Bremen

Petri Heil!

Auf Gleis 1 roch es mal wieder nach Meer. Ich hatte noch 15 Minuten Zeit, bis mein Zug abfahren würde –diesmal aber wollte ich die Quelle des Duftes finden.
18.12.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von Betty Kolodzy
Petri Heil!

Angler

123rf

Auf Gleis 1 roch es mal wieder nach Meer. Ich hatte noch 15 Minuten Zeit, bis mein Zug abfahren würde –
diesmal aber wollte ich die Quelle des Duftes finden.
Ich lief die Treppe hinunter, dann durch die Bahnhofshalle nach draußen.
Nicht weit entfernt teilte die Hochstraße den öffentlichen Raum in ein Davor und Dahinter. Menschen drängten zu den Haltestellen, andere schienen auf jemanden zu warten.Eine leichte Brise umwehte mein Gesicht. Da war er wieder, der Nordsee-Duft: frisch, weit und klar. Ich bog nach links, folgte dem Duft bis zur Kreuzung.

Die Ampel zeigte auf Rot. Fußgänger und Radler schienen eingefroren, während Autos vorbeirauschten und eine Straßenbahn aus dem Gustav-Deetjen-Tunnel fuhr.
Da fiel mir der Angler auf. Und es muss so gewesen sein, dass ihn außer mir niemand wahrnahm, denn die Passanten beeilten sich, ihren Weg fortzusetzen, als die Fußgängerampeln auf Grün schalteten. Eine Gruppe überquerte die Straße Richtung Dobben, die andere bewegte sich auf mich zu. Jetzt warteten die Autos, die Blicke der Fahrer aufs rote Licht gebannt.
Ich drehte mich zur Seite, näherte mich klopfenden Herzens der Fußgängerbrücke. Sie führte zum alten Postamt. Meine Schritte verlangsamten sich, je höher ich stieg. Als ich ihn endlich erreichte, standen die Züge still.

„Petri Heil!“
Genau in der Mitte der Brücke saß er auf einem faltbaren Hocker. Sein gelber Südwester leuchte.
„Wissen Sie, dass Sie heute erst die Zweite sind, die diese Brücke betritt?“
Ich schüttelte den Kopf, beobachtete, wie er an der Rolle kurbelte, um die Schnur einzuholen.
„Die Leute bevorzugen den direkten Weg.“ Elegant warf er seine Angel aus, in hohem Bogen weit über die Kreuzung ... Dann lehnte er sich zurück.
„Was angeln Sie?“, wollte ich wissen.
„Ich fange die Zeit, die die Menschen einsparen. Weil sie es immer eiliger haben und sich der Abstand zwischen A und B immer schneller verkürzt.“
Mir fiel auf, dass die Fußgängerbrücke in gleicher Windrichtung wie die Hochstraße verlief. Ein Ableger für Flaneure. Ob sie einst auch als Abkürzung geplant war? Oder gar als Umweg? Wann wurde sie überhaupt gebaut?
Ich hatte das Gefühl, die Zeit sei stehengeblieben. Eine Brücke, die die Zeit anhält ...

Der Angler stand auf, legte die Hand an die Stirn, als ließe er seinen Blick über das Meer schweifen. Vielleicht beobachtete er auch nur den Verkehr auf der Hochstraße. Ich fragte: „Wie viel Zeit haben Sie denn heute schon geangelt?“
Er führte seinen Zeigefinger auf die Lippen, hielt die Hand hinters Ohr, als lausche er dem Wellengang. Möwen begannen zu kreischen, während die Brandung Gischt aufschäumte und salzige Luft meine Lungen füllte.
„Für einen einzigen Morgen schon ganz schön viel,“ sagte er, „und im Laufe des Tages kommt noch mehr zusammen.“

Ich hörte nur noch das Ende der Durchsage, hörte Züge sich in Bewegung setzen und wusste, dass ich meinen Termin verpassen würde. Aber war das wirklich so wichtig? Ich zwinkerte dem Angler zu, drehte mich um und schlenderte langsam weiter.

Zur Person

Betty Kolodzy wuchs in München auf, zog später von Berlin nach Bremen. Die gelernte Fremdsprachenkorrespondentin und Kommunikationswirtin leitet Schreibwerkstätten in Flüchtlingsunterkünften, Schulen und Hochschulen. Sie verfasste vier Romane, drei Erzählbände und wurde mehrfach ausgezeichnet. Für ihren neuen Worpswede-Roman „Im Sommer kommen die Fliegen“ (michason & may) erhielt Betty Kolodzy das Autorenstipendium des Bremer Literaturkontors in den Künstlerhäusern Worpswede.
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