Poetry Slam Poesie mit Mut-Faktor

Moderne Dichterwettstreits sind ungeheuer beliebt. Doch warum stellen sich junge Leute freiwillig auf eine Bühne?
28.09.2016, 19:36
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Poesie mit Mut-Faktor
Von Carolin Henkenberens

Was wollte Joseph von Eichendorff mit seiner „Mondnacht“ aussagen, welches Versmaß hat Goethes „Zauberlehrling“? Gedichtinterpretationen sind bei vielen Schülern unbeliebt. Die Sprache ist ihnen zu verstaubt, nicht zeitgemäß genug. Doch wenn in Bremen zum Poetry-Slam geladen wird, ist volles Haus. „Schon der erste Slam war komplett ausverkauft“, erinnert sich Fabian Ariafar, der das Slammer-Filet im Tower seit der ersten Stunde mitorganisiert. Im März 2008 war das, seither ist die Veranstaltung immer größer und beliebter geworden.

Es scheint kaum noch einen Ort in Deutschland zu geben, an dem nicht geslammt wird. In Bremen gibt es gleich mehre Poetry-Slams: Die größten sind jene im Tower und im Lagerhaus. Gelegentlich laufen auch Wettbewerbe an der Uni, in der Kulturwerkstatt Westend, im Kuß Rosa und im Kulturzentrum Kukoon in der Neustadt sowie im Kito in Vegesack. Es gibt zudem Slams in Orten um Bremen, wie Achim, Delmenhorst, Oldenburg, Verden und am 23. September erstmals in Osterholz-Scharmbeck. Sogar op Platt wird geslammt.

Ein Aushang brachte alles ins Rollen

Es war ein kleiner Aushang, ein Zettel an einer Bürotür einer Universitäts-Dozentin, der alles ins Rollen gebracht hat. „Es wurden Helfer gesucht für die Organisation eines U20-Slams in Berlin“, erzählt Fabian Ariafar, der mittlerweile Lehrer für Deutsch und Englisch in Bremen-Blumenthal ist. Ariafar und einige Kommilitonen fuhren nach Berlin und lernten dort, was Poetry-Slam ist. „Wir dachten: Das müssen wir auch in Bremen machen“, erzählt er. Im Lagerhaus gab es damals schon einen Slam, bei dem war es aber auch erlaubt, zu singen. Die Gruppe von ehemaligen Lehramtsstudenten richtet bis heute ehrenamtlich das Slammer-Filet aus.

Lesen Sie auch

Bremen war, verglichen mit Berlin, spät dran: Schon 1994 organisierte der Berliner Filmemacher Wolfgang Hogekamp den ersten Slam in Deutschland, 1997 die erste deutschsprachige Meisterschaft. Ursprünglich stammt Poetry-Slam aus den USA, wo er als Teil der „spoken word“-Kultur entstand. Entscheidend beim Poetry-Slam ist nämlich nicht nur der selbst geschriebene Text, sondern vor allem die Darbietung auf der Bühne. Im Gegensatz zu einem Gedicht von Heinrich Heine, das geschrieben und stumm gelesen vollkommen ist, muss Slam-Poetry – also für den Vortrag geschriebene Lyrik oder Prosa – vorgetragen werden, um ihrem Namen gerecht zu werden.

Warum ist Poetry-Slam so erfolgreich?

Doch wieso steigen so viele junge Menschen freiwillig auf eine Bühne? Warum ist Poetry-Slam so erfolgreich? Der 28 Jahre alte Kristof Kipp kann es erklären. Der gebürtige Delmenhorster tritt seit Februar 2013 regelmäßig als Slam-Poet in der Region auf. „Für mich ist Poetry-Slam eine Art Therapie“, sagt er. Er leide an Depressionen. „Die Auftritte und das Schreiben helfen mir, meinen Kopf frei zu bekommen.“ Kipp mag es, dass er mit seinen Texten dazu beitragen kann, dass Menschen aus dem Publikum sich über gesellschaftliche Strukturen und politische Themen Gedanken machen. Zudem gefällt ihm die Gemeinschaft der „Slamily“, wie sich die Szene selbst nennt. „Es gibt einen großen Zusammenhalt.“

„Es ist ein gewisser Mut-Faktor dabei“, sagt Kipp. „Man muss sich vor dem ersten Auftritt schon sagen: Ich traue mich das jetzt, ich kann das.“ Genau das sei die Idee von Poetry-Slam: Jeder kann mitmachen, es gibt kein Gut oder Schlecht. Jeder kann Poet sein. Kipp sagt, er möchte mit seinen Auftritten jeden ermutigen, es auch zu probieren. „Die Leute sollen denken: Guck dir den komischen Vogel an, das kann ich auch!“

Mehr Selbstbewusstsein durch Poetry-Slam

„Ich bin durch Poetry-Slam auf jeden Fall selbstbewusster geworden“, sagt Simeon Buß, der unter dem Künstlernamen Sim Panse auftritt. „Es macht mich glücklich, wenn mir jemand nach einem Auftritt sagt: Dein Text hat mir aus der Seele gesprochen.“ Meistens schreibt er politische Texte, sagt er. „Ich habe einen großen Gerechtigkeitssinn und lustige Poeten gibt es schon viele.“ Eine Botschaft rüberzubringen, Menschen zu bewegen ist ihm wichtig. Buß ist amtierender Landesmeister für Bremen und Niedersachsen. Der Student will das Poetry-Slammen zu seinem Beruf machen. Vom Honorar, das er für Workshops und Auftritte erhält, könne er mittlerweile leben. Buß wollte früher Kinderbuchautor oder Schauspieler werden. „Mir gefällt die Kombination aus dem Schreiben und dem Vortragen auf der Bühne“, sagt der 28-Jährige. Poetry-Slammer sei deshalb sein absoluter Traumberuf.

Lesen Sie auch

Gerade für junge Menschen könne Poetry-Slam zur Persönlichkeitsbildung beitragen, sagt Petra Anders. Sie ist die Dozentin, die damals an ihrer Bürotür den Aushang aufgehängt hat. Mittlerweile ist sie Juniorprofessorin für Schulpädagogik an der Universität Leipzig. „Beim Verfassen von Slam-Poetry lernt man, über seine Gefühle zu schreiben. Zudem muss man Verantwortung für seine Texte übernehmen.“

Die Wissenschaftlerin promovierte 2010 in Bremen über den Einsatz von Poetry-Slam im Deutschunterricht. In Bremen ist Poetry-Slam im Lehrplan festgeschrieben. „Schülerinnen und Schüler in Deutschland sind es nicht gewohnt, selber kreativ zu schreiben“, sagt Anders. Aber kann Poetry-Slam Begeisterung für Lyrik wecken? Durchaus, sagt Petra Anders. Teenager erlebten durch Slam-Poetry, dass Literatur nicht nur wertvoll ist, wenn sie aus alten Worten besteht, wie sie Eichendorff oder Goethe benutzten. Sondern auch, wenn sie die eigene, jugendliche Sprache verwendet.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+