Annie Heger überzeugt auf der Freilichtbühne Daverden mit frechen und klugen Pointen

Platt und trotzdem sexy

Langwedel-Daverden. Aufgewachsen ist sie irgendwo in Ostfriesland, zwischen Milchkanne und Weidezaun. Die Rede ist von der Kabarettistin Annie Heger.
11.07.2016, 00:00
Lesedauer: 2 Min
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Von David Rosengart

Langwedel-Daverden. Aufgewachsen ist sie irgendwo in Ostfriesland, zwischen Milchkanne und Weidezaun. Die Rede ist von der Kabarettistin Annie Heger. Wer zu ihr will, kann sich selbst durch die technischen Hilfsmittel der heutigen Zeit wie einem Navigationsgerät nicht behelfen. Zu klein, zu sehr Dorf. Straßen, die Wege sind. Wege, die Pfade sind. Die Wegbeschreibung wird wie eine historische Kundtuung mündlich von Generation zu Generation weitervermittelt. Und wehe dem, der sie vergisst. „Und wenn man rechtzeitig Bescheid weiß, dann macht Oma sogar Tee“, sagte die bekennende Mundartrednerin bei ihrem Gastspiel in Daverden auf schnoddrigem Ostfriesen-Platt. Mit sieben Geschwistern sei sie großgeworden. Bei begrenzten räumlichen Möglichkeiten. „Da war Weihnachten wirklich immer eine Toleranzgrenzbelastungsprobe.“

Mit ihrem Programm „Watt’n Skandaal“ war die vielseitige Künstlerin am vergangen Freitagabend zu Gast auf der Freilichtbühne Daverden. Die 33-Jährige tritt unter anderem auch in Hamburg, München oder Berlin auf, aber auch die vergleichsweise kleinen Bühnenbretter liegen der Sängerin und praktizierenden Schnackerin. Und zudem: Wenn die norddeutsche Mundart noch wirklich lebendig ist, dann wohl eher auf dem Dorf als in großen Metropolen. Von Beginn an führte Heger dynamisch durch ihre Vita – ohne kenntlich zu machen, wo die Grenze zwischen Realität und Fiktion verlaufen. Halt machte sie immer wieder da, wo Skurriles auf sich warten ließ.

Ob Sexualität, Familienchaos oder lokalpatriotischer Zwist – auf Plattdeutsch lassen sich auch sperrige Themen gleichzeitig ernsthaft und humorvoll bearbeiten. Ob es eine „hochdeutsche Randgruppe“ gebe, fragte Heger und blickte ins Publikum. Kein Handzeichen, keine Widerworte, beste Voraussetzungen also für einen von Humor geprägten Theaterabend, der immer wieder mit plattdeutschen Liedern angereichert wurde. Musikkabarett, wie es sein sollte. Heger und ihr Pianist nutzen die verschiedensten Musikgenres, um sie mit plattdeutschen Texten zu versehen. Mal trübselig, mal so richtig nach vorne.

Die Interaktion mit dem Publikum gelang auf Anhieb. Waren die Zuschauer gefragt, gab es – natürlich – in der Regel die Antwort auf Platt. Bereits die Geburt der kleinen Annie Heger war laut der Ostfriesin ein Skandal. Nach gehörigen Kraftanstrengungen der Mutter und bundestrainerhaften Motivationssalven des Arztes konnte man schließlich schwarzes Haar erblicken.

„Damit bekommt man in Ostfriesland nicht wirklich viele Bonbons. Und Blumenkönigin wird man auch nicht“, bedauerte Heger ihre Haarfarbe. Blond – das hätte funktioniert. Klug spielte Heger auf der Freilichtbühne mit dörflichen Stereotypen, ohne sich selbst ernstzunehmen. Mit Stolz stellte sie fest, dass selbst diejenigen, die des Plattdeutschen mächtig sind, von Region zu Region ganz andere Feinheiten der Sprache entwickelt haben. Sowohl humoristisch als auch musikalisch demonstrierte Annie Heger, dass Plattdeutsch keineswegs unsexy ist, geschweige denn von vorgestern. Das kann man als „Native Plattsnacker“ natürlich am besten.

Das Publikum entlohnte die Künstlerin mit stetig großem Applaus und dem Willen zum Mitmachen. Den Veranstaltungsgästen wurde eine durchdachte Hommage an die Mundarbeit geboten. Einziger kritischer Punkt: Die Darstellenden und Organisatoren hätten eine vollbesetzte Freilichtbühne verdient gehabt.

„Damit bekommt man in Ostfriesland nicht wirklich viele Bonbons.“ Annie Heger über ihre Haarfarbe
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