Vor 140 Jahren wurde in Wilstedt die Heide-Apotheke gegründet, die heute in Tarmstedt feiert Pillendreherin sorgt sich um die Ärzte

Tarmstedt. Menschen, die Medikamente verkaufen, tragen ganz gerne weiße Kittel. Das tun sie in der Tarmstedter Heide-Apotheke normalerweise auch, doch an diesem Freitag ist das im Haus Poststraße 6 mal ganz anders.
15.04.2016, 00:00
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Von Johannes Heeg

Menschen, die Medikamente verkaufen, tragen ganz gerne weiße Kittel. Das tun sie in der Tarmstedter Heide-Apotheke normalerweise auch, doch an diesem Freitag ist das im Haus Poststraße 6 mal ganz anders. Der Apotheker Jens Treublut, der einzige Mann im Team, geht seinem Beruf in Gehrock und Zylinder nach, Inhaberin Nora Hesse und ihre weiblichen Mitarbeiter kleiden sich in lange Gewänder und elegante Hüte, ebenfalls im Stil des 19. Jahrhunderts.

Die kleine modische Extravaganz hat natürlich ihren Grund: Die Heide-Apotheke besteht nämlich seit 140 Jahren. Und ganz nebenbei feiert die 41-jährige Nora Hesse ein eigenes Jubiläum: Vor zehn Jahren übernahm sie als Inhaberin die Apotheke von ihrer Mutter. Aus diesem doppelten Anlass gibt es heute Sekt und Saft, Kekse und Bonbons, wer will, darf am Glücksrad drehen, und ein Quiz gibt es auch noch. Um zum gesuchten Lösungswort zu kommen, müssen Fragen beantwortet werden, wie zum Beispiel diese: Wie wird der Apotheker umgangssprachlich auch genannt?

Die Heide-Apotheke war nicht immer in Tarmstedt ansässig. Gegründet wurde sie in Wilstedt. Dort gab es um 1850 bereits eine Filiale der Müllerschen Apotheke Ottersberg. 1875 beantragte ein gewisser A. Voß in Stade die Konzession für eine selbstständige Apotheke. Sein Antrag sei „von Pastor Stakemann wärmstens unterstützt“ worden, heißt es in alten Unterlagen. Im Januar 1876 hatte Voß die Erlaubnis und ließ sich an der Hauptstraße 8 nieder.

Vier weitere Apotheker folgten dem Gründer. Fidi Heise war von 1910 bis zu seinem Tod 1951 Chef der Heide-Apotheke, ehe mit Hedwig Wehage erstmals eine Frau nachfolgte. Die war zwar studierte Pharmazeutin, doch von der gestrengen Witwe Lisette Heise nicht sonderlich gut gelitten. Sie störte sich daran, dass Wehage nicht verheiratet war. Diese wiederum machte sich da wenig draus und ging nach Ablauf des Pachtvertrags nach Grasberg und gründete dort die Findorff-Apotheke.

Ihr folgte in Wilstedt Walter Hustedt, der 1961 in Tarmstedt in der Hauptstraße 15 seine „Apotheke Tarmstedt“ eröffnete. In der Wilstedter Heide-Apotheke ging es derweil weiter mit Hilde Zaleski und Nikolaus von Tamas. Nach dem Tod der Verpächterin Lisette Heise 1969 kauften Dorit und Werner Hesse Haus und Grundstück und eröffneten nach dem gesetzlich geforderten Umbau die Heide-Apotheke + Drogerie Wilstedt.

1978 zog die Heide-Apotheke nach Tarmstedt in die Räume ihres Mitbewerbers Walter Hustedt, der sich in den Ruhestand verabschiedet hatte. In Wilstedt konnte man danach bis 1991 weder Pillen noch Salben oder Bandagen kaufen, bis Sabine Forst Am Brink ihre Wilstedter Apotheke gründete. Im April 1989 stand der bislang letzte Umzug der Heide-Apotheke an: in das damals neu errichtete Neukauf-Zentrum in der Poststraße. Als 2006 Tochter Nora Hesse das Ruder übernahm, war dies der erste Generationswechsel in der Geschichte der Heide-Apotheke. „Bis dahin hatten immer zugewanderte Apotheker das Geschäft übernommen“, sagt Nora Hesse, die ihres Wissens nach die zweite Wilstedterin ist, die Pharmazie studiert hat. Die erste heißt Heike Müller und war zuvor Praktikantin bei der Heide-Apotheke.

Nora Hesse wollte nach dem Abitur an der Waldorfschule zunächst Lehrerin werden. Dann wurde ihr Vater schwer krank, und sie absolvierte erst mal eine Lehre zur pharmazeutisch-technischen Assistentin. Sie ließ ein fünfjähriges Pharmaziestudium in Berlin plus Praxisjahr folgen, ehe sie 2003 als Angestellte bei ihrer Mutter anfing. Gewohnt hat sie bis 2012 in Bremen, ehe sie nach Wilstedt zog, in die Hauptstraße 12. Dort kümmert sich ihr Mann um die beiden Kinder sowie um Haus und Hof.

Nora Hesses Hauptjob ist es nach eigenen Worten, die Wirtschaftlichkeit ihrer Apotheke im Auge zu behalten. Und dafür zu sorgen, dass trotz all der Auflagen, die Arzneimittelgesetz, Betäubungsmittelgesetz, Gefahrstoffverordnung, Apothekerbetriebsordnung und Sozialgesetzbuch mit sich bringen, noch genug in der Kasse bleibt, um den Lebensunterhalt der acht Mitarbeiter und der eigenen Familie zu sichern. Bei ihrer Mutter Dorit, die freitags noch stundenweise aushilft, lag der Schwerpunkt früher tatsächlich noch in der handwerklichen Herstellung von Arzneien: „Wir haben Pillen gedreht, Zäpfchen hergestellt, Salben angerührt und Tinkturen zubereitet“, erzählt sie. Nach dem Krieg hätten die Kinder noch Kräuter gesammelt. Heute habe die Artenvielfalt erschreckende Ausmaße angenommen: „Man findet kaum noch Spitzwegerich, und wilde Gräser gibt auch nicht mehr.“

Auf die Perspektiven angesprochen, sagt Nora Hesse: „Wir hängen ab von den Verordnungen der Ärzte. In der Samtgemeinde stehen die fünf Mediziner allerdings mehr oder weniger kurz vorm Rentenalter, und die Nachfolge ist in den meisten Fällen unklar.“ Wer in Lilienthal zum Arzt gehe, werde in der Regel auch dort seine Medikamente besorgen. Außer neuen Ärzten wünscht sie sich Rückmeldungen von der Kundschaft. „Und zwar positive ebenso wie negative, denn nur so können wir uns verbessern.“

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