Medien Neuer Saarland-«Tatort»: Akribie an der Heimatfront

Göttelborn/Saarbrücken. Dürre, braune Grashalme recken sich hier und da empor. «Und bitte!», hallt es über das alte, brachliegende Grubengelände.
25.04.2010, 15:20
Lesedauer: 2 Min
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Göttelborn/Saarbrücken. Dürre, braune Grashalme recken sich hier und da empor. «Und bitte!», hallt es über das alte, brachliegende Grubengelände.

Die Männer gehen los. Der tiefschwarze Schotter unter ihren Füßen knirscht bei jedem Schritt. Plötzlich bleiben sie stehen. Ihre Stimmen raunen, Wortfetzen dringen durch. Es geht um Waffen, Schützen, den finalen Rettungsschuss. Dann ein kurzer Moment Stille. Eine Platzpatrone knallt. «Das machen wir nochmal», tönt eine Stimme.

Sie gehört Regisseur Jochen Alexander Freydank. Er dreht zurzeit den neuen «Tatort» des Saarländischen Rundfunks (SR). Und in diesem geht's ans Eingemachte, wie Schauspieler Maximilian Brückner, im Film Kriminalhauptkommissar Franz Kappl, sagt. Der Fall geht seiner Figur, dem Bayer im Saarland, mächtig an die Nieren, und nicht nur dem. «Es ist echt richtig anstrengend», sagt Brückner in einer kurzen Umbaupause.

Sein Schauspielkollege Gregor Weber, alias Stefan Deininger, pflichtet ihm heftig nickend bei: «Es besteht die Gefahr, dass man als Schauspieler nach ein paar Jahren denkt: "Ich weiß, wie das geht. Ich weiß, wie ich einen Kommissar zu spielen habe."» Die «theoretische Gefahr der Routine», nennt Weber das. «So etwas aber passiert bei Jochen nicht. Das aber hat seinen Preis, strengt an, jeden Tag aufs Neue.»

Freydank verlangt seinem Team viel ab. Er sei präzise, akribisch. Das sagen alle hier über den Regisseur, der 2009 für seinen Kurzfilm «Spielzeugland» einen Oscar gewann. Wieder und wieder lässt er an diesem Mittag die selbe Szene spielen. Mal aus dieser, mal aus jener Perspektive. Viel Energie und Fantasie stecke er in diesen «Tatort», sagt er selbst. «Es ist nicht mein Ding zu sagen: Das sitze ich auf einer halben Backe ab.»

Der Film bietet auch nicht den Stoff zum halbherzigen Herunterdrehen. Schon gar nicht jetzt. «Heimatfront», so der Arbeitstitel, handelt von vier Soldaten, die aus Afghanistan nach Deutschland zurückkehren. Sie sind traumatisiert, zerrüttet. «Meine Rolle, der Typ ist fertig, einfach am Ende», drückt es Schauspieler Constantin von Jascheroff aus. Er spielt neben Robert Gwisdek, Friedrich Mücke und Ludwig Trepte einen der vier Soldaten. Im Umfeld der Heimkehrer passiert ein Mord - und jeder der vier könnte der Täter sein.

Der Zufall hat es so gewollt, dass just in den Tagen, in denen die Crew durchs Saarland zieht und diesen Stoff dreht, der Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr eine immense öffentliche Aufmerksamkeit erfährt. Die Macher der SR-«Tatorte» seien zwar bemüht, aktuelle gesellschaftliche Themen aufzugreifen, anstatt von einer mordenden Juweliersgattin zu erzählen, sagt Redakteur Christian Bauer. «Dieses Mal aber mussten wir das Drehbuch während der Dreharbeiten noch einmal anpassen, weil wir von der Wirklichkeit fast überholt worden sind.» Die Geschehnisse am Hindukusch in den vergangenen Wochen, die Kämpfe am Karfreitag, die Todesopfer, all das musste nachträglich berücksichtigen werden.

Auf ihre Arbeit am Set habe die Präsenz des Themas keinen Einfluss, beteuern die Darsteller unisono. «Wir machen Kunst - zwar mit einem Realitätsanspruch, aber keine Dokumentation», sagt Friedrich Mücke. Und doch bleiben Gespräche über die deutschen Soldaten in Afghanistan, ihr Standing in der Gesellschaft und die Debatte über den Einsatz und das Wort Krieg nicht aus. Der Film soll aufmerksam machen, an das Schicksal und die Bürden der Heimkehrer erinnern. «Es ist ein Geschenk, wenn man so etwas machen darf, wenn man die Leute mit so einem Film wachrütteln kann», sagt von Jascheroff. Dafür soll alles passen. In der Ferne knallt die nächste Platzpatrone. (dpa)

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