Poesie als Therapie

Ashti sitzt der voll verschleierten Haura gegenüber und kann die Aufgabe nicht lösen, die die Trainerin zum Kennenlernen gestellt hat. „Wie soll ich denn erraten, was sie gut findet, wenn ich ihr Gesicht nicht sehen kann?“ 20 Frauen aus dem ganzen Irak haben sich in der Stadtbücherei in Basra eingefunden, um eine Woche lang zu schreiben: Araberinnen, Kurdinnen, Assyrerinnen, Schiitinnen, Sunnitinnen, Christinnen.
08.03.2016, 00:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Poesie als Therapie
Von Birgit Svensson

Ashti sitzt der voll verschleierten Haura gegenüber und kann die Aufgabe nicht lösen, die die Trainerin zum Kennenlernen gestellt hat. „Wie soll ich denn erraten, was sie gut findet, wenn ich ihr Gesicht nicht sehen kann?“ 20 Frauen aus dem ganzen Irak haben sich in der Stadtbücherei in Basra eingefunden, um eine Woche lang zu schreiben: Araberinnen, Kurdinnen, Assyrerinnen, Schiitinnen, Sunnitinnen, Christinnen. Was sie verbindet, ist die Faszination für Lyrik. Sie wollen Gedichte schreiben lernen oder ihre Kenntnisse perfektionieren. „Schreiben für das Leben“ heißt das Motto des Lyrik-Seminars, das das Goethe-Institut im Irak zum ersten Mal organisiert.

Als die Kurdinnen aus Suleimanija im südirakischen Basra eintreffen, bringen sie die Vorurteile mit, die im Vielvölkerstaat Irak derzeit allgegenwärtig sind. Sie haben lange gezögert, die 800 Kilometer in den Süden zu reisen. Seitdem die Zentralregierung in Bagdad den Kurden den Geldhahn zugedreht hat und diese ihr Öl auf eigene Rechnung verkaufen, ist der Graben noch tiefer geworden. Hinzu kommt, dass der Süden Iraks als extrem konservativ gilt, Kurdistan im Nordosten des Landes dagegen als fortschrittlich und modern. „Im Süden laufen doch nur Pinguine herum“, reflektiert eine der Kurdinnen bei der Ankunft in Basra die gängige Meinung. Sie habe ihren Minirock zu Hause gelassen. Wegen ihres schwarzen Umhangs, des ebenso schwarzen Schleiers und dem weißen Haarband darunter, werden die Frauen in Basra geläufig als Pinguine bezeichnet.

Zwischen Ashti aus Kurdistan und Haura aus Basra liegen Welten, so scheint es. Doch Gesichtsschleier sind auch in Basra selten. Haura ist eine Ausnahme. Die junge Araberin ist ihrerseits misstrauisch, will nicht erkannt werden, wenn sie sich mit fortschrittlichen Frauen aus Kurdistan, Bagdad und sogar Deutschland trifft. Es könnte ein schlechtes Licht auf sie werfen. Doch am nächsten Tag kommt Haura ohne Gesichtschleier, in buntem Kostüm und Kopftuch. Die Vorurteile halten nicht lange.

Der Irak ist ein Lyrik-Land. Hier werden so viele Gedichte geschrieben, wie sonst nirgends im Mittleren Osten. Große Poeten der Vergangenheit kommen aus dem Zweistromland. Abul Tayyeb al-Mutanabi oder die Dichter aus Tausendundeiner Nacht stehen für eine jahrhundertealte Lyrik-Tradition. Auch heute ist Dichtung im Irak populärer denn je. Es gehört zum guten Ton, Gedichte zu schreiben, sie drucken zu lassen und an Freunde und Bekannte zu verschenken. Dies gilt für Männer und Frauen. Aber die Männer sind in der Überzahl.

Die Poesie ist zum Ventil für Gefühle und Erfahrungen geworden, zur Therapie für Traumata und Depressionen, den Folgen von Krieg und Terror. „Hier fängt man nicht bei Null an“, reflektiert Leila Chammaa die Arbeit mit den Frauen in Basra. Die Berlinerin mit libanesischen Wurzeln hat sich als Übersetzerin arabischer Poesie ins Deutsche einen Namen gemacht. Schreibwerkstätten wie diese in Basra haben sich daraus ergeben. Auf die Fragen zum Sinn der Dichtung habe sie präzise Antworten erhalten. Rhythmus, Pausierungen und Analysen von Gedichten seien den Frauen schon geläufig gewesen. Vergleiche zwischen alter und neuer arabischer Dichtung wurden mit Enthusiasmus durchgeführt. Einige hätten es geschafft, aus den Konventionen herauszutreten, seien wachgerüttelt worden. Enas aus Basra bezeichnet das Schreiben als ein Eintauchen in eine andere Welt.

Es ist vor allem der gesellschaftliche Druck, der derzeit auf die Frauen lastet. Die wirtschaftliche und politische Krise im Irak lassen wenig Raum für die Belange der Frauen. Das Patriarchat verfestigt sich weiter, religiöse Autoritäten nutzen die Sicherheitslage zuweilen schamlos aus, um die Unterwürfigkeit der Frauen zu zementieren. „Wir waren schon mal weiter“, sagen die Teilnehmerinnen aus Kurdistan und ihre Kolleginnen aus Bagdad nicken zustimmend. „In Basra dominiert die Schere im Kopf“, sagt Muntaha, eine der wenigen Dichterinnen im Süden, die sich nicht scheut, offen auszusprechen, was andere nur unter vorgehaltener Hand äußern

.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+