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Regisseur Spike Lee zeigt seinen Film „Da 5 Bloods“ auf Netflix

Weder auf dem Filmfestival in Cannes, noch in den Kinos: Regisseur Spike Lee zeigt seinen neuen Film „Da 5 Bloods“ auf Netflix. Lee macht erneut Rassismus zum Thema – passend zum aktuellen Zeitgeschehen.
15.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Regisseur Spike Lee zeigt seinen Film „Da 5 Bloods“ auf Netflix
Von Iris Hetscher

Spike Lees neuer Film hätte eigentlich auf dem Filmfestival in Cannes gezeigt werden sollen, nun läuft er nicht einmal in den (in Bremen) noch geschlossenen Kinos, sondern beim Streamingdienst Netflix. Immerhin. Und vor allem: Gut, dass „Da 5 Bloods“ gerade jetzt und auf jeden Fall zu sehen ist. Denn Spike Lee, dessen Filme sich immer um das Thema Rassismus drehen, die Schmerz, Wut und polemische wie messerscharfe historische Analyse auf so einzigartige Weise kombinieren, läuft erneut zu Hochform auf.

Vier schwarze Vietnamveteranen treffen sich 50 Jahre nach ihrem Einsatz in Saigon; sie wollen die Gebeine ihres fünften Kameraden aus dem Dschungel bergen und zurück in die USA bringen. Und eine Kiste mit Goldbarren, die sie damals entdeckt und vergraben haben. Der Film beginnt aber nicht mit dieser Wiedersehensszene an einer Hotelbar, sondern mit einer schnell geschnittenen Abfolge dokumentarischer Aufnahmen, Lees spezielle Art des politischen filmischen Kommentars. Ein Mann der leisen Töne war der Regisseur noch nie.

Jahrhundertelange Repression

Muhammad Ali, Malcolm X, Angela Davis, Napalm und Nixon – es sind Bilder über und aus einem Krieg, in dem schwarze Soldaten, Underdogs in den USA, auf Asiaten schießen, die ebenfalls rassistischen Vorurteilen ausgesetzt sind. Damit verortet Lee „Da 5 Bloods“ von Beginn an nicht nur im Vietnam-Veteranenfilm-Genre, sondern als Teil einer Geschichte jahrhundertelanger Repression und eben nicht nur politischer, sondern auch wirtschaftlicher Benachteiligung. Denn „der amerikanische Krieg“, so nennen die Vietnamesen in „Da 5 Bloods“ das jahrelange Gemetzel, er war ein Feldzug des weißen Imperialismus, der schwarze GIs massenhaft als Kanonenfutter benutzte.

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An dieser Lesart lässt Lee keinen Zweifel, und er verlängert sie – immer wieder auch mit locker eingestreuten dokumentarischen Fingerzeigen – bis in die Gegenwart. Denn „nach Vietnam haben wir nichts gekriegt als Ärger“, lässt er einen seiner Protagonisten sagen.

Getragen wird der Film von seinen Hauptdarstellern. Da gibt es Eddie, der inzwischen (scheinbar) als Geschäftsmann reüssiert hat. Norm Lewis verleiht ihm trotzdem den Touch eines ewigen Idealisten. Clarke Peters spielt mit viel Melancholie Otis, der in Saigon erfährt, dass er eine Tochter mit seiner damaligen Geliebten hat – die von den Vietnamesen als „Bastard“ diskriminiert wird.

Lernen, nicht alles hinzunehmen

Isiah Whitlock Jr. ist Melvin, ein handfester Pragmatiker, und dann ist da noch der spannendste Charakter: Paul, der Trump gewählt hat, „weil ich auch mein Stück vom Kuchen will“. Seine rote „Make America great again“-Kappe wird zum Symbol für seinen zunehmenden Wahnsinn; er fühlt sich rundum betrogen, seine Rache gilt daher allen, schließlich sogar dem Sohn David. Den legt Jonathan Majors als jungen Schwarzen an, der dringend lernen muss, nicht alles hinzunehmen, sondern sich zu wehren. An Paul und seinem tief sitzenden Trauma wird die Mission fast scheitern.

Delroy Lindo liefert eine Charakterstudie ab, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Die Szenen, in denen er allein und verwirrt minutenlang monologisierend durch den Dschungel taumelt, ist auf jeden Fall Oscar-reifes Kino – auf die große Leinwand gehört der Film natürlich auch.

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Denn Spike Lee versteht sein Handwerk, der Film hat Rhythmus, der Regisseur spielt, wie immer, gekonnt mit der Filmgeschichte. Der tote fünfte Kamerad, „Stormin’ Norman“ („Black Panther“ Chadwick Boseman) taucht in Rückblicken auf, die als ironische Reminiszenzen an Kriegsfilme wie „Platoon“, „Rambo“ und, natürlich, „Apocalypse Now“ in quadratischem Format gefilmt und mit pathetischer Musik untermalt sind. Weiße sind Nebendarsteller in dieser Geschichte. Doch unerwähnt bleiben sollte nicht Jean Reno, der einen genial schmierlappigen Geldschieber gibt. Und natürlich die Musik – Marvin Gaye und Curtis Mayfield prägen den Film mit ihren Songs genauso wie dessen Bilder.

Weitere Informationen

„Da 5 Bloods“, Regie: Spike Lee. 155 Minuten. Anbieter: Netflix.

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