mobilisieren.“ In Hamburg gebe es genügend Geldgeber, die nur auf Ideen warteten. Das gelte für vermögende Bremer sicher auch.

Die Datingplattform Amorizeme ist als vierter Kandidat dran. Und der Countdown läuft mal wieder. In der kostenlosen App soll es Gutscheine für Restaurants und Bars geben. Die Nutzer sollen sich darüber einladen können, zu Rendezvous – ein Begriff, der so gar nicht ins Start-up-Zeitalter zu passen scheint. „In diesem Moment sitzt das Geld locker.“ Daran könnten die Gastronomen verdienen. Die Idee des Bremerhavener Entwicklers Thore Christiansen findet Zuspruch und Verbesserungsvorschläge.

Ähnlich geht es Toursnapp. Die App soll Reisende automatisch über Kultur und Sehenswürdigkeiten in ihrer Nähe informieren, damit sie nichts verpassen. Die App soll etwas kosten, dafür aber ohne Werbung funktionieren. Der Markt für Kulturreise sei eine Nische, aber eine große. „Warum schließt du Werbung völlig aus?“ Das Publikum bleibt auch beim letzten Pitch dran.

Netzwerken, Waschmittel trinken. Dann ist das Ergebnis schnell da: Rightmart bekommt mit knappem Vorsprung den Award. An Toursnapp geht das Preisgeld von Fiware. Der Bremer Organisator Jan Wessels gibt ein Schlusswort. „Viel Spaß. Und vernetzt euch.“

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