Uraufführung in Bremen: „Herkunft“ bebildert die sehr deutsche Abstammung des Regisseurs Oskar Roehler Nicht ohne meinen Gartenzwerg

Am Theater Bremen ist jetzt sozusagen das Schauspiel zum Roman zum Film zu besichtigen: Die „Herkunft“-Uraufführung adaptiert den gleichnamigen Roman von Oskar Roehler aus dem Jahr 2011. Der Regisseur ließ den Stoff, aus dem seine verkorkste Kindheit ist, bereits in den Film „Quellen des Lebens“ (2013) einfließen. Frank Abt macht daraus einen langen und doch weitestgehend kurzweiligen Heimatabend zwischen Tragödie und Farce.
09.02.2014, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Nicht ohne meinen Gartenzwerg
Von Hendrik Werner

Am Theater Bremen ist jetzt sozusagen das Schauspiel zum Roman zum Film zu besichtigen: Die „Herkunft“-Uraufführung adaptiert den gleichnamigen Roman von Oskar Roehler aus dem Jahr 2011. Der Regisseur ließ den Stoff, aus dem seine verkorkste Kindheit ist, bereits in den Film „Quellen des Lebens“ (2013) einfließen. Frank Abt macht daraus einen langen und doch weitestgehend kurzweiligen Heimatabend zwischen Tragödie und Farce.

Es ist Oskar Roehler zu danken, dass er sein im Mutterleib begonnenes Martyrium überlebt und Zeugnis davon abgelegt hat. „Herkunft“, seine nur bedingt verschlüsselte Überlebensbeichte, hätte er getrost „Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend“ nennen können. So wie es – übrigens gleichfalls 2011 – der Reiseschriftsteller Andreas Altmann getan hat, dem auch so eine deutsche Vita aufgegeben ist, deren Albträume von Generation zu Generation weitergereicht werden in Gestalt unbewusster Symptome, Ängste, Fantasien, Begierden, Deformationen.

Das lange vor seiner Geburt beginnende Stationendrama des Oskar Roehler, der im Roman Robert Freytag heißt, ist deshalb so singulär, weil ihm Wegmarken und Personen eingeschrieben sind, die die deutsche Geistesgeschichte nach 1945 geprägt haben. Seine Mutter ist die Grenzgängerin Gisela Elsner, Fräuleinwunder der Nachkriegsliteratur („Die Riesenzwerge“), eine kapriziöse bis selbstzerstörerische Exzentrikerin; sein Vater der Lektor und Autor Klaus Roehler (im monströsen Roman: Rolf Freytag), der sein geringeres literarisches Talent durch Alkohol und politische Radikalisierung auszugleichen suchte.

Mut zur Lücke

Die Stückfassung von Regisseur Frank Abt und Dramaturgin Viktorie Knotková ist insgesamt schlüssig – und lässt diesen intellektuellen Hintergrund doch teils außen vor; die Gruppe 47, durch deren Unterstützung Elsner reüssierte, ebenso wie die Rote Armee Fraktion, deren Schatzmeister Roehler war. Ohnehin dauert die Aufführung dreieinhalb Stunden; ohne Mut zur Lücke ist diese Leidensgeschichte nicht abzubilden.

Sie hebt an in einer spartanischen wie effektvollen Kulisse der Nachkriegszeit (Ausstattung mit viel Liebe zu Holz, Ytong und 50er-Jahre-Lampen: Susanne Schuboth). Umschauert von tastenden Klavierklängen (Musik: Moritz Krämer), denen das Ungewisse der historischen Zäsur zu entnehmen ist. Patron Erich Freytag (Alexander Swoboda) ist zerlumpt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. Eine Heimkehr geht anders: Seine Frau Elli (Susanne Schrader) ist ihm entfremdet und geht fremd mit seiner lästerlichen Schwester Marie (Nadine Geyersbach). Seine Kinder Rolf (Claudius Franz) und Heinz (Robin Sondermann) kennen ihren Erzeuger kaum bis gar nicht.

Gesprochen wird dennoch oder gerade deswegen peinigend wenig, über Kriegsschuld schon mal gar nicht, mit der untreuen Frau irgendwann überhaupt nicht mehr. Immerhin, es gibt viel zu tun: Vater Freytag fabriziert, dank einer aufopferungsvollen Mitarbeiterin (Gabriele Möller-Lukasz) bald sehr erfolgreich, Gartenzwerge. Man ahnt: In der real existierenden und surreal verkorksten Familiengeschichte des Sohnes Klaus und des Sohnessohnes Oskar Roehler sind Tragödie und Farce zwei verwandte Seiten einer deutschen Medaille.

Als Rolf-Klaus die nicht nur intellektuell frühreife Borderlinerin Nora-Gisela (Lisa Guth) schwängert, spitzt sich das Drama zu. Matthieu Svetchine leiht diesem von seiner Mutter nicht gewollten und doch ausgetragenen Kind seine eindringliche Statur; vor der Pause als sporadisch in die Handlung eingebundene Erzählerfigur, danach als wiederholt abgeschobener, liebesbedürftiger, instabiler Sprössling. Ohne Heimat, dafür mit unfassbarer Herkunft. Über Roberts Geburt heißt es im Roman: „Sie schaut weg, als die Hebamme ihr das Kind zeigt, und sagt: ,Schaffen Sie dieses Bündel fort, ich will damit nichts zu tun haben.’“

Süchtige Frau im Leopardenmantel

Die Schauspieler schreiten diesen deutschen Leidensweg mit einer geschlossen ansehnlichen Ensembleleistung ab. Besonders beeindruckend ist Matthieu Svetchines zerrissener Robert-Oskar, dem erst als Mann das Kunstrüstzeug zuwächst, Traumata in Bilder und Texte zu fassen – zumal in Roehlers filmischem Durchbruch „Die Unberührbare“ (2000) über Mutter Gisela, die – noch so ein Treppenwitz – Hannelore Elsner spielt. Auf der Bühne meistert Lisa Guth diesen Hardcore-Part bravourös – vom affektierten Teenager bis zu jener süchtigen, isolierten, politisch irren Frau mit Kleopatrafrisur und Leopardenmantel, die sich 1992 das Leben nahm.

Man hätte der textreichen und lohnenden Inszenierung noch ein paar eindringliche Bilder mehr gewünscht. Von jener ausweglosen Art, wie sie Frank Abt nach der Pause andeutet, als ein gigantischer Ventilator Manuskriptblätter verweht wie eine heillose Herkunft das Leben Roehlers. Großer Beifall für einen gelungenen Abend.

Nächste Aufführungen: 13. Februar, 19 Uhr; 23. Februar, 18. 30 Uhr

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+