Pokal und Provinz

Was für ein Glück, dass die gen Weserstadion strömenden Fans den Dichter am Freitag gegen 19.30 Uhr zwar touchierten, ihn aber keiner Leibes- oder gar Gepäckvisitation unterzogen.
09.12.2018, 00:00
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Pokal und Provinz
Von Hendrik Werner

Was für ein Glück, dass die gen Weserstadion strömenden Fans den Dichter am Freitag gegen 19.30 Uhr zwar touchierten, ihn aber keiner Leibes- oder gar Gepäckvisitation unterzogen. Anderenfalls wäre Moritz Rinke, der im Anschluss an den WESER-Strand-Talk noch die zweite Halbzeit des Werder-Spiels gegen Fortuna Düsseldorf erleben wollte, womöglich seines wertvollen Mitbringsels verlustig gegangen: In einem wuchtigen Koffer trug der Hardcore-Fußballanhänger eine prachtvolle Kopie des DFB-Pokals mit sich; gefertigt von der Bremer Silberschmiede Koch & Bergfeld.

Wenn es Werder in der dritten Runde am 5. Februar gelingen sollte, Borussia Dortmund zu schlagen, prognostizierte Rinke mutig, „holen sie den Pokal“. Kann angesichts dieses kollektiv ins Werk gesetzten Beschwörungsrituals überhaupt noch etwas schiefgehen mit Werders Durchmarsch gen Finale in Berlin? So oder so wird sich der Schriftsteller – sozusagen naturgemäß – an seinen Worten messen lassen müssen.

Weniger Worte wendete Rinke auf, um eine ihm vom WESER-Strand-Talkgast Jan Böhmermann hinterlassene Frage zu beantworten: Wie man es schaffen könne, die (ostdeutsche) Provinz zurückzugewinnen, hatte der Satiriker in leicht sibyllinischem Vokabular erfahren wollen. Böhmermann dürfte – wohl noch unter dem Eindruck der Ausschreitungen in Chemnitz – gemeint haben, wie es möglich sein könne, Teilen der Bevölkerung in randständigen Gegenden das Gefühl zu nehmen, abgehängt worden zu sein.

Weil sich die als Aufklärungsmission zu verstehende Frage offenkundig weder Rinke noch Brüggemann in Gänze erschloss, sprachen sie nicht über Chancen und Risiken eines provinziellen Demokratieverständnisses, sondern über Landluft und Landlust. Unterhaltsam war auch das. Seit der Geburt seiner jetzt zweieinhalbmonatigen Tochter, sagte Rinke, verspüre er ungleich mehr Sehnsucht nach ländlichem Idyll als zuvor. Die habe er auf Lanzarote stillen können, wo er wegen eines literarischen Projekts zeitweilig lebt.

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