Trotz der vielen Arbeit ist die Stimmung im Kostümfundus der Domfestspiele ausgezeichnet Plaudern aus dem Nähkästchen

Verden. Gut gelaunt kommt Marion Stolze aus Otersen in den Fundus der Verdener Domfestspiele. Die sechs fleißigen Kostümfeen halten ihr gleich das passende Gewand unter die Nase.
12.05.2017, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Jörn Dirk Zweibrock

Verden. Gut gelaunt kommt Marion Stolze aus Otersen in den Fundus der Verdener Domfestspiele. Die sechs fleißigen Kostümfeen halten ihr gleich das passende Gewand unter die Nase. „Ich mache schon von Anfang an bei den Domfestspielen mit. Diesmal spiele ich eine Handwerksfrau, eine etwas grobere Dame aus dem Volk“, verrät die Hobbyschauspielerin lachend. In Sackleinen will sie dennoch nicht ab Mitte Juli auf der Bühne stehen. „Lange Ärmel wären schon schön, gerade wenn es abends auf der Freilichtbühne am Dom etwas frischer wird“, sagt Marion Stolze, während die Kostümfeen an ihr herumzuppeln, mit dem Maßband hantieren, den groben Stoff mit Nadeln abstecken. „Wer sein Zeug am Leibe flickt, hat den ganzen Tag kein Glück“, scherzt das muntere Sextett.

„Jedes Vorstandsmitglied kümmert sich gleichzeitig um eine Abteilung“, erläutert die Wahnebergerin Gunda Redeker, warum sie die Chef-Aufsicht im Fundus führt. Gemeinsam mit Marga Prange (Walle), Beate Ambroselli (Verden), Helga Scherdin (Walle), Katrin Ellmers aus Achim und der Verdenerin Ulrike Specketer kleidet sie die Schauspieler ein, verwandelt sie in Figuren aus einer längst vergangenen Zeit – aus der Reformationszeit. Denn in genau dieser Epoche spielt das aktuelle Stück „Der brennende Mönch“.

„Das hat hier nichts mit Karneval zu tun“, betont Gunda Redeker, als sie auf ein hochwertiges Kleid zeigt, das Marga Prange gerade im Internet erstanden hat. Das Gewand stamme ursprünglich vom Bremer Theater, sei im Netz versteigert worden. In den vorangegangenen Festspielzeiten hätten sie auch oft Kostüme aus Babelsberg geordert, erzählt Gunda Redeker. Ja, aus dem Fundus der berühmten Traumfabrik. Wer weiß, welche legendären UFA-Stars die Kleider schon alle vor den Domfestspiel-Schauspielerinnen getragen haben. Internet, Kostümverleih oder selbst schneidern – über diese Kanäle beziehen die sechs Kostümfeen die begehrten Textilien. „Hauptsache der Preis stimmt, und wir machen das eine oder andere Schnäppchen“, sagt Gunda Redeker.

Beate Ambroselli begutachtet derweil die Handwerksfrau mit Argusaugen. „Marion, du brauchst unbedingt noch eine Tasche. Wenn wir keinen Lederbeutel finden, müssen wir dir eben einen nähen.“ Eine Tasche dient bei den Festspielen übrigens nicht nur als Accessoire, sondern auch noch dazu, um die Mikrofon-Ports elegant zu verstecken. „Beate, passen denn die Schuhe dazu?“, fragt die Mimin aus Otersen schon ganz aufgeregt. „Die kannst du beruhigt anziehen“, gibt Kostümfee Ambroselli der Darstellerin grünes Licht für ihr rotes Schuhwerk. Ganz angetan sind die tapferen Schneiderinnen hingegen vom dekorativen Gürtel der groben Frau aus dem Volk. „Der hebt alles so schön“, finden die Sechs.

Zwischen den Festspielzeiten lagern die Frauen mit den flinken Fingern ihre Kostüme immer bei Keks Freitag ein, treffen dort anhand von historischen Abbildungen eine Vorauswahl, nehmen die ausgewählten Stücke später in die Probenhalle am Allerufer mit. Dort befindet sich nämlich in einem Nebenraum der Kostümfundus. Seit Wochen sind sie nun schon dabei, die Mode der Reformationszeit mit raffinierten Accessoires aufzupeppen oder, wie im Fall von Marion Stolze, den Saum zu kürzen. „Es ist wichtig, dass sich die Schauspieler in ihren Kostümen wohlfühlen, denn nur so können sie letztlich auch auf der Bühne gut spielen“, wissen die Kostümfeen.

Janina Fuchs (Verden) pflichtet ihnen bei. Sie schlüpft bei den Domfestspielen 2017 gleich in zwei Rollen, wird doppelt besetzt – im Prolog gibt sie noch den Teufel, in der ersten Szene schon die Handwerksfrau. Was für ein schauspielerischer Spagat. Wie war das nochmal? Verheiratete Frauen haben damals eine Haube getragen, und ledige Damen mussten sich mit einem Haarnetz begnügen? Jedenfalls sitzt das grüne Netz auf dem Haupt von Janina Fuchs wie angegossen. „Bei Janina müssen wir noch den Ausschnitt ändern und den Rock kürzen“, fasst die gelernte Schneiderin Katrin Ellmers zusammen. Und sagt schmunzelnd: „Fräulein Gunda zum Diktat bitte.“ „Bei der Arbeit“, antwortet die bestens gelaunt und notiert die Änderungswünsche. Katrin Ellmers nimmt die Tüte mit dem Kostüm von Janina Fuchs später mit nach Hause, setzt sich damit noch für rund anderthalb Stunden an die Nähmaschine. Weil sie in die damalige Zeit passen müssen, achten die Kostümfeen akribisch darauf, dass die Kleider nicht blütenweiß sind. „Dieses hier habe ich zu Hause eigens schmutzig gewaschen“, zeigt Marga Prange lachend auf das Textil. Bei den Domfestspielen ziehen sich die Schauspieler jeweils nach Männlein und Weiblein getrennt in den Umkleidezelten um. Reißen die Kostüme, „kann in den Pausen noch genäht werden, anschließend kommen die Sicherheitsnadeln zum Einsatz“, weiß Katrin Ellmers. „Die Mikros befestigen wir mit einem Pflaster auf der Haut“, plaudert Gunda Redeker aus dem Nähkästchen. Pflaster gibt es jedenfalls immer genug hinter den Kulissen, schließlich ist ihr Ehemann, der Verdener Internist Andreas Redeker, bei jeder Vorstellung mit an Bord – und zwar als Festspielarzt.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+