Vor 60 Jahren wurde die Profession des Küpers als Lehrberuf anerkannt / Wilfried Hautop erinnert sich an das Ende des Berufs

Ode auf eine vergessene Tätigkeit im Hafen

Bremen. Der Beruf des Küpers war einmal eine wichtige Tätigkeit in der Hafenwirtschaft. Manch einem stieg das Ansehen zu Kopf, die Küper hatten ein ausgeprägtes Elitebewusstsein.
08.02.2015, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Frank Hethey

Der Beruf des Küpers war einmal eine wichtige Tätigkeit in der Hafenwirtschaft. Manch einem stieg das Ansehen zu Kopf, die Küper hatten ein ausgeprägtes Elitebewusstsein. Einer, der noch Küper gelernt hat, war Wilfried Hautop. Eigentlich sollte er Schriftsetzer werden. Doch ein erster Blick in den Berufsalltag brachten den heutige Geschäftsführer der Werkstatt Bremen schnell davon ab. Den ganzen Tag still stehen und Bleibuchstaben setzen: das war nichts für Wilfried Hautop. Im Nachhinein graust es den 64-Jährigen. Er sagt: „Was für eine monotone Tätigkeit.“

Welche Alternativen hatte ein Jungspund aber zur damaligen Zeit? Ein Tipp der Berufsberatung brachte den Hauptschüler auf neue Gedanken. Man empfahl dem 14-Jährigen eine Ausbildung als Küper. Man sei ständig unterwegs im pulsierenden Hafenbereich, ein abwechslungsreicher Job. Das gefiel Hautop. Heute sagt er, wer Küper gelernt habe, den halte es niemals im Büro. „Da helfen auch keine passenden Socken zur Krawatte.“

Mit dem Begriff „Küper“ kann heute kaum noch einer etwas anfangen. Vor der Industrialisierung waren damit Fassbinder gemeint, die den Kaufleuten zur Hand gingen. Teils arbeiteten sie als Angestellte, teils selbstständig. Erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts etablierten sich die Küper in der modernen Hafenwirtschaft. Als rechte Hand des Kaufmanns prüften sie Gewicht und Qualität der ankommenden Ware und sorgten für die richtige Lagerung. Allerdings dauerte es noch bis zur vollen Anerkennung als Lehrberuf: Das geschah vor 60 Jahren, am 7. Februar 1955.

Für den jungen Hautop bedeutete der Küperberuf die große, weite Welt. Am 1. April 1965 begann er seine Lehre bei Kühne + Nagel im Hafenhochhaus am Kopf des Überseehafens. „Von dort ging es täglich an einen anderen Ort im Übersee- oder Europahafen und später auch zum Neustädter Hafen“, sagt er. Das Gewusel im Hafen faszinierte ihn. Mit großen Augen bestaunte er die Schiffe und Menschen aus aller Welt. Auch der frühmorgendliche Arbeitsweg bot einen gewisse Unterhaltung. Hautop begegnete regelmäßig Nachtschwärmern aus der legendären Hafenbar „Golden City“.

Küper genossen als Vertraute der Kaufleute seit jeher eine Sonderstellung. Zu den einfachen Hafenarbeitern wollten sie nicht zählen. Es wird ihnen ein gewisser Standesdünkel nachgesagt: als Küper war man etwas Besseres. Das machte sich auch im Outfit bemerkbar. Sie trugen eine weiße Schürze und eine schwarze Fliege. Ebenfalls nobel war die Bezahlung. Bei der Bremer Lagerhaus-Gesellschaft (BLG) brachte es ein Küpermeister 1894 auf ein Jahreseinkommen von 4000 Mark. Das waren nur 1000 Mark weniger als bei einem BLG-Vorstandsmitglied.

Bei Kühne + Nagel wurde Hautop nach Ende seiner Ausbildung im April 1968 übernommen. Und doch hat er schon ein halbes Jahr danach gekündigt und als Ladungskontrolleur am Frankfurter Flughafen angefangen. Ein Schritt zur rechten Zeit, denn schon damals zeichnete sich ab, dass der Küperberuf keine Zukunft haben würde. „Durch die Versendung der Ware im Container wurde der Beruf im Laufe der Jahre überflüssig“, sagt Hautop. Der endgültige Schlusspunkt kam 1975, als die Tätigkeit des Küpers im neuen Beruf des Seegüterkontrolleurs aufging. Und selbst den gibt es inzwischen nicht mehr.

Was machte Hautop dann? Über den zweiten Bildungsweg landete er bei der Sozialarbeit und kümmerte sich fortan um Suchtkranke, Arbeitslose und Menschen mit Behinderung. Damit habe er sich von seinem Ausbildungsberuf gar nicht so weit entfernt, meint Wilfried Hautop: „Vielfältigste Tätigkeiten, jeden Tag was Neues, alles ganz wie das Kommen und Gehen im Hafen.“

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